Geschichte des Tages: Vero KAa – Was wäre, wenn …?

typewriter-1007298_192025.04.2016

Geschichte des Tages

Was wäre, wenn …?

Was wäre, wenn ich Helga M., als Junge geboren wäre?
Viele negative Erinnerungen hätte es für mich vielleicht nicht gegeben, oder doch?
Meine Eltern, Geschwister und ich, wir wohnten in einem kleinen Dorf. In den 50iger Jahren: ich mit langen, blonden und lockigen Haaren. Im Winter trug ich ein Leibchen mit Strapsen, das die selbst gestrickten Strümpfe festhielt. Denn Hosen zu tragen, war damals für mich nicht erlaubt. Wie sehr ich sie doch hasste, diese selbst gestrickten Strümpfe, die auf der Haut juckten. Aber jammern durfte ich nicht. Ein Blick meiner strengen Eltern genügte und ich war still. Mein Bruder hatte es da einfacher. Für ihn nähte meine Mutter lange dicke Hosen. Schrecklich, wenn ich an diese Zeit zurückdenke. Meine Haare waren damals Mutters ganzer Stolz. Immer wenn es in unserem Dorf eine Hochzeit gab, wurde ich als Blumenmädchen bestellt. Die kleine, süße Helga, hieß es dann, die macht das schon. Dazu wurden meine Haare extra mit einer Brennschere bearbeitet, damit ich richtige Schillerlocken hatte. Scheußlich und heute undenkbar.
Mein Bruder hatte es einfacher, da er ein Junge war. Als wir in den 60iger Jahren zu Teenagern heranreiften, durfte er vieles mehr als ich.
Es hieß immer: Schließlich ist er ja ein Junge.
Es wurde für mich schon zu einem Problem, wenn ich mal ins Kino wollte. Den Schlagerfilm „Wenn die Conny mit dem Peter“, den ich gern gesehen hätte, durfte mein Bruder sich anschauen, ich aber nicht. Dabei war er gerade mal zwei Jahre älter als ich. Mein Vater ging mit mir am Kino vorbei und zeigte mir die Bilder im Aushang, mehr aber auch nicht.
Aufklärung gab es auch nicht. Als ich dann meinen Mann kennenlernte, wurde ich auch gleich schwanger und war von der Gunst meiner Mutter abhängig. Meine Schwester, sechs Jahre älter als ich, hatte diese Probleme nicht. Sie hatte früh gelernt, sich zur Wehr zu setzen, heiratete und verließ das Elternhaus.
Mein Bruder, ich und das Baby blieben zurück. Meine Mutter war sehr streng und beschimpfte mich oft. Sie warf mir vor, dass ich Papas Liebling, das Nesthäkchen, sei und nur deshalb dort mit meinem Kind wohnen durfte, was ich damals überhaupt nicht verstand. Lernen musste ich trotz Baby den Beruf, den mein Vater vorgab. Wie gern hätte ich etwas anderes gelernt. Ich war gerade mal neunzehn Jahre, als ich meinen Mann dann heiratete und das Elternhaus verließ. Noch heute sind wir verheiratet, haben Kinder und Enkelkinder. Ich bin heute mit meinem Leben rundum zufrieden. Trotzdem frage ich mich manchmal, wie alles verlaufen wäre, wenn ich als Junge geboren wäre? Wären mir dann die vielen anklagenden Worte meiner beiden Geschwister erspart geblieben? Nämlich dass ich immer das Nesthäkchen war und unser Vater mich nur darum nicht verprügelt hatte. Ich kann mich auch beim besten Willen nicht daran erinnern, dass er meine Geschwister geschlagen hatte. Im Frühjahr vor zwei Jahren brachen beide ihr Schweigen. Anlass war das Erbe.
Ich gehe mittlerweile auf die siebzig Jahre zu. Mein Vater starb vor zwölf Jahren. An seinem Sterbebett fragte er mich, ob er immer ein guter Vater gewesen war. Ich sagte ihm, dass er das für mich gewesen sei, ich dies aber für die anderen nicht beurteilen könne. Er antwortete mir: „Wenn du meinst, mein Kind, aber …“
Und dieses Aber stand immer für mich ohne Antwort im Raum. Egal ob ich damals meine Mutter, meine Schwester oder meinen Bruder fragte oder heute, es gab nie eine klärende Antwort darauf. Meine Mutter ist heute dement. Sie lebt in einer betreuten Wohnanlage. Nun geht es um das Erbe, ein Haus, das meinen Eltern gehörte. Nach Vaters Tod verzichteten wir zu Gunsten unserer Mutter auf unseren Pflichtanteil, denn sie sollte so lange in dem Haus wohnen, wie es ihr gesundheitlich möglich war.
