Gedichtewettbewerb: Antje Siebert-Görlitz – Mein Baum aus Kindertagen

Gedichtewettbewerb

Mein Baum aus Kindertagen
hat mich so oft getragen
auf seinen großen Armen
mein Seelenanker an betrübten Tagen

Zu ihm hochzuschaun
ihm alles anzuvertrauen
liegend auf seinem Blätterkissen
sich gut beschützt von ihm zu wissen
stumm nickend, liebevoll blickend
ein wirklich wahrer Freund

Ihm an manchen Tagen
den ersten Liebeskummer sagen
sollt` ich den Richtigen finden
kein Herz würd ich ritzen in seine Rinden
Nie würd ich ihn verletzen
lieber mich zu ihm setzen
und dabei zu lauschen
wenn seine Blätter rauschen
im Sommerwind, ein Duft so rein
lud er mich oft zum Verweilen ein.
Wir spaßten, lachten, weinten
der Blätter Tau auf meinem Gesicht
die schönsten Freudentränen
Nein, niemals, ich vergess es nicht

Fest schlang ich meine Arme
um seinen alten Stamm
ich träumte und ich tanzte
mit diesem verknorzten Mann
Vertraulich zu ihm hochsah
und auf wundersame Weise
so innig mit ihm verwurzelt war

Wie oft lag ich dicht neben dir
deine Wurzeln wiesen mir
wie lang und kraftvoll sie sich bohren
tief sich im Waldesboden verloren
aufsaugend begierig der Erde Nass
half deiner stolzen Krone
zu grünem Wuchs und Kraft

Oh nein was muss ich heute sehen
niemals werd ich es je verstehen
wo einst er stand ist alles leer
ein stiller Ort ohne Wiederkehr

Sie haben alles plattgemacht
wohl nicht darüber nachgedacht
Mein Freund der Baum ist tot
er starb im frühen Morgenrot
Ein Lied wo ich Traurigkeit fühlte
wenn Vater dieses Lied oft spielte
melancholisch es im Raum erklang
statt Stimmung wurd`s im Herze bang

Ich kann nun zählen deine Rillen
in Scheiben liegst du nun im Dreck
ich werd sie alle nehmen
zu mir in mein geheimes Gartenversteck
Ich füg dich wieder zusammen
deinen geschunden zerteilten Stamm
Stück für Stück
denn es gibt einen besonderen Weg zurück
vertrau mir, es ist ein kurioses Glück

Ich hülle dich sanft und luftdicht ein
mit Ton und Sand und Sediment
bis dich im neuen Mantel
niemand mehr erkennt
Du denkst nun bin ich schön verrückt
doch voller Glück
Stück für Stück hol ich dich zurück

Durch deinen erdigen Mantel
wird Regenwasser sickern
Moleküle tanzen sich frei
durchfließen deinen Stamm dabei
mineralisieren in deinen Zellen fein
wirst irgendwann ein Baum aus Stein

DU wirst mein schönstes Schmuckstück sein
ein fossiles Gestein, Mineral oder Erz
inmitten meines Gartens
und einem Edelsteinherz
muss nur noch ein wenig warten

Alles braucht seine Zeit – alles hat seine Zeit

Bin ich mal alt und grau
dann in deine quarzigen Augen schau
und ich mich leg zu dir am End
deine Rillen zähl` und denk
du bist mein ältestes Geschenk
von dir begleitet die Augen schließe
umgeben von einer Sommerwiese
….was will ich mehr.

© 17.04.2016 Antje Siebert-Görlitz

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