Geschichte des Tages: Katharina Rambeaud – Pause

typewriter-1007298_192016.04.2016

Geschichte des Tages

Pause

Gutgelaunt verlasse ich die Wohnung, um draußen nach der Wäsche zu sehen. Die Kinder habe ich vor einer halben Stunde in den Garten zum Spielen geschickt, um ein bisschen Zeit für mich zu haben. Manchmal habe ich das Bedürfnis, eine Tasse Tee zu trinken, ohne dabei Fragen zur Maximalgeschwindigkeit unseres Autos beantworten zu müssen.
Nina kommt mir entgegen. In ihren Händen hält sie braune, formlose Klumpen, die sich beim näheren Hinsehen als Socken herausstellen, über und über mit Matsch bedeckt.
Ich atme langsam aus und zähle bis zehn. Bei drei brülle ich: „WAS MACHST DU MIT MEINEN SOCKEN?!“
Nina mustert mich mit schiefgelegtem Kopf und sagt: „Hmm, dreckig macht hab ich!“
„Das sehe ich.“ Nicht nur die Socken, auch meine Tochter ist mit einer gesunden Schlammschicht überzogen. Ihre Hose, der Pulli, Gesicht und Haar: Überall klebt eine Mischung aus Dreck, Sand und Gras. Ein ungutes Gefühl beginnt, hartnäckig an der Peripherie meines Bewusstseins zu kratzen. Mittlerweile ist auch das leise Plätschern von Wasser zu hören.
Mit drei schnellen Schritten überwinde ich die Distanz zur Ecke unseres Hauses und blicke in das überraschte Gesicht von Jakob, meines ältesten Sohnes, der gerade dabei ist, seine schlammbeschmierten Hände an der Hauswand abzuputzen. Sein Bruder Tobi spritzt mit dem Schlauch der Wassertonne die umgegrabene Erde unseres Gemüsebeets ab. Das reinste Matschparadies! In Gedanken verabschiede ich mich wehmütig von den Radieschen und dem Kopfsalat, auf die ich mich bereits gefreut habe. Dann teile ich meinen Kindern und der gesamten Nachbarschaft minutenlang mit, was ich von der Herstellung waffenfähiger Matschepampe halte und stelle dabei mehrmals die Frage, was zur Hölle sie sich dabei eigentlich gedacht haben.
Natürlich bekomme ich keine Antwort. Lediglich das Knallen der Tür ist zu hören, Nina ist mit ihrem Sockenschatz reingegangen.
Ich renne hinter ihr her, aber es ist bereits zu spät: Quer über den frisch geputzten Boden zieht sich eine Schlammspur von der Tür bis zur Küche. Dort hat sich Nina einen Stuhl zum Kühlschrank geschoben und versucht gerade, ihn zu öffnen.
Zum Schreien fehlt mir die Kraft. Stumm klemme ich mir mein lauthals protestierendes Kind unter den Arm und trage sie ins Badezimmer. Den Jungs, die in diesem Moment kleinlaut zur Tür reinkommen, gebe ich schweigend ein Zeichen, mitzukommen.
Während das Badewasser einläuft, befreie ich meine Kinder von ihrer dreckstarrenden Kleidung.
„Seift euch ein, ich muss jetzt erstmal den Schmutz hier wegmachen!“, knurre ich und drücke allen dreien einen Klecks Duschgel in die Hand. Kurze Zeit später ist das fröhliche Quietschen in der Badewanne spielender Kinder zu hören.
Nachdem ich feucht durchgewischt habe, hole ich die drei aus der Wanne und wickle sie in Handtücher ein. Die Hauswand muss bis morgen warten, aber Wäsche werde ich aufstellen müssen, die Socken waren nicht das einzige Opfer von Ninas Matschattacke. Müde fahre ich mir durchs Haar. Ich brauche jetzt ganz dringend eine Tasse Tee! Mein Blick fällt auf Jakob und Tobi, die sich gegenseitig föhnen und auf Nina, die nackig auf dem Wohnzimmertisch herumklettert. Lieber nicht, denke ich. Der Preis für eine halbe Stunde Ruhe ist einfach zu hoch.

 

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2 Kommentare zu Geschichte des Tages: Katharina Rambeaud – Pause

  1. petra0654 sagt:

    Das ist wieder so eine herrlich lebendige Alltagsgeschichte, wie ich sie liebe. Herzlichen Dank für diese wunderbare Unterhaltung, die ich sehr genossen habe. Ich habe die Matschkinder so richtig vor Augen.

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