Geschichte des Tages: Eugenio Mutschler – Postmoderne Liebesgeschichte

typewriter-1007298_192024.04.2016

Geschichte des Tages

Postmoderne Liebesgeschichte

Als er mich rief, war es bereits zu spät.
Ich sass in einem Café, einem billigen Café, eigentlich schon nur meiner Anwesenheit unwürdig. Es stank fürchterlich, altes Bier tropfte von der Theke auf den knarzenden Fussboden, neben mir sah ich einen Arbeiter, sein zerfleddertes Hemd war nassgeschwitzt wie schwarzes Öl, und es roch auch nach demselben. Mittlerweile hatte ich auch geschwitzt, seit dem Betreten des Cafés hatten auch meine Kleider begonnen zu stinken, somit machte es keinen Unterschied mehr, wer ich wirklich war: In den Augen der Welt gehörte ich zum selben abstossenden Volk, wie es jeden Abend dieses schreckliche Café besuchte. Man hatte mich davor gewarnt, hier her zu kommen, man hatte gesagt, selbst für das grösste Glück der Welt würde es sich nicht lohnen. Und vielleicht hatte man recht gehabt, wahrscheinlich setzte ich für eine Dummheit meine ganze Ehre, mein ganzes Ansehen aufs Spiel.
Ja. Vielleicht hatte man recht gehabt. Trotzdem habe ich noch nie einen von ihnen gesehen, welcher im Besitz des grössten Glücks der Welt gewesen wäre.
Nun gingen plötzlich die Lichter aus, ein Scheinwerfer nahm seine Arbeit auf und zwei Schauspieler betraten die viel zu kleine Bühne. Das Geschrei im Café nahm trotz der beginnenden Vorstellung nicht ab, hinter mir hörte ich bereits das erste betrunkene Grunzen und Grölen, während die Schauspieler begannen zu sprechen.
Es waren zwei Männer, hässliche, fette Männer, die bereits angetrunken schienen und weder ihren Text noch Schauspielen konnten. Was machte es auch für einen Unterschied? Jedem war das Schauspiel in diesem Café schliesslich so egal, wie einem russischen Zaren sein Volk egal war.
Als ich wieder auf die Bühne blickte, wurde eine ganz andere Szene gespielt. Überraschen tat mich der plötzliche, viel zu frühe Wechsel nicht, es war wohl einer der beiden Schauspieler betrunken zu Boden gekippt.
Es war die Szene eines Streites zwischen Vater und Mutter um ihre Tochter. Aus dem Geschrei der beiden Darsteller liess sich der Kontext nur erahnen, wenigstens war das junge Mädchen noch nicht auf der Bühne. Somit war ich der Einzige, welcher sich das Ganze anhören musste. Kurz wurde es still, jemand hatte seinen Einsatz verpasst. Doch dann sprang plötzlich ein Mädchen, höchstens zwanzig Jahre alt, auf die Bühne und rezitierte ihren Text. Als Einzige konnte wenigstens sie halbwegs Schauspielen. Die ersten schweinischen Bemerkungen wurden aus dem Publikum laut, immer folgte darauf lautes Grölen. Das Mädchen reagierte jedoch nicht darauf, ihr feuerrotes Haar das Licht des Scheinwerfers reflektierend, ihre tiefblauen Augen aus dem von natürlicher Schönheit bestimmten Gesicht dich wie eine edle Wölfin anblickend, der tiefe Ausschnitt ihren runden Busen zeigend. Ein kühler Wind schoss durch das Café, doch ich hatte keine Angst, krank zu werden. Ihre Liebe zu mir würde mein Herz so erwärmen wie meine Liebe zu ihr. Auch, wenn sie es noch nicht wusste.
Ein Mann erhob sich aus dem Publikum, betrat die Bühne und zerrte das Mädchen an sich. Sie schrie laut, er solle aufhören, und die anderen im Café lachten und feuerten den von Schweiss tropfenden Mann an. Er drückte ihr einen widerlich nassen Kuss auf die Lippen, sie schlug ihm ins Gesicht, dann nahm er sich den Busen vor. Ich konnte das nicht mitansehen, packte ein Messer vom Teller des Nachbartisches und rammte es dem Mann in den Rücken. Er fiel zu Boden, das Mädchen schaute mich dankbar und fremd zugleich an, als die Mordlust des Cafés auf mich wuchs. Wir rannten hinaus auf die Strasse, immer weiter, bis wir eine Brücke über einem Fluss fanden und das Gegröle und die tiefe Angst und Dunkelheit weit hinter uns lagen. Unsere Blicke trafen sich wie Feuer, unsere Dankbarkeit über die Anwesenheit des anderen drückten wir in heftigen Küssen aus. Wir griffen uns an allen Stellen, bis wir ein Hotel erreichten und im Zimmer unsere Körper der wilden Leidenschaft preisgaben. Unsere Herzen brannten in allen Farben, die Liebe kochte uns, wir schwitzten, aber nicht wegen unerträglicher Hitze. Es hätte das Märchen eines Prinzen sein können, der eine holde Maid aus den Fängen von menschenähnlichen Trollen rettet, sich danach in einem Augenblick unsterblich verlieben, ihre Körper miteinander verschmelzen lassen und den Rest ihres Lebens glücklich zusammen verbringen werden.
Am Morgen danach schien meine Liebe zu ihr unverkennbar und unumstösslich, ich war mir der ihren genauso gewiss, trotzdem konnte ich die Frage nicht ausblenden. „Schatz, liebst du mich?“
Wir schauten uns an, sie lächelte warm und sagte: „Du bist ein wundervoller Mann, ein mutiger Mann. Du könntest dir der Liebe jeder Frau auf der Welt gewiss sein, jede würde dir zu Füssen liegen, würde dich glücklich machen wollen. Du hast einen schönen Körper, einen kraftvollen Körper, welcher keine Frau zu widerstehen in der Lage ist. Ich mag dich sehr, doch lieben tu ich dich nicht.“
Teile meiner Brust zerbrachen, mir wurde schwindelig, mir wurde schlecht. Ich küsste diese wunderschöne Frau ein letztes Mal, auf dem Weg aus dem Hotel begann ich zu niessen, zu husten, mein Darm spielte verrückt, fast erbrach ich im Gehen, meine Knie zitterten, mein Blut kochte den Körper auf tödlich hohe Temperaturen, verzweifelt japste ich nach Luft. Das Mark würde sich versteinern, die Knochen zerbrechen in unendlichem Staub, das Herz eine neue Eiswüste erschaffen, Leben würde nur noch ein stilles Gerücht sein.
Und als ich den Fluss erreichte, senkte ich meinen Kopf und liess alles raus.

© 2016 Eugenio Mutschler

Website: eugenio-mutschler.jimdo.com

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