Geschichte des Tages: Petra Weise – Mein fremder Bruder

typewriter-1007298_192017.04.2016

Geschichte des Tages

Mein fremder Bruder

„Hallo, Jörg.“ Ich winke meinem Bruder zu, der genau in dem Moment den Supermarkt betritt, als ich diesen gerade verlasse. Ich sehe meinen Bruder sehr selten, obwohl er nur zwei Häuser von mir entfernt wohnt. „Kommst du heute Abend?“

„Warum?“

„Na?“ lache ich. „Ich habe Geburtstag.“

„Du weißt, dass ich keinen Geburtstag feiere.“

„Ich weiß. Die große Party ist erst am Samstag.“

Jörg kneift die Augen zusammen. Ich sehe, wie sein Kinn zittert.

„Schabbat.“ beeile ich mich zu sagen. „Ich weiß, dass du Freitags und Samstags nicht aus dem Haus gehst. Aber heute ist Donnerstag.“ Ich lege meine Hand auf seinen Arm, aber Jörg schiebt sie grob weg. „Du begreifst es nie!“ schreit er mich an. „Dumm wie Brot. Genau deshalb taugst du nur für die Küche, du blöde Kuh.“

„Jörg sent you a lot of links.“ mischt sich seine Frau Lalita ein. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie sich inzwischen zu uns gesellte. „Do you remember?“

„Das stimmt.“ gebe ich zu. „Die meisten Artikel sind allerdings auf Englisch verfasst. So gut kenne ich die Sprache nicht.“

„Sag ich doch.“ fühlt sich mein Bruder bestätigt. „Sogar zu dumm für Englisch.“

Ich schlucke meine Antwort hinunter, dass sich seine Frau nach zwei Jahren in Deutschland nach wie vor weigert, unsere Sprache zu lernen. Wenn ich mich mit ihr unterhalten will, dann geht das nur in Englisch. Selbst in Gegenwart meines Bruders. Lalita ist Tamilin, eine auffallend hübsche und sehr junge Frau. Ich weiß nicht, ob sie der Grund ist, weshalb mein Bruder plötzlich so streng nach den Regeln des Alten Testaments leben muss. Anfangs verfolgte ich seine Links, um ihn besser verstehen zu können. Ich stellte ihm viele Fragen, die nie Klärung brachten, sondern immer neuen Ärger.

„Ich respektiere euren Glauben.“ lenke ich ein. „Deshalb bitte ich euch, kommt heute Abend zum Essen zu uns. Wir sehen uns viel zu selten, obwohl wir Nachbarn sind.“

„Und da soll ich Schwein essen?“

„Aber nein. Ich habe extra für euch Fisch und Lamm gekauft.“ Weder mein Mann noch ich mögen Lamm.

„Und das brätst du in deiner Schweinepfanne.“ stellt mein Bruder verärgert fest.

„Your kitchen is not clean.“ erklärt Lalita.

„Aha, aber als ihr die vielen Monate bei uns gewohnt habt, da war das kein Problem.“ verliere ich die Beherrschung. Dabei weiß ich, dass sich mein Bruder damals in einer schwierigen Situation befand. Er wohnte vorher mit seiner Frau in Malaysia und erhielt nach einem Rechtsstreit Morddrohungen. Deshalb musste er seine große Villa quasi über Nacht verlassen und aus dem Land fliehen. Bei mir erholten sich die Beiden. Sie wohnten in unserem Gästezimmer, wuschen ihre Wäsche in meiner Waschmaschine und setzten sich täglich an den von mir gedeckten Tisch. Mein Mann besorgte neue Telefon- und Handynummern, einen Internetanschluss und vermittelte ihnen eine Wohnung.

Ich weiß bis heute nicht, womit mein Bruder sein Geld verdient, er wollte nie darüber sprechen. Manchmal steht eine riesige schwarze Limousine mit einem fremden Nummernschild auf seinem Hof. Manchmal besucht er unsere Schwester in Düsseldorf, wenn er von Geschäften aus Holland zurück fährt. Aber er hält sich niemals länger als eine halbe Stunde bei ihr auf.

Melissa kommt aus dem Supermarkt. Ich lache sie an und grüße sie freundlich.

„She is Moslem, isn´t she?“ empört sich Lalita.

„Ja, sie stammt aus Syrien. Ihr Mann …“

„So jemand grüßt du?“ faucht mein Bruder. „Wer meine Feinde grüßt, der ist auch mein Feind.“

„Sei nicht albern!“ versuche ich zu vermitteln. „Es sind Nachbarn wie ihr auch.“

„No!“ schreit Lalita. „Cut for ever!“ Mit ihrer rechten Hand fährt sie quer durch die Luft. Dann dreht sie sich um und stampft grußlos davon. Mein Bruder schaut wie durch mich hindurch und folgt seiner Frau.

Inzwischen sind vier Jahre vergangen. Manchmal sehe ich meinen Bruder auf der Straße und winke ihm zu, aber er sieht mich nie. Zur Beerdigung unserer Mutter kamen Jörg und Lalita, allerdings ohne einen Blick oder Gruß für mich. Mein Bruder ist mir fremd

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