Nun stand die Immobilie zum Verkauf und meine Schwester wollte ihren Erbanteil. Beim Notar hieß es: Entweder alle oder keiner. Ich war entsetzt und sagte: „Aber hallo, unsere Mutter lebt doch noch!“
Aber meine Schwester strahlte mir eine solche Kälte entgegen, die ich nicht deuten konnte. Dann bestellten mich meine Geschwister zu einem Gespräch. Was ich da hörte, verschlug mir die Sprache. Mein Vater soll meine Schwester als Kind missbraucht haben. Und mein Bruder, der davon angeblich wusste, wurde mit Schlägen misshandelt. Ich war entsetzt. Wie konnte das geschehen? Und ich hatte von all dem nichts mitbekommen? Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Viel Hass war aus den Worten meiner Geschwister herauszuhören. Du warst ja immer Papas Liebling, hieß es. Meine Schwester war der Meinung, dass mir das auch passiert wäre, und meinte, ich könne es ruhig zugeben. Was sollte ich zugeben? Solch einen Vater kannte ich nicht. Ich war bestürzt.
„Wie konntet ihr euer Leben lang schweigen? Und wo war unsere Mutter, die euch hätte schützen müssen?“
Aufgewühlt verließ ich die beiden. Wie benommen fuhr ich nach Hause. Es brauchte Tage, bis ich einen klaren Gedanken fassen konnte. War so etwas wirklich möglich? Ich erinnerte mich an Vaters Worte an seinem Sterbebett und das eine Wort „Aber“, das mir so lange rätselhaft war. Hatte er damals noch gern seinen Frieden schließen wollen? Meine Mutter ist heute über neunzig Jahre und dement, was soll ich sie fragen?
Was wäre gewesen, wenn ich als Junge auf die Welt gekommen wäre? Hätte mein Vater mich dann auch geschlagen oder misshandelt, so wie meinen Bruder? Fragen über Fragen, die heute unbeantwortet bleiben.
Wie wäre mein Leben verlaufen? Wie unwichtig sind da meine Gedanken über meine Haare oder die Strapse, die ich in den 50igern tragen musste, die damals für mich eine Belastung darstellten.
Als meine Schwester sechs Jahre war, kam ich gerade auf die Welt. Und hatte mein Bruder wirklich diesen Missbrauch an meiner Schwester miterlebt? Oder wusste er nur davon, weil sie ihm davon erzählt hatte? Es ist für mich sehr schwierig, dies alles nachzuvollziehen. Sicher, mein Vater war sehr streng, wenn ich da nur an das Kino denke. Aber war er zu so etwas fähig gewesen? Ich weiß es nicht, kann darüber auch nicht urteilen. Jeder Versuch, mit meiner Schwester nochmals ein Gespräch darüber zu führen, ist gescheitert.
Und mit meinem Bruder? Jedes Mal, wenn ich das Thema anspreche, fängt er an zu weinen. Ich habe ihn und meine Schwester gebeten, eine Therapie zu machen. Aber beide lehnen das ab. Und ich, ich muss mit dem Zweifel leben. Meine Mutter war immer, solange ich denken kann, von der Eifersucht geplagt. Sie machte, als ich noch ein Kind war, nie einen Hehl daraus, dass sie eifersüchtig auf mich war. Sie war diejenige, die mich schlug. Sie war für mich nie die Mutter, die ich gebraucht hätte, und keine Oma für meine Kinder. So schließt sich nun für mich der Kreis mit vielen offenen Fragen, was meinen Vater betrifft. Ich habe gelernt, damit umzugehen, denn was ist schon die Wahrheit? Muss man wirklich alles wissen?
Wie wäre mein Leben als Mann verlaufen? Hätte ich auch eine solch liebevolle Familie, wie ich sie heute habe? Eine, die zu mir steht und mit mir meine Kindheit aufarbeitet? Ich weiß es nicht.
Die Natur hat es doch richtiggemacht: Ich bin als Mädchen geboren.

c’est la vie, sagt der Franzose. So ist das Leben …

Vero KAa 2012
www.vero-kaa.de

Alle Personen und Namen innerhalb dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Geschichte des Tages: Vero KAa – Was wäre, wenn …?

  1. fanrea sagt:

    Die Geschichte ist krass, sie nimmt mich mit. Wie gut, dass sie ein positives Ende hat mit dem Schlussgedanken.

  2. petra0654 sagt:

    puh – ich bin soooo froh, dass unter dem Schluss der Geschichte stand, dass sie frei erfunden ist. So ein Erlebnis wünscht man niemandem. Jedenfalls fand ich alles zwar erschreckend, aber spannend erzählt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.