Geschichte des Tages: Bernd Daschek – Nonkonformismus-Socken

typewriter-1007298_192015.04.2016

Geschichte des Tages

Nonkonformismus-Socken

Neulich in der S-Bahn:
„Unfassbar! Wann werden diese alten Säcke endlich begreifen, dass man zu Sandalen keine Socken trägt?“, fragte überlaut ein etwa 15-jähriges Girlie seine gleichaltrige Sitznachbarin.
Obwohl ich gerade in ein Buch von »Peter Weiss« vertieft war, schaute ich mich doch neugierig um. Außer an meinen Füßen gab es sonst weit und breit keine Sandalen mit Socken. Und wie es schien, war ich auch der einzige alte Sack hier. Die meinte tatsächlich mich!
Da der »Weiss« nicht so richtig spannend war, entschloss ich mich zu reagieren.
Die stilsichere Hüterin des guten Geschmacks saß mir am Gang schräg gegenüber und musterte mich streng.
Mein Kopf neigte sich nun bis auf einen halben Meter in Richtung ihrer Füße, die nackt in Riemchenschuhen steckten und deren Nägel rosa lackiert waren. Nach genauerer Betrachtung richtete ich mich wieder auf und sprach sie an: „Tut mir leid, meine Teuerste, Socken wären bei Ihren Füßen ein großer ästhetischer Gewinn für die Welt.“
Normalerweise belasse ich es bei solch kleinen Spitzen und genieße einfach den ausgelösten Schock. Doch jetzt hatten sich bereits einige Jungs aus den davorliegenden Reihen für unsere nette Konversation interessiert. Ihre Köpfe lugten über die Lehnen hinweg, oder sie bevölkerten den Gang. Na, und dann fühlte ich mich durch dieses anmaßende Pubertätspickelchen so richtig angepisst. Also fuhr ich fort: „Nein, falsch, was würde uns entgehen! Diese Schwielen an den Riemen, die mit Socken gar nicht entstanden wären, welch himmlisches Blau-Rot. Und dann diese Farbe an der Hornhaut! Wie bekommt man so etwas hin? Lässt man das einfach jahrelang unbehandelt?“
Ihre Füße verschwanden unter der Sitzbank.
Deshalb wanderte mein Blick auf die anderen unbedeckten Körperteile. „Hm, ich dachte Krampfadern bekämen nur ältere Frauen, und Dehnungsstreifen sind die Folge von mehreren Schwangerschaften?“
Das war zu viel für sie, zumal immer mehr Jungs versuchten, das zu entdecken, was ich beschrieben hatte. Sie mussten sehr nah heran rücken, denn das gab es ja alles gar nicht. In Wirklichkeit, war Pubi-Girlie ein hübsches Ding, das leider keine Lolita-Gnade von mir erhielt, weil das nicht mein Typ ist.
Die Modegöttin sprang auf und zerrte, den Tränen nahe, ihre Freundin aus dem Wagon.
Zwei Sekunden lang war es still, dann erklang ein donnernder Applaus der Jungs, die möglicherweise tagaus, tagein von solchen »Styling-Queens« gequält wurden.
In der Hoffnung, einige auf den Weg des selbstbestimmten Lebens, jenseits von „man tut das nicht“, geholfen zu haben, verneigte ich mich artig und genoss den Sieg meiner Nonkonformismus-Socken.
Zu Hause angekommen las ich in der Süddeutschen Zeitung, dass in New York Socken mit Sandalen zu tragen, gerade total in sei und dieser Trend bestimmt auch bei uns bald fußfassen würde.
Was sollte ich dann tun? Es war schließlich die »Süddeutsche«, die das verkündete. Dann verzichte ich halt auf die wärmende und vor Schwielen schützende Fußbekleidung. Aber, Nonkonformismus hin oder her: Rosa kommt nicht auf meine Zehen!

Aus: Bernd Daschek; Nonkonformismus-Socken: Politische Glossen & Essays aus dem Niemandsland

 

 

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Bernd Daschek – Nonkonformismus-Socken

  1. verokaa2015 sagt:

    Eine wunderbare Geschichte, lieber Bernd.

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