Gedichtewettbewerb: Andrea R Walla – Vergebung

Gedichtewettbewerb

Vergebung

„Wer ist’s?“ spricht die Gier,
schleicht leise und lauernd zur Tür.
Ein Poltern hat sie vernommen,
War es wahr oder der Phantasie entsprungen?
Ein Zögern, lauschen, flüchtiger Blick.
„Hatschi!“, oh welch Missgeschick.
Schon hämmert’s erneut an der Tür.
Draußen dämmerts, die Turmuhr schlägt vier.

Furcht beschleicht den Raum,
die Gier rafft mit Blicken zusammen den Traum.
Knarrzend ächzt ein Schieber zurück,
der Schlüssel im Schloss erwacht ein kleines Stück.
Schon knallt gegen ihre Nase schweres Holz,
gibt den Blick frei auf einen zerzausten Stolz.

Die Gier einen Fluch unterdrückt,
mit schmerzenden Aromafilter wenig verzückt.
Den Stolz grob in die Stube zerrt.
Die Tür schnell zu, den Blick hinaus verwehrt.
„Was gibt’s zu dieser Stund?“
„SIE ist weg!“ gibt er kund.

Verwirrung drängt aus der Gier heraus.
„Wer ist sie, von wem sprichst Du, so spuk’s aus?“
„Der Neid, er soll’s gewesen sein,
hat sie erschlagen, unterm Mond, ganz allein.
Ist sofort zur Angst gesprungen,
in ihrer Bar hat er es ihr gesungen.“

„Das kann nicht sein, das ist nicht wahr.
Der Neid krümmt niemanden ein Haar!“
„Gier, ich sag’s wahr, glaub mir doch!
Gebrochen ist der Neid, hockt verrückt in seinem Loch!
Er hat’s getan die grausame Tat.
Die Welt ist vorbei, da hilft kein Rat!“

„Kein Rat wohl, Stolz, da hast Du recht.
Wir brauchen die Weisheit für dies Gefecht.“
„Da war ich schon, es ist zu spät.
Der Wind der Zeit hat die Weisheit mit verweht.“
„Oh Mächtiger, steh uns bei,
Es hat begonnen, die Welt ist vorbei.“

Bleich ward die Gier voller Angst am bangen,
sieht schon im Geiste ihr Geld eilen von dannen.
„Das darf einfach nicht sein, unmöglich ist’s,
Wer stillt jetzt meine Gier, wenn sich mein Geld mit verpisst?“
„Du hast leicht reden, du geldsaugendes Weib,
Was erst mit mir armer Stolz, ein Leben ohne Anbetung im Leib?

Ihre Worte waren stets wohl in meiner Brust.
Niemand mich so gesehen, wie sie in ihrer Lebenslust.“
Ein Poltern an der Tür hallt durch den Raum.
„Na, los, geh hin Gier. Was stehst Du da im Traum?“
Die Gier verstört, nähert sich dem Holz.
Schon schnellt sie auf, knallt wieder gegen ihren Stolz.

Fluchend die Gier ihre Nase zurecht rückt,
Derweil die Eifersucht herein stürmt, vollkommen entzückt.
„Tod, endlich Tod, das Biest ist weg!“
„Bist Du jetzt von Sinnen, verloren vor Schreck?“
Tadelnd der Stolz die Eifersucht mahnt,
ihr langsam etwas Dunkles schwant.

Boshaft lächelnd die Eifersucht sinniert.
„Warum? Endlich gehört die Welt jetzt mir!“
„Du Närrin der törichten Weiber du!“
nuschelt die Gier immerzu.
Die Eifersucht just entdeckt den Wein,
ungeniert gießt sie drei Gläser ein.

„Auf mich ohne das Biest und eine neue Welt!“
„Falls sie die Gnade des Tages je wieder erhellt.“
Murmelt der Stolz und kann es nich fassen,
hätt er doch bloß die Finger von dem Weib gelassen.
Erneut ein Poltern an der schweren Tür,
die Gier vorsorglich zurückweicht von ihr.

