Silke Bauerfeind

11850471_876251899136821_4365953403135326532_oAutoreninterview Silke Bauerfeind

16.11.2015

Das Autoren_Netzwerk freut sich, die Autorin Silke Bauerfeind interviewen zu dürfen.

Silke Bauerfeind wurde 1970 geboren und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Nürnberg.
Sie studierte Kulturwissenschaften mit den Fächern Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte und arbeitet als Autorin und freischaffende Künstlerin.
Ihr Schreiben wird unter anderem von dem Zusammenleben mit ihrem autistischen Sohn geprägt.
Nach zwei Lyrikbänden veröffentlichte sie gemeinsam mit der autistischen Malerin Kristin Behrmann das Kunstbuch „Meine Lieblingsfarben klingen“.
Im September 2015 kam ihr neues Buch „Blütenschwarz“ mit vier biographischen Erzählungen heraus.
Die Autorin und Künstlerin erstellt zu ihren Texten auch Fotocollagen, die sie auf Leinwand druckt und ausstellt.

Einen umfassenden Einblick in ihre Arbeiten gibt ihre Website mit eigenem Shop.
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Hallo Silke, erst einmal danke dafür, dass wir Dir einige Fragen stellen dürfen. Woher kommt Deine Begeisterung zum Schreiben?

Ich glaube, das sind die Gene – mein Opa hat auch schon viel geschrieben!

Wann hast Du mit dem Schreiben begonnen?

Das erste Zusammenhängende waren, denke ich, meine Tagebücher. Damit habe ich so mit 10 Jahren angefangen und dann auch 10 Jahre lang durchgeschrieben. Dann habe ich als Jugendliche einen Tenniskrimi geschrieben. Habe mich wohl zu viel auf solchen Plätzen herumgetrieben. Und dann… tja, dann trat eine Pause ein… und dann habe ich erst wieder wirklich geschrieben als ich studierte.

Hast Du auch schon einmal einen Liebesroman oder -geschichte geschrieben?

Naja, meine Tagebücher waren z.T. Liebesromane , aber einen richtigen Liebesroman – nein.

Wann hast Du „ernsthaft“ mit dem Schreiben angefangen?

„Ernsthaft“, wenn man so will, vielleicht mit Mitte 30.

Du schreibst, dass Du mit 10 Jahren angefangen hast Tagebücher zu schreiben. Dürfen wir annehmen, dass Du Dich im Genre Biographie zu Hause fühlst?

Biographien mag ich gern, ja.

Wie viel Zeit verwendest du für Deinen Blog pro Woche?

Für den Blog verwende ich relativ viel Zeit, weil ich dafür viel recherchiere oder viele Zuschriften „verarbeite“ – aber das Blogschreiben macht mir auch sehr viel Freude.

Was und wer inspiriert Dich zum/beim Schreiben?

Inspiration bekomme ich v.a. durch meine Mitmenschen, die Natur und meine Träume

Bist Du bei einem Verlag unter Vertrag?

Nein.

Seit wann beschäftigst Du Dich mit dem Thema Autismus?

Mit dem Thema Autismus beschäftige ich mich seit etwa 12 Jahren – ich habe einen autistischen Sohn.

Wie alt ist Dein Sohn, soll heißen, wann hast Du bemerkt, dass er besonders ist?

Mein Sohn ist knapp 16 Jahre alt. Besonders ist er schon immer, war schon als Baby auffällig. Die Diagnose frühkindlicher Autismus hat er mit 6 Jahren bekommen.

In wie weit beeinflusst Dein Sohn Dein Schreiben?

Das beeinflusst mein Schreiben sehr. V.a. meinen Blog „Ellas Blog“, den es ohne meinen Sohn gar nicht geben würde.

Kannst Du spontan sein? Beim Schreiben?

Ja. Wenn mich etwas ärgert, sehr berührt oder aufwühlt, dann ja. Nur manchmal empfiehlt es sich dann, solche Texte länger liegen zu lassen und besonders lange zu warten bis ich sie veröffentliche.

Schreibst Du bei Deinen Geschichten einfach oder planst Du alles bis ins kleinste Detail, ehe Du dem Schreibfluss die Chance gibst?

Das ist ganz unterschiedlich. Bei meinem neuesten Buch „Blütenschwarz“ habe ich mir vorher Pläne gemacht, z.T. Stammbäume und Charakterprofile. Wenn ich für meinen Blog schreibe, schreibe ich meistens los.

