Amee Brooks

11722103_995323077164783_1774146631088327005_oAutoreninterview mit Amee Brooks am 19.7.2015

Amee Brooks wurde 1962 in Berlin geboren und lebt seit 2012 wieder in ihrer Hauptstadt.
Sie arbeitet seit langer Zeit im Vertrieb und schreibt nebenbei ihre Autobiografien.
Mit 16 Jahren hat sie Berlin verlassen und der Stadt 35 Jahre den Rücken zugewandt. Aber wie es mit echten Berlinern ist, ein Koffer steht immer in der Stadt, irgendwo versteckt. Nach 35 Jahren hat sie ihn für immer ausgepackt und nicht einen Tag davon bereut.
Sie hat begonnen, über ihr Leben zu schreiben und daraus ist das Buch ‚Nadine, von Gott vergessene Kinder‘ entstanden.
Heute ist Amee alias Nadine glücklich verheiratet und beruflich erfolgreich, Mama von zwei Kindern, die mittlerweile ihre eigenen Wege gehen und Oma von drei Enkelkindern. Sie lebt zurückgezogen am Berliner Stadtrand und genießt die Ruhe in ihrem Leben mit jeder Sekunde.
Zu ihren Hobbies außer dem Schreiben gehört Musik und Lesen sowie Schwimmen.
Sie hat lange gebraucht, um so ein Leben führen zu können und beschreibt das in ihren Büchern authentisch.

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Hallo Amee, du schreibst autobiographisch – wie geht/ging deine Familie damit um?
Meine Familie tut sich auch nach 35 Jahren mit dem Thema sehr schwer. Mein Sohn und auch meine Tochter haben immer wieder Probleme damit. Mein Mann kennt mich aus der Zeit und steht voll hinter mit. Es ist auch heute noch immer mal wieder ein Thema
War es schwer, deine eigene Geschichte aufzuschreiben?
Der zweite Teil ist für mich gerade der Horror, denn da passiert soviel, dass ich oftmals aufhören muss zu schreiben. Denn man erlebt alles noch einmal und das tut höllisch weh
Du schreibst unter Pseudonym, wenn ich das richtig sehe, also werden deine Kinder nicht direkt mit dir in Verbindung gebracht?
Nein genau deswegen. Ich möchte einfach auch für mich mit diesem Thema abschließen und denke, dass es daher besser ist, Inkognito zu bleiben. Sie waren auch der Grund warum ich angefangen habe zu schreiben
Wie gehst du selbst damit heute um? Ist es dir gelungen, alles in dem Buch aufzuarbeiten? Du wohnst ja in Berlin – meidest du Orte des Geschehens, die wo Erinnerungen hervorrufen, oder kannst du damit umgehen?
Ich gehe gerne an alte Orte, die ich kenne, weil sie mir zeigen, dass ich es geschafft habe, sie inspirieren mich und machen mir Mut
Hast du jemanden mit dem du intensiv verarbeiten kannst? Neben dem Schreiben selbst. Ich kann mir vorstellen, dass der Entscheid, das alles zu schreiben und auch zu veröffentlichen nicht einfach war. Was hat dich immer wieder motiviert?
Mein Mann hat mich motiviert. Er war der Meinung, dass es wichtig ist alles zu Papier zu bringen und heute bin ich ihm unendlich dankbar. Ich gehe meist mit meinem Mann dort hin. Wir fahren dran vorbei und ich erzähle. Es ist komisch, aber es kommt mir vor wie ein anderes Ich, ein anderes Leben
Ist es nicht manchmal schwer, die Erinnerung in Worte zu fassen?
Es ist verdammt schwer und haut mich manchmal schier vom Hocker. Aber ich schreibe gerne und es tut mir gut
Wie ist es denn jetzt, nachdem das Buch erschienen ist? Was hat sich verändert? Kommen die Leute auf dich zu, Presse vielleicht? Du hattest mal erwähnt, du warst schon damals in der Presse. Ich habe gehört, dass du bald einen Auftritt im Fernsehen hast. Ist da was dran? Kannst du uns dazu was erzählen?
Es stimmt. Mein Verlag hat angekündigt, dass ich im Herbst beim SWR Nachtcafe auftreten soll ….auch Anonym, also mit Perücke und Brille
Wie ist denn heute Deine Einstellung zur Sexualität – z.B. in Deiner Ehe?
Ein ganz besonderes Thema. Ich bin eine ganz normale Frau und habe immer einen Unterschied gemacht zwischen dem Milieu und dem Privaten, ich liebe meinen Mann und genieße jeden Austausch von Zärtlichkeiten mit ihm
Wenn ich das mal zwischendurch anmerken darf: Ich bin davon überzeugt, dass dein Buch eine große Nummer werden kann. Der Erfolg von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist ein gutes Beispiel und deine autobiografische Geschichte wird dem folgen – es muss nur überall bekannt werden.
Naja, man wird sehen. Ich denke, das alles lasse ich auf mich zukommen. Aber ich verspreche, Bescheid zu geben, wenn es soweit ist
Spätestens dann dürfte eine Großteil der Presse darauf aufmerksam werden. Ich freue mich für dich, Amee.
Wie gehst Du damit um, wenn alte Ängste und Gefühle sich nach oben bahnen?
Ich habe viele Dinge, mit denen ich heute noch Probleme habe, ich kann zum Beispiel mich nicht in der Nähe von Afroamerikanern aufhalten. Ich habe dann Angst ….oder ich hasse betrunkene Männer. All das liegt in meiner Vergangenheit. Ich weiß das und kann damit mittlerweile umgehen. Und ich bin unansprechbar, wenn ich schreibe
Was hast du als nächstes geplant?
Ich schreibe am zweiten Teil und dann folgt der Dritte. Danach möchte ich gerne einen Roman schreiben der die Erotische Amee zeigt
Es ist ja ein gewaltiger Unterschied, die eigene Geschichte für eine Veröffentlichung aufzuschreiben. War es dein Mann, der dir Mut machte? Oder wie war der Moment, als du dich dazu entschlossen hast?
Ich kann mich da nur wiederholen. Mein Mann hat mich motiviert. In erster Linie war es schon immer mein Wunsch, das Buch zu schreiben. Aber mein Mann hat mir in den Hintern getreten es auch zu tun
Was willst Du mit Deinem Buch erreichen ? Finanziellen Erfolg oder Berühmtheit ?
Berühmtheit? Keine Ahnung. Finanziell denke ich werde ich nicht viel verdienen. Aber so ein klein bisschen Erfolg, also eine Mischung aus beidem wäre schön
Kommst du noch ab und an mit dem Milieu in Berührung?
Nein. Gott sei Dank nicht, ich habe alle Brücken abgebrochen und bin deshalb auch wieder nach Berlin gezogen. Ich werde oftmals zwar noch mit meiner Vergangenheit konfrontiert, wenn mal wieder ein Mensch meint, mir das vorzuhalten, aber mit dem Milieu habe ich nichts mehr zu tun
Es ist ja oft so, dass Menschen aus der Vergangenheit keine Ruhe geben
Da hast Du recht. Aber es gibt Mittel und Wege, das abzustellen und seit einigen Jahren habe ich Ruhe

