Geschichte des Tages: Jan-Albert Michaelis – Mit geübtem Frauenauge

typewriter-1007298_192026.04.2016

Geschichte des Tages

Mit geübtem Frauenauge

„Wenn du nicht in die Parklücke hineinkommst, dann schalt halt die Einparkhilfe ein!“ Mit diesen Worten stieg Karl aus und knallte die Tür zu. „Frauen!“, schimpfte er so laut, dass die Nachbarn am Fenster zusammenzuckten. Dabei kannten die schon das Theater. Es war immer die gleiche Szene. Es hätte ein Einakter von Loriot sein können. Rosemarie aber konnte darüber nicht mehr lachen, sie hatte genug davon. Sie schaltete die Einparkhilfe ein.
Statt sich zu entfernen, gestikulierte Karl. Er schritt allen Ernstes die Parklücke ab, um ihr zu demonstrieren, wie groß sie sei. „Das muss dein geübtes Frauenauge doch sehen!“, höhnte er und meckerte weiter an ihrem Fahrstil. „Frauen!“, schrie er ein zweites Mal und fügte dann hinzu: „Hühner! Stacheldraht!“ Es war demütigend. Rosemarie fasste einen Entschluss: Nicht hin- und herruckeln. Rückwärts einparken, aber mit Vollgas!
Sie tat es. Mit geübtem Frauenauge hatte sie diese Chance erkannt. Als sie das Gaspedal trat, hörte sie ihren Mann, der zwischen der Mauer und dem Autoheck stand und wild mit den Armen ruderte, rufen: „Da setz’ ich dir einen LKW rein!“ Seine ausgebreiteten Arme kamen keine Sekunde später auf der Kofferraumhaube auf und mit schwachem Röcheln klopfte er darauf.
Er versuchte zu schreien und klopfte erneut auf das Heck des Wagens. Rosemarie ließ sich nicht beirren. Die Einparkhilfe piepste „anders“, sozusagen „falsch“ oder doch „richtig“. Ja, es war genau richtig. Nein, jetzt hörte sie wirklich keinen Dauerton, aber sie war sich ihrer Sache sicher, denn sie sah es: Karl war genau hinter dem Wagen. Sie legte den ersten Gang ein, fuhr ein Stück vor und schaltete wieder …
„Und dann legte Rosemarie Schmidtke den Rückwärtsgang ein. Sie war voll konzentriert auf die Einparkhilfe. Sie sagte, ihr Mann und das Piepsen der Elektronik hätten sie fast verrückt gemacht. Deshalb bemerkte sie nicht, dass ihr Mann Karl zusammengekauert an der Wand des Hauses stand. Als meine Mandantin das zweite Mal zurücksetzte, kam sie genau in der Parklücke zum Stehen. Tragischerweise wurde Herr Schmidtke, lassen Sie mich das hier so drastisch ausdrücken, zerquetscht. An diesem Wort wird deutlich, dass Frau Schmidtke es nicht mit Absicht getan hat. Karl Schmidtke starb an seinen schweren inneren Verletzungen. Es war ein Unfall wegen technischen Versagens, die Einparkhilfe war defekt.“ Nach diesen Worten plädierte ihr Verteidiger auf Freispruch.
Rosemarie war die perfekte, trauernde Witwe. Unter Tränen bereute sie: „Nie wieder parke ich rückwärts ein! Am besten gebe ich meinen Führerschein ab!“
Vor dem Gerichtsgebäude wartete die Witwe Schmidtke am Taxistand. Sie sog die Luft des nahen Frühlings tief ein. Dann atmete sie erleichtert aus. Sie war freigesprochen und noch besser: Jetzt war sie wirklich frei.
Staatsanwalt Lüpker kam heraus und sah sie am Taxistand warten. Er stand neben ihr, bis endlich ein Wagen hielt, doch da Lüpker ein Gentleman der alten Schule war, überließ er ihr den Vortritt: „Bitte! Nehmen Sie das Taxi!“ „Nein, danke. Ich werde abgeholt.“ „Nehmen Sie mich mit, Herr Kollege!“, rief der Pflichtverteidiger Peters, der aus dem Gerichtsgebäude gelaufen kam.
„Sie stieg zu einem jungen Mann in den Porsche“, sagte Lüpker wenige Minuten später zu Peters. „Gut dass Frau Schmidtke sich auf ihren Sohn verlassen kann. Welch ein Trost!“, räumte der Verteidiger ein. Die beiden Juristen sahen nicht, dass Rosemarie den jungen Mann auf den Mund küsste. Rosemarie hatte Rolf in der Autowerkstatt kennen gelernt. Rosemarie konnte sich auf Rolf verlassen, auf seine liebenswerte, respektvolle Art und auf ihr gemeinsames Geheimnis. Die Juristen würden nie erfahren, dass Rolf in Schmidtkes Wagen die Einparkhilfe manipuliert hatte, damit Rosemarie vor Gericht mit der Aussage bestehen könne, sie habe sich voll und ganz auf diese Hilfe verlassen. (c) 2016 Jan Michaelis
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