Gedichtewettbewerb: Rudolf Egger – Schneewitwer

Gedichtewettbewerb

Schneewitwer

Tief im Walde, unter Tannen
Liegt ein altes, kleines Haus.
Daraus sieben wackre Männer
Kommen morgens früh heraus.

Stehen fest auf kurzen Beinen,
Kräftig sind sie, stark und zäh,
Dass sie nicht sehr gross erscheinen,
Sieht man halt erst aus der Näh!

Tragen rote Zipfelmützen
Kleine Jacken, grobe Schuh,
Lederschurz um sich zu schützen
Scheinen eifrig, ohne Ruh.

Einer streicht die Frühstücksbrote
Und ein andrer kocht Kaffee
In des Ofens heissem Schlote.
(Auch mal Lindenblütentee).

Frisch gestärkt geht’s drauf zur Arbeit,
Tief im Stollen unterm Berg.
Denn des Goldes Glanz und Reinheit
Liebt ein jeder, auch ein Zwerg.

So vergehen viele Jahre
In der Zwerge Wald-WG,
Schon ergrauen erste Haare,
Abends tun die Knochen weh.

Eines Abends – welch ein Wunder
Steht ein Mädchen vor der Tür.
Hat nen Koffer voller Plunder
Fragt, ob sie könnt bleiben hier.

Sagt: „Mein Name ist Schneewittchen,
Ich komm aus des Königs Schloss,
Vater sagt, ich sei ein Flittchen,
Hätte Feuer unterm Schoss!“

Ei, was ist das ein Entzücken!
Jeder will der Erste sein,
Der Schneewittchen könnt beglücken,
Sie erlösen von der Pein!

Sie jedoch sagt: „Nur nicht drängeln,
Ihr seid ja nur sieben Mann,
Habe ich nichts zu bemängeln
Kommt ihr alle sieben dran!“

Jetzt beginnt ein lustig Treiben,
Denn von hinten und von vorn
Wollten sie es mit ihr treiben
Mit der Zwerge Wunderhorn.

Es vergeht kaum eine Stunde
Ohne dass ein Zwerg ward geil.
Schneewittchen dreht Rund‘ um Runde,
Auf der Zwerge edlem Teil.

Doch so etwa nach fünf Tagen
Geht bei Schneewittchen nichts mehr.
Sagt: „Ich muss euch leider sagen:
Morgen kein Geschlechtsverkehr!“

Jetzt ist bei den kleinen Rackern
Die Enttäuschung riesengross!
Da sagt einer von den Mackern:
„Das bestimmt allein der Boss!“

„Sofort wollen wir ihn fragen,
Ob er sie dies machen lässt.“
Doch sie müssen es vertagen
Denn ihr Boss schläft tief und fest.

Morgen, denken sie, geht’s weiter,
Doch derweilen kommt zum Haus
So ein junger, fescher Reiter
Als die Schöne tritt heraus.

Wie die Beiden sich so sehen,
Schlägt es ein grad wie ein Blitz!
Um Schneewittchen ist‘s geschehen
Aber auch der Prinz ist spitz!

Und da spricht der stolze Ritter
„Schöne Maid, nimm mich zum Mann,
Ich versprech dir Gold und Glitter,
Lässt du mich auch fleissig ran!

„Du allein bist’s, die ich suche!
Dir alleine bleib ich treu!
Ich befrei dich von dem Fluche!“
Und dann wirft er sie ins Heu.

Da lässt Wittchen sich nicht bitten
Schnappt sich diesen tollen Mann,
Und schon wird Galopp geritten,
Bis der Gute nicht mehr kann.

Als die Zwerge nach der Arbeit
Heimwärts kehren in ihr Haus
Sehen sie die nackte Wahrheit,
Ach was ist das für ein Graus!

Ihr Schneewittchen liegt im Bettchen
Kreidebleich und mausetot,
Und der Prinz, das feige Frettchen
Schleicht sich fort im Abendrot.

Während sich der Abend rötet,
Sucht er in der Flucht sein Heil,
Dieser Kerl hat sie getötet,
Denn zu eifrig war sein Pfeil.

So geht nämlich die Geschichte,
Wie, du sagst, dass dies nicht stimm?
Glaubst wohl noch an das Gedichte
Dieser ollen Brüder Grimm!

Nein, ich hab nicht übertrieben
Ich bin jemand, der sie kennt;
Ich bin einer von den Sieben,
Die man jetzt Schneewittwer nennt.

© Rudolf Egger

 

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