Zuversicht, Hoffnung und Trauer stürmen herein,
Der Stolz schenkt sich eilig ein neues Glas ein.
„Jetzt ist das Weibergegacker perfekt!“
seufzt er hilflos aus seinem Eck.
„Endlich ist das Weib im Grabe!“
Eröffnet die Eifersucht ihr Gehabe.

„Über Tote spricht man nicht!“
Wagt sich die Hoffnung in das harte Gericht.
„Und ob ich spreche über das elende Stück!
Stand uns allen im Weg bei unserem Glück!“
„Nein, so ganz kann ich es nicht sagen.
Meine Gier hat sie stets herzlich ertragen.“

„Und meinen Stolz, den hat sie stets beglückt!“
„Von wegen Stolz, Dich sogar ein Würmchen entzückt!“
„Was redet ihr alle für Irrsinn zu dieser Stunde?“
Ruft die Hoffnung in die nächtliche Runde.
Erschüttert bricht die Trauer in Tränen aus,
als die Zuversicht stürmt bleich aus dem Haus.

Die Gier nickt dem Stolz genervt zu.
Dieser weiß, Weiber geben einfach keine ruh,
rennt eiligst der Zuversicht nach,
um tunlichst zu vermeiden, diese Schmach.
„So wart doch!“ ruft er, „So halt doch ein!
Fall nicht auf ihr Spielchen herein!“

„Wenn das ein Spiel, mein lieber Stolz,
verwandel mich sogleich in ein kleines Streichholz.
Dann könnt ich die Eifersucht einfach niederbrennen,
Müsst nicht bangen und um meine Seele rennen.“
Der Stolz nimmt behutsam die Zuversicht in den Arm.
„Komm wieder rein, drinnen ist’s wenigstens warm.“

„Ich weiß nicht recht, ob’s ist noch gut in der Welt,
wenn sie nicht mehr da, ihr Licht nicht erhellt?“
Der Stolz flüstert, „Schau dort oben leuchten der Mond und die Latern,
lass uns reingehen, es wird schon irgendwie wern.“
Behutsam führt er die Zuversicht zurück,
zu den Anderen, die auch nicht mehr entzückt.

Die Eifersucht ward in voller Fahrt,
kein einziges Fünkchen Anstand mehr gewährt.
„Und damals, als ich Artus beschwor,
führte mir das Biest Lanzelot vor!“
„Nun ist’s aber genug der giftigen Worte!“
Donnert der Stolz an diesem Orte.

„Trostlos wird die Welt ohne sie fortan sein.
Das verhindern auch nicht Deine eifersüchtigen Sticheleien!“
Die Eiversucht im Schock steht still,
mit eiserner Kraft immer noch verhindern will.
Zu fühlen den grausamen Schmerz,
über den Verlust der Ewigkeit tief im Herz.

Und endlich, als es niemand mehr zu hoffen wagt,
rinnt eine Träne herab und die Eifersucht verzagt.
Lässt sich fallen, verliert die Wut,
findet endlich Trost und neuen Mut.
Alle im Raum stehen ihr nun bei,
denn auch die Eifersucht bricht manchmal entzwei.

Draußen spähen drei Schatten am Fenster in den Raum,
hinein in das Wunder, den seltsamen Traum.
„Glaubst Du wirklich,“ spricht der Neid, „dass musst sein?
Mit ihrer Eifersucht ist sie eines Tages wirklich allein.“
Die Angst flüstert, „Allein ist sie immer, gemeinsam nicht,
zumindest bis zu ihrem nächsten Gericht.“

Endlich sich die dritte Stimme erhebt,
so rein und klar, dass die Erde vor Glück wieder bebt.
„Ich wurde verjagd, verleugnet und getreten.
Entstellt, verdammt, um Verschwiegenheit gebeten.
Gestorben viele tausend Mal,
so auch jetzt in unglaublicher Qual.
Neidet und ängstigt euch nur, doch es ist höchste Zeit,
denn endlich, ward auch die Eifersucht für Vergebung bereit.“

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