Wie kriegst Du das alles unter einen Hut? Ich habe mit Autismus keinerlei Erfahrung oder bisher Berührung gehabt, aber es liest sich, als müsste man eine enorme Kraft in sich haben…und doch findest Du die Zeit zum Schreiben…

Ich habe das Glück, vormittags schreiben zu können. Manchmal meinen wir, dass das, was Kraft kostet NUR Kraft kostet, aber mir schenkt dieses besondere Leben auch viel Kraft und die vielen Zuschriften anderer Familien, Eltern, die in ähnlichen Situationen sind, motivieren sehr.

Man wächst also mit seinen Aufgaben?

Das wäre pauschal zu einfach, da man auch daran scheitern kann, denke ich. Aber man kann auch daran wachsen, ja. Sehr viel hängt vom Umfeld ab. Ich habe eine tolle Familien, die unterstützt.

Würdest Du sagen, dass es auch ein Geschenk ist, ein „besonderes“ Kind zu haben? Wird man ein „besserer Mensch“?

Naja, „besser“ würde ich nicht sagen, das wäre doch zu vermessen. Aber es eröffnet die Möglichkeit, neue Seiten an sich zu entdecken und zu entfalten, die man vorher vernachlässigt hat oder von denen man nichts wusste.

Ich kann mir vorstellen, dass es ohne ein gesundes Netzwerk schwer ist.

Ja, das stimmt. Ich lese oft von Müttern oder Vätern, die alleine sind. Davor habe ich großen Respekt, denn es ist eine große Aufgabe und große Verantwortung, die man dann alleine tragen muss.

Gibst Du als Berufsbezeichnung Autorin an?

Ja.

Du schreibst auch Reiseberichte!? Planst Du die Reisen bereits hinsichtlich des Schreibens….oder sind es private Reisen wo sich „zufällig“ ein Bericht draus entwickeln kann?

Es sind private Reisen. Und es sind auch nicht wirklich Reiseberichte – das ist wirklich eher ein Hobby.

Schreibst Du täglich?

Ja, ich schreibe täglich, wenn nichts Außerordentliches dazwischen kommt.

Hast Du eine fotografische Ausbildung? Deine Fotos sind echt klasse!

Danke für das Kompliment. Aber nein, ich habe keine fotografische Ausbildung. Zu den Fotos: In Norwegen, wo ich meistens unterwegs bin, kann man eigentlich nur schöne Fotos machen.

Setzt Du Dir selber Termine wann Du fertig sein willst?

Ja manchmal, aber das ist meistens utopisch. Ich muss noch lernen, mir realistischere Ziele zu setzen.

Wie findet Deine Familie das Schreiben? Dein Schreiben?

Inzwischen finden sie es gut. Aber ich denke, das kennt jeder, der selbst schreibt: man muss da durch verschiedene Phasen durch bis es ernst genommen wird.

Schreibst Du auch per Hand?

Von Hand nur manchmal, wenn ich Lyrik schreibe. Sonst eigentlich nur am PC.

Hast oder hattest Du schon Lesungen? Und wie bereitest Du Dich darauf vor?

Ja, einige. Ich war gerade erst Freitag und Samstag in Peine und Celle bei Lesungen. Das war sehr schön. Ich überlege mir je nach Veranstalter ein Konzept. Wenn es Schwerpunkt Autismus ist, sieht es anders aus, als wenn es kein Autismus-Verein ist. Dann spreche ich die Lesung mindestens einmal zuhause durch und stoppe dabei die Zeit, da man sich da sehr vertun kann. Und dann plane ich ganz viel Zeit für Spontanes ein, da es schön ist, mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen.

Hast Du Lampenfieber?

Na klar! Das gehört dazu.

Hast Du im Moment ein neues Projekt / Roman?

Im Moment schreibe ich ein Kinderbuch zu Ende und arbeite an einem Konzept zu einem Buch zu „Ellas Blog“. Es ist schade, dass Blogbeiträge so schnell im Netz verpuffen, daher möchte ich sie gern ausführlicher ausarbeiten und dann als Buch drucken.

Kinderbuch: für welches Alter?

Etwa 8 bis 15 Jahre … das ist schwer zu schätzen. Da muss ich dann noch einen Fachmann für Kinderbücher fragen.

Deine Blogs sind sehr hilfreich! Die Idee hierzu ein Buch zu schreiben finde ich super.

Danke.