Das freut mich für dich
Du sagtest, dass du einen neuen Roman planst, sobald du das dritte Buch fertig hast. Wirst du es unter gleichem Pseudonym veröffentlichen oder ein Neues, damit dies nicht in Verbindung gebracht wird?
Ich werde das unter einem neuen Pseudonym machen, denn Amee ist Nadine. Es wäre falsch denke ich, wenn ich unter diesem Pseudonym etwas anderes schreibe
Die älteren unter uns erinnern sich sicher an den Trubel um Christiane F. Hast du nicht auch ein wenig Angst davor, wenn dein Buch jetzt bekannter wird?
Nicht wirklich. Einer der beiden Autoren von Christiane F. ist ein Bekannter von mir. Er hat mein Buch gelesen, und er meinte, das Buch sei sehr gut, aber die Zeit dafür vorbei. Daher gehe ich nicht von einem Hype zu diesem Thema aus
Ich könnte mir vorstellen, dass genau dadurch der Hype wieder ausbrechen könnte.
Ich hätte davor schon Angst, aber daran habe ich nicht gedacht, als ich das Buch schrieb. Ich habe so vieles erst nach der Veröffentlichung wahr genommen
Was zum Beispiel?
Dass so ein Buch, wenn man die Person dahinter kennen würde, eben auch ein großer Nachteil sein kann. Viele, die mich kennen und nichts davon wissen, würden ganz anders von mir denken
Es gehört sehr viel Mut dazu, sich der Vergangenheit und seinen Gespenstern zu stellen. Ich bewundere, wie du damit umgegangen bist und umgehst. Du meinst, du wärst für bestimmte Leute nicht mehr die gleiche, liebenswerte Person?
Auch wenn ich jetzt eine ganz andere bin, ist es ein großer Teil meines Lebens. Und das würde mir immer ein Stein im Weg, im privaten Weg sein. Man würde mich mit anderen Augen sehen und wir wissen alle, dass das nicht immer gut ist. Das Klischee einer Prostituierten hat sich leider nicht geändert

Diese Angst kann ich verstehen. Aber diese Menschen kennen ja die wahrhaftige „Amee“ und wenn sie dann anders denken würden, bzw. negativ, sind sie voller Vorurteile. Wenn ich das richtig verstanden habe bereust Du Deine Vergangenheit ??
Ja sicher. Aber sie gehört nun mal zu meinem Leben dazu, also muss ich sie akzeptieren. Und mal ganz ehrlich, nur was ich heute bin zählt. Und das wäre ich nicht ohne meine Vergangenheit, auch wenn sie nicht schön war Prostitution ist heute ein Beruf wie jeder andere auch – es halten sich leider die Vorurteile in der Gesellschaft.
Ich bewundere jede Frau, die diesen Job heute noch macht, und habe nie den Bezug zu diesen verloren. Ganz im Gegenteil, ich weiß wie es ist und habe daher keine Vorurteile
Ich denke, wir wollen uns nur einreden, es wäre ein Job wie jeder andere. Dafür ist das intimste, innere Gefühl zu sehr belastet. Und damit meine ich die Persönlichkeit an sich. Die meisten würden bestimmt lieber einen „normalen“ Job haben. Du gibst ihnen ein wenig Mut, es anzugehen.
Da hast Du vollkommen Recht! Danke schön
Wie kommt man als junges Mädchen überhaupt dazu, im Rotlichtmilieu zu arbeiten? Vergewaltigung ist eine Sache – aber nicht alle Frauen, die mal vergewaltigt wurden, gehen anschließend anschaffen.
Auch damit hast Du recht. Es ist eine Suche, die Suche nach Aufmerksamkeit und Selbstbestätigung. Eine Suche nach Liebe, eine Suche, die immer unbefriedigt bleibt im Rotlichtmilieu
Vielen Dank, Amee. Ich ziehe meinen Hut. Vor dir, deinen Mut, in die Öffentlichkeit zu gehen und dich hier den Fragen zu stellen. Ich danke dir für deine Offenheit und lass uns wissen, wann wir dich im TV sehen dürfen. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Erfolg für deine Bücher – das hast du verdient!

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