Geschichte des Tages: Sam Freythakt – Käfer – Blues

typewriter-1007298_192021.04.2016

Geschichte des Tages

Käfer – Blues

Als Kommissar Ludo Meyer von einer anstrengenden Bereitschaftsschicht heimkehrte, fand er im Briefkasten einen anonymen Zettel.
›Mord am Ententeich‹
Die Worte mochten einem kindischen Scherz entspringen, doch seine Neugierde war geweckt. Ein vages Gefühl, dass er nicht ohne Rückendeckung gehen sollte, schob er müde beiseite. Das Kommissariat konnte er gegebenenfalls immer noch benachrichtigen. Die Kollegen arbeiteten mit Hochdruck an einem brisanten Fall und waren vollkommen ausgelastet. Nachdenklich ging er zurück zu seinem alten Wagen. Als er zehn Minuten später den Stadtwald erreichte, endete auch endlich das Schneegestöber, das die Stadt über Stunden heimgesucht hatte. Kommissar Meyer lenkte den klapprigen Passat auf den leeren Parkplatz und stellte ihn wenige Meter entfernt vom Eingang ab. Fröstelnd schlug er den Kragen des Mantels hoch, als er die Wärme des Autos verließ. Friedlich, wie in einem Märchenbuch, lag der schneebedeckte Park vor ihm. Durch die aufklarenden Wolken schien ein dicker Vollmond vom Himmel, während sich Ludo auf den Weg zum Ententeich machte.
Ein stadtbekannter Landschaftsarchitekt hatte den Pfad in einer weiten Spirale angelegt, die an dem Federviehtümpel mündete. Weiße Wölkchen kondensierter Atemluft, begleiteten den Kommissar, dessen Schuhe leise knirschende Geräusche auf der Schneedecke erzeugten. Bisher hatte er nichts Verdächtiges entdecken können, doch es lagen noch etliche schraubenähnliche Windungen des Weges vor ihm, ehe er sein Ziel erreichte.
Innerlich angespannt und auf alles gefasst, verharrte er einen Augenblick lang, als er herannahende Schritte vernahm. Einige Sekunden später trabte ein spätabendlicher Jogger leichtfüßig und knapp grüßend an ihm vorbei. Ludo sah dem Läufer bewundernd hinterher. Die Aufmerksamkeit des Kommissars wurde jedoch von einem Aufblinken abgelenkt, das er aus den Augenwinkeln wahrnahm. Die Existenz des Sportlers verschwand augenblicklich aus seinem Fokus. Irritiert ließ Meyer den Blick umherschweifen. Eine erneute Lichtreflexion brachte ihn dazu, dichter an die Bäume heranzutreten, die am Wegesrand wuchsen und ihre kahlen Äste in den Himmel reckten.
Der zehn Zentimeter große Goliathkäfer, von einer Hutnadel mittig gepfählt, zerstörte schlagartig die weiße Puderzuckeridylle. Das Licht der Laternen, die den Weg säumten, spiegelte sich auf dem schwarzen, glänzenden Insekt. Das war doch kein Zufall. Wer kam schon auf die Idee, das exotische Krabbeltier im Stadtpark quasi zu erdolchen? Fasziniert besah Kommissar Meyer das Tier und wurde von einer melancholischen Stimmung erfasst. In der Jugendzeit hatte auch er selber der Käferkunde gefrönt und davon geträumt all jene Orte zu besuchen wo die vielfältigen Arten herstammten. Auf Wunsch des Vaters trat er jedoch in den Polizeidienst ein. Dieser Gedanke riss ihn aus der Grübelei und rückte den Grund für den spätabendlichen Aufenthalt im Park wieder ins Zentrum seines momentanen Interesses.
Kopfschüttelnd ging Ludo ein paar Meter weiter und entdeckte noch mehr Käfer. An jedem sechsten Stamm, prangte ein weiteres Exemplar und so folgte er der makaberen Reihe, die erst am Ententeich endete.
Suchend sah sich der Kommissar um und lief wachsam am Ufer des kleinen Tümpels entlang. Eine Leiche konnte er allerdings nirgendwo entdecken. Merkwürdigerweise sah er aber auch keine Spur von dem Jogger, wie ihm jäh bewusst wurde. Es gab nur diese eine Route durch den Park. Womöglich war der Mann ja querfeldein, im Schatten der Bäume über die Rasenfläche heimgelaufen, um den Weg abzukürzen. Ludo Meyer seufzte hinsichtlich des tiefverwurzelten Misstrauens, welches sein Berufsstand mit sich brachte. Plötzlich nahm er das kaum hörbare, schneegedämpfte Geräusch von Schritten wahr – als ob jemand aus den Büschen heraus an ihn heranschlich. Im gleichen Augenblick spürte der Kriminalkommissar einen scharfen brennenden Schmerz, der ihm in den Rücken fuhr. Während er zu Boden fiel, hörte er eine leise Stimme: »Sie erhalten einen besonderen Platz in meiner Sammlung, Kommissar Meyer«. Benommen, sah Ludo den Sprecher an. Vor ihm ragte der Jogger auf, den er vorhin am Parkeingang gesehen hatte. Mit schwindendem Bewusstsein gestand er sich ein, einen Fehler begangen zu haben, indem er ohne Unterstützung hierher kam. Die endgültige Dunkelheit wurde von dem wehmütigen Gedanken begleitet, dass er nun niemals die Heimat der Goliathkäfer zu sehen bekäme.
Am nächsten Tag stand in der Zeitung:
Der geheimnisvolle Kommissarkiller hat zum dritten Mal zugeschlagen. Die Polizei tappt weiterhin im Dunklen. Die Mordwaffe ist, laut einem anonymen Hinweis ein Eispickel, der tief im Rücken des Opfers steckte. Lesen sie weiter auf Seite Drei…

© 2016 Sam Freythakt

https://www.facebook.com/Sam-Freythakt-756352181070200/

http://samfreythakt.wix.com/author-blog

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.