Du hast einen eigenen Shop. Auf welchen Wegen kann man Deine Bücher sonst noch beziehen?

Einige kann man ganz normal im Buchhandel kaufen, mein vorletztes Buch, das ich gemeinsam mit einer Autistin geschrieben habe, nur bei mir und bei einem Autismus-Buchshop. Das ist unterschiedlich.

Entwirfst Du Deine Buchcover selber?

Bisher ja – aber vielleicht werde ich in Zukunft mal einen Fachmann oder eine Fachfrau ranlassen.

Ein Fachmann oder Fachfrau? Bei Deinem Talent?

Jetzt machst Du mich aber verlegen – ich glaube bei der Covergestaltung kann ich mir bei anderen noch eine dicke Scheibe abschneiden.

Liest Du gerne/viel?

Ja, ich lese gern. Im Moment aber leider zu wenig. Meistens schreibe ich, wenn ich Zeit habe.

Was war als Kind Dein Lieblingsbuch?

Pippi Langstrumpf und vorher Pitjepuk der kleine Briefträger.

Wie entspannst Du, wenn es Dir mal zuviel wird? (Hoffe das ist nicht zu persönlich? Dann nicht beantworten)

Musik hören, Badewanne, Wohnmobilfahren, mit meinem Mann einen ruhigen Abend verbringen. Ein Glas Wein oder zwei. Fotografieren, Fotos bearbeiten (entspannt mich auch).

Kommst Du denn zwischendurch auch mal zum Lesen? Und wenn ja, was liest Du den am Liebsten?

Entweder Kafka oder Allende oder Gabaldon oder Astrid Lindgren, die mag ich immer noch.

Das erste was ich von Dir las, waren Deine Erklärungen über Autismus für Kinder. Das hat mich sehr neugierig gemacht!

Das war ein Beitrag, den ich ursprünglich für „Helles Köpfchen“ geschrieben hatte. Ein Portal für Kinder und Jugendliche. Dann fand es so viel Anklang, dass wir es auch gedruckt haben. Ich bin sehr froh, dass es in vielen Schulklassen Anwendung findet.

Das ist ein ganz wichtiger Artikel, nicht nur in Zeiten der Inklusion! Auch für manchen Erwachsenen ein erster Zugang zum Thema „Autismus“!

Wenn Du neue Buchprojekte hast, versuchst du es erst bei Verlagen?

Das ist eine gute Frage. Beim vorletzten Buch – nein. Das habe ich mit einer Autistin gemeinsam geschrieben und eine dritte Partei dazu wäre zu kompliziert geworden, außerdem hatten wir selbst alle „Marketing-Kontakte“. Je nach Projekt, würde ich sagen.

Hast Du auch öfter Kontakt zu erwachsenen Autisten?

Ja, ich habe oft Kontakt zu erwachsenen Autisten. Das finde ich sehr wichtig und bereichernd. Eine Autistin ist inzwischen zu einer meiner engsten Freundinnen geworden. Ich habe dann oft das Gefühl, dass sie mir manchmal übersetzen können, was mein Sohn mir nicht sagen kann. Das ist unglaublich wertvoll.

Was wolltest Du immer mal Schreiben und hast es doch noch nicht getan?

Einen historischen Roman.

Was hält Dich ab, einen historischen Roman zu schreiben, außer Zeitmangel?

Die Erzählung „Bittermandel“ in meinem neuen Buch „Blütenschwarz“ war eigentlich als größeres Romanprojekt gedacht. Dann habe ich umkonzipiert, weil es mich so „mitgenommen“ hat. Bisher waren immer andere Dinge im Vordergrund. Aber ich denke, es wird nicht mehr sooo lange dauern.

Bittermandel hat Dich mitgenommen!? Was ist das für eine Erzählung?

Bittermandel handelt vom zweiten Weltkrieg, Euthanasie und Schuldgefühlen – es ist eine Familiengeschichte. Hier findest Du eine bessere Beschreibung:

Blütenschwarz

Was beflügelt Deine Fantasie am meisten und wie sähe das als Bild aus?

Am meisten Ideen habe ich in Norwegen, auf den Lofoten, da sprudelt es nur so. Als Bild? Berge, Sonne, Weite, Meer, alles zusammen, hohe Wellen und eine Walflosse.

Wenn Du nur noch ein Buch lesen könntest, wäre es …?

von Nietzsche „das Sein und das Nichts“. Ganz klar – das habe ich im Studium für eine Hausarbeit angelesen und wollte es immer noch zu Ende lesen, weil es mich so fasziniert hat. Und es ist dick – da hat man lange was von.

