Gedichtewettbewerb: Volker Camehn – Das war’s, Lars!

Gedichtewettbewerb

Das war’s, Lars!

Ein erster Lichtblick
viel Geschrei
Die Nabelschnur dann rasch entzwei
alles neu und noch nichts kennt er
nur wohlig dunkel und Plazenta
das ändert sich mit diesem Schlag
in jenem Jahr, an diesem Tag
auf seines kleinen Popos Rund
und der trifft ihn nicht ohne Grund
nur weiß er’s nicht, kann’s noch nicht wissen
man legt ihn in ein weiches Kissen
es bläht durch seine Knabenlunge
Der Vater stolz: „Oh, Junge, Junge!“
die Mutter noch erschöpft im Schweiß
Wie der Kleine wohl mal heißt?
Das steht schon fest, wie Vater, Lars!
Das war’s.

Lars‘ Leben will nicht lange warten
bald kommt er in den Kindergarten
Gefördert wird er schon ab früh
so lernt er fix und ohne Müh
sich für jenes mal zu rüsten
von dem wir gerne auch mehr wüssten
vom Wirken, Werden und vom Wollen
was will der Lars denn wirklich sollen
die Welt noch klein, doch schon global
seine Fixierung noch anal
noch geht’s ihm just am Arsch vorbei
mit erstem Schmutz und Sauerei
das macht dem Knaben Lars viel Spaß.
Das war’s.

Voran auf der Karriereleiter
jetzt geht es in der Schule weiter
Zum Startschuss heuchelt es noch Spiel
dann wird es mehr, dann ist es viel
Deutsch und Mathe, Erdenkunde
Bio, Englisch, Kunst (’ne Stunde)
Das alles ist ja auch nicht ohne
bald melden sich noch die Hormone
die sind den Eltern gar nicht recht
doch da, das andere Geschlecht
für das sich Lars jetzt interessiert
und was ihn häufig irritiert
begeistert, umtreibt und verlockt
dafür hat er Latein verbockt.
Was soll so aus dem Knaben werden
jüngst häufen sich nun die Beschwerden
er täte sein Talent vergeuden
und würde jede Mühe meiden
Die Haare lang, der Lars raucht Gras
Das war’s.

Man sieht Lars oft jetzt in Spelunken
mitunter ist er auch betrunken
die Mädchen sind da oft erbaut
wenn er so in die Saiten haut
und Lieder singt, meist sind es fremde
sie klatschen kreischend in die Hände
und sind entzückt von diesem Typen
der klingt nach Whiskey und nach Mythen
nach Abenteuern, weiten Welten
so einen sieht man doch zu selten.
Gleichwohl, der Lars ist ja nicht stur
er schafft dann doch das Abitur
Ja, das wäre doch gelacht
wenn einer wie er das jetzt nicht macht
Der Vater wusste es schon immer
und Muttern umflort ein sanfter Schimmer
der Hoffnung, Zuversicht verheißt
aus was sich Mutterliebe halt so speist.
„Der macht schon seinen Weg, der Lars!“
Das war’s.

Auf diesem Weg, der sich ja zieht
und auf dem wahrlich viel geschieht
die Mühen lang, Haare bald kurz
doch das ist unserem Lars jetzt schnurz
Eins ist klar, er will was machen,
aber keine halben Sachen
was mit Medien und PR
Beratung, IT, so ungefähr
jetzt wo noch alles möglich ist
und die Zukunft sich bemisst
an Plänen, die sehr schnell konkret
und um die sich alles dreht
wo so schnell, so viel passiert
nennt man’s ergebnisorientiert
jetzt nicht zaudern, jetzt kein Warten
er setzt alles auf Visitenkarten
dazu ein Haus, ein fesches Weib
die Klampfe in der Ecke bleibt
dort leicht verstaubt und sich verstimmt
weil er ihr kaum mehr Lieder singt.
So soll es sein, so ist’s, denkt Lars
Das war’s.

Das Leben geht so ziemlich gerade
beim Tennis zwickt’s mal in der Wade
auch mal ein leichtes Ohrensausen
doch dafür ist nun Schluss mit Flausen
Das Gras wächst nunmehr nur als Rasen
Natürlich gibt es auch mal Phasen
in denen Lars sich mürrisch zeigt
und er leicht verdrossen schweigt
obwohl er seine Frau doch liebt
schmust er mit Gabi vom Vertrieb
so ab und an und hier und wieder
kneift er ihr lüstern in ihr Mieder
Aber das nur nebenbei
im Grunde ist der Lars ja treu
korrekt, vernünftig und beflissen
so bleibt es sauber, sein Gewissen
gewiss, nicht rein, doch ganz passabel
was keiner weiß, ist nicht blamabel.
Der Lars trinkt gerne Bier vom Fass
Das war’s.

Was zum Glück ihm jetzt noch fehlt
von dem er weiß, dass es doch zählt
was gern gesehen wird, weil selbstverständlich
und weil er ahnt, alles ist endlich
Ein Stammhalter, ein Erbe gar
das fänd‘ der Lars ganz wunderbar
auch seine Frau, nicht abgeneigt
zumal sie dann zu hause bleibt
stimmt ihm zu und zeigt sich willig
obwohl so’n Kind wird nicht ganz billig
wird’s ein Mädchen, oder Sohn
zumindest eine Investition,
und das ist erst die halbe Miete
wie sieht’s dann aus mit der Rendite
Gleichwohl:
Am Abend, nach der Tagesschau, am Schluss
kommt es dann doch zum Koitus
es obsiegen Lust und Neigung
und man vergisst den Zweck, die Zeugung,
für den Moment, da ist es Spaß
Das war’s.

Ein Zeitsprung jetzt, neun Monat‘ später
es startet alles mit Gezeter
und gewiss, wir ahnen schon
defintiv, es ist ein Sohn.
Ein erster Lichtblick
viel Geschrei
Die Nabelschnur dann rasch entzwei
alles neu und noch nichts kennt er
nur wohlig dunkel und Plazenta
das ändert sich mit diesem Schlag
in jenem Jahr, an diesem Tag
auf seines kleinen Popos Rund
und der trifft ihn nicht ohne Grund
nur weiß er’s nicht, kann’s noch nicht wissen
man legt ihn in ein weiches Kissen
es bläht durch seine Knabenlunge
Der Vater stolz: „Oh, Junge, Junge!“
die Mutter noch erschöpft im Schweiß
Wie der Kleine wohl mal heißt?
Das steht schon fest, wie Vater, Lars!
Das war’s.

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