Geschichte des Tages: Zehra Anders – Phantasie und Wirklichkeit aus Kindertagen

typewriter-1007298_192027.04.2016

Geschichte des Tages

Phantasie und Wirklichkeit aus Kindertagen

Als Kind, ich war vielleicht gerade 6 Jahre alt, erzählte ich den Nachbarkindern, ich sei eine Kopie, d.h. ich wäre nicht ich selber, sondern von einem anderen Stern, vom Stern Gorgonia.

Ungläubige Gesichter, Fragenzeichen in den Augen meiner ebenfalls erst 6 – 9 jährigen Freunde.

Fragen wurden gestellt: Wo ist denn die echte Person, die mit der alle täglich spielten?

“Auf den Stern Gorgonia,” antwortete ich mit Überzeugung, fast so, als würde ich es selber glauben.

Natürlich wurde es mir nicht von einer Minute auf die andere geglaubt.

Ich musste mir schnell was einfallen lassen, um meine Zuhörer in Atem zu halten.

Also griff ich nach einem Blatt und fing an, darauf genüsslich zu kauen, als wäre es die größte Delikatesse die es gibt.

Staunende Gesichter, die “echte” Freundin, das wussten sie, hätte nie freiwillig ein Blatt in den Mund genommen. Doch es ging weiter, ich kam gerade erst in Fahrt, und ich gestehe, es machte mir diebischen Spass, meine Freunde an der Nase herumzuführen:) Der Schalk saß mir im Nacken an diesem Tag.

Ich fragte meine Freunde über die Familie der “realen” Freundin aus, immerhin war ich ja zum erstenmal auf der Erde und konnte niemanden kennen.

Die Freunde waren nun überzeugt, vielleicht immer noch nicht zum 100 Prozent, aber ich kam ihnen schon etwas merkwürdig vor und sie halfen mir, alles zu erfahren, was ein Wesen vom Stern Gorgonia halt wissen muss.

So verbrauchten wir den ganzen Nachmittag, ich lief vor, fragte Dinge die ich als reale Person natürlich wusste, als “Fremde” jedoch nicht kennen konnte.

Der Abend kam, wir gingen alle in unsere Häuser. Es war schwer für mich, nach Stunden der “fremden Identität” die ich ja angenommen hatte, wieder zur Realität zu finden.

Ich spielte beim Essen am Tisch noch ein wenig gedanklich meine Rolle weiter, meine Familie lies ich nichts davon merken. Obwohl Oma, mit dem 7. Sinn sah mich am Tisch öfter an als sonst, fast als ahnte sie mein Spiel.

Glücklich und erfüllt ging es zu Bett, der Tag war gelungen.

Am nächsten Tag gegen nachmittag, wurde meine Reise in die Phantasiewelt beendet.

Eine Mutter aus der Nachbarschaft kam zu uns, sie tuschelte mit Oma, ich wurde dazugerufen.

Es stellte sich heraus, das Susanne, eines der Mädchen die den gestrigen mit mir verbraucht hatte, es so real genommen hatte, es so sehr geglaubt hatte, das ich wirklich jemand von Stern Gorgonia sein, in der Nacht Albträume bekam. Sie hatte Angst die echte Freundin würde nicht mehr zurückkehren, sie wollte nicht mit dieser Kopie von mir befreundet sein.

Meine liebste Freundin damals, fand es lustig im Nachhinein, das Mädchen Susanne nahm seither Abstand von mir. Ab und zu sah ich sie, über den Zaun des Nachbargartens noch mit ihren Barbiepuppen spielen.

Einen gemeinsamen Nachmittag haben wir seitdem nie mehr verbracht, ich war ihr unheimlich geworden.

Zwei Welten prallten einen Nachmittag aufeinander, die Welt der Barbiepuppenspieler und die Welt der unendlichen weiten Phantasie.

Jeder wie er mag.

Dies ist ein wahres Erlebnis aus meiner Kindheit.

Die Menschen die damals anwesend waren, werden es bezeugen können.

Ich weiss zumindest von einer Person, die sich immer noch, nach über 40 Jahren, dran erinnert.

© Zeha Anders

www.zehrasworte.wordpress.com
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2 Kommentare zu Geschichte des Tages: Zehra Anders – Phantasie und Wirklichkeit aus Kindertagen

  1. E. Yildirim sagt:

    Sehr schön geschrieben! Ich denke auch, dass es diese zwei Welten gibt liebe Zehra. Danke für deine Geschichte 🙂

  2. petra0654 sagt:

    oh je! – das ist traurig, wenn so eine Verwandlungsgeschichte eine echte Freundschaft zerstört. Jedenfalls ist alles gut erzählt und nachvollziehbar.

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