Gibt es ein Buch, das Du gar nicht magst?

Ich mag Harry Potter nicht….. ich weiß, da bin ich ziemlich allein.

Welches Instrument (Musik) kommt Dir am nahsten?

Das Klavier, ganz eindeutig. Ich habe lange gespielt, war kurz davor, Klavier zu studieren.

Wie oft läuft bei Euch der Fernseher? Inspirieren Dich Filme? Und welche Musik hörst Du gerne?

Oft. Aber da sitzen immer andere davor. Filme…. ja, manchmal… „Die Unbestimmte“ fand ich neulich sehr inspirierend und „Honig im Kopf“. Wohl, weil es mich sehr an meine Großeltern erinnerte (Honig im Kopf). Ich höre gern Rockmusik: Mono Inc, Linkin Parc, Queen. Wenn ich schreibe, manchmal auch Orgelkonzerte.

Einige Deiner Texte wurden ja auch schon gesungen, hast Du eigene Kompositionen dazu geschrieben?

Nein, die Kompositionen kamen von der Opernsängerin Cornelia Götz. Sie hat inzwischen auch eine CD mit ihren Liedern zu meinen Texten aufgenommen. Ich werde das bald auf meiner Website bekannt machen.

Verschollen im Packeis, was würdest Du am meisten vermissen? Drei Dinge.

Meinen Mann, meine Tochter, meinen Sohn.

Würdest Du Dich als positiven Menschen bezeichnen?

Ja, durchaus. Aber ich kann auch eklig sein.

Keine inneren Dämonen?

Doch klar, aber wenn ich die hier aufzähle, dann lauft ihr alle davon, das will ich ja nicht.

Auf was könntest Du verzichten?

Fernseher.

Hat das Studium Dich (noch mehr) zum Schreiben motiviert?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe ja erst spät studiert, erst mit Mitte 30, das war ganz besonders und sehr inspirierend.

Was geht bei Dir gar nicht, also das NO GO?

Diskriminierung, Gewalt, Ignoranz.Und meine Kinder sind natürlich mein wunder Punkt. Da werde ich zur Löwin wie sicher jede Mutter.

Hast Du feste Zeiten zum Schreiben?

Ja – vormittags fest und abends und nachts je nachdem wie es mich packt.

Kannst Du Dir vorstellen nicht mehr zu schreiben?

Nein, ich kann mir nicht vorstellen, nicht mehr zu schreiben.

Was wünscht Du Dir für Deine Zukunft?

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass v.a. mein Sohn gesund und glücklich leben kann. Natürlich wünsche ich mir das auch für alle anderen, aber dieses Thema liegt mir besonders am Herzen. Barrierefreiheit für Autisten wäre toll.

Wie ist Deine Meinung zu Inklusion?

Da gibt es noch viel zu tun. Ich denke, dass es aber auch Grenzen gibt und dass manche Menschen auch trotz Inklusion nach wie vor einen Schutzraum brauchen. Dazu gehört z.B. auch mein Sohn. Es geht auch eher um eine Haltung, nicht um pauschale Gleichmacherei.

Bis jetzt an Regelschulen in Punkto Autismus eher ein Mythos.

Die Schulzeit ist für die meisten Autisten die schlimmste Zeit. Ich denke, das ist ein Indiz dafür, dass das überhaupt noch nicht klappt.

Würdest Du an Deinem Leben etwas ändern wollen?

An meinem Leben, nein. Ich wünsche mir manchmal mehr Gelassenheit. Vielleicht lerne ich das noch.

Wie schlimm war es hier für Dich? Lieblingsessen?

Schlimm – sehr schlimm! Nein, gar nicht schlimm. Lieblingsessen? Bratkartoffeln, aber nur, wenn sie ganz braun sind.

Ich finde es gut, dass Du Dich so für die Aufklärung über Autismus einsetzt. Das ist sehr wichtig.

Ja, Aufklärung ist der Schlüssel dazu, dass es hoffentlich immer weniger Diskriminierung gibt.

Hoffen wir das Beste … Vielen Dank für Deinen Charme und Deine Offenheit. Danke auch für die Beantwortung der zum Teil sehr persönlichen Fragen … ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg mit der Schreiberei und alles Gute für Dich und Deinen Sohn.

 

 

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