Geschichte des Tages: Marlies Lüer – Weltbetrachtung einer Nachttisch-Lampe

typewriter-1007298_192020.04.2016

Geschichte des Tages

Weltbetrachtung einer Nachttisch-Lampe

Es gibt zwei Arten meines Seins. Ich verharre in Bereitschaft. Oder: Ich erfülle meinen Existenzsinn.
Meistens harre ich aus. Dafür wurde ich nicht in die Welt gebracht. Für das Ausharren und Warten. Aber ich will das Beste daraus machen. Wenn ich also in Bereitschaft verharre, dann habe ich viel Zeit für etwas Anderes. Dann beobachte ich die Welt, in der ich existiere. Ich nehme ihre Bilder und Ereignisse in mich auf. Und mache mir so meine Gedanken und füge die Teile zu einem Ganzen zusammen.
Die Welt setzt sich zusammen aus sechs räumlichen Begrenzungen. Zwei davon wandeln hin und wieder ihre Beschaffenheit. Das ist sehr interessant und mir ein Mysterium, das ich näher zu ergründen suche.
Es gibt folgende Begrenzungen der Welt: eine große Fläche über mir. Eine kleine Fläche unter mir, die wiederum unter sich eine wesentlich größere Fläche hat, deren Maß identisch ist mit der großen Fläche über mir. Ich betrachte sie als eine Begrenzung. Dann die beiden Begrenzungen seitlich von mir, und jeweils eine vor und eine hinter mir. Das ist das mir bekannte Universum.
Die Fläche vor mir ist die interessanteste. Sie und ich, wir haben eine Gemeinsamkeit! Wir beide können Licht und Wärme machen. Ich sehe es jedes Mal, wenn meine Welt aufs Neue entsteht. Erst ist es dunkel und mein Geist schwebt im Raum. Dann wird Licht! Eine runde Scheibe erscheint in meinem Blickfeld, verändert langsam ihre Position innerhalb der Begrenzung vor mir. Steigt auf, nimmt zu an Licht und gibt Wärme. Dann verschwindet diese Scheibe, aber nicht ihr Licht. Es verändert nur seine Intensität, nimmt langsam ab, bis es für mich nicht mehr wahrnehmbar ist. Dann wird es wieder dunkel. Die Welt wird dann für mich unsichtbar. Existiert sie im Dunkel, oder nicht? Das ist eine der großen Fragen, die ich in meinem Stromkreis bewege.
Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Wanderlicht auch eine dünne, lange Verlängerung ihres Körpers hat, so wie ich. Meine Verlängerung endet in einer der seitlichen Begrenzungen der Welt. In meiner Verlängerung sind unzählige kribbelige Kräfte, die das Bedürfnis haben zu fließen. Ich mag es, wenn sie fließen, in mich hineinfließen und mich durchströmen. Das tun sie aber nur dann, wenn diese Seltsamkeit, die ich noch näher erläutern werde, auf mich zukommt und den Kippschalter in eine seiner möglichen Positionen bringt: AN.
Ich mag AN.
Immer wenn der Schalter in seiner An-Position ist, dann kommt meine große Stunde, der Sinn meiner Existenz: Ich LEUCHTE, ich mache Licht. Das ist mir eine große Freude. Wie das geschieht, weiß ich nicht. Nur, dass es geschieht. Ich frage mich, ob das Wanderlicht sich meiner Existenz bewusst ist. So wie ich mir seiner Existenz bewusst bin.
Nun aber zu der begrenzenden Fläche, die nicht weniger interessant ist, als diese durchsichtige vor mir. Was ich vergaß: Von dort, von der durchsichtigen Fläche, kommt nicht nur zeitweiliges Licht in meine Welt, auch kommt von dort Bewegung des Mediums, welches meinen Körper vollständig umgibt. Ein seltsames Gefühl, wenn das Ummichherum in Bewegung ist. Fast so, wie die Kribbelfließkräfte in meiner Verlängerung, nur sanfter. Ich mag es.
Aber dieses erlebe ich nur, wenn die Seltsamkeit, die ich erwähnte, durch die seitliche Begrenzung in meine Welt eintritt und sich an der Begrenzung vor mir zu schaffen macht.
Ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute stark, dass neben meiner Welt noch eine andere existiert. Woher sonst sollte die Seltsamkeit in meinen Weltenraum eindringen? Oder entsteht sie erst im Moment des Eindringens?
Sie ist wie das Wanderlicht. Die Seltsamkeit ist da, oder nicht. Was mich erstaunt: Sie hat offenbar keine Verlängerung, die in der Begrenzung ihren Halt hat. Sie scheint sich frei durch den Raum zu bewegen. Arme Seltsamkeit. Sie findet nicht ihren festen Platz im Raum. Sie ist ein haltloser Wanderer.
Immer, bevor die Lichtintensität so stark abgenommen hat, dass man das Gefühl hat, die Welt versinkt im Dunkel der Nichtexistenz, kommt die Seltsamkeit auf mich zu und stellt meinen Schalter auf AN.
Dann kommt meine große Stunde und ich erschaffe die Welt wieder mit meinem eigenen Licht. Sie ist nicht ganz so groß wie unter dem Wanderlicht, aber sie ist meine Schöpfung! Die Kribbelfließkräfte strömen durch die Verlängerung, erobern mich mit Jubel und ich gebe mich hin. Vollständig. Dann geschieht das Wunder der Schöpfung: Es werde Licht. Mir wird dann immer ganz warm um mein Lampenherz.
Dann aber geschieht ein weiteres Wunder.
Zwei Seltsamkeiten sind dann im Raum. Sie treiben auf eine waagerechte Fläche zu, in der sie gemeinsam versinken. Ich kann wahrnehmen, dass sie nah beieinander sind und sich bewegen.
Und dann kommt ein Moment, da sind die Seltsamkeiten wie ich und das Wanderlicht:

Sie leuchten.
Von innen heraus. Ich höre, wie sie sagen: Ich liebe dich.
Was bedeutet das?

 

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.