Geschichte des Tages: Michael Karjalainen-Dräger

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Geschichte des Tages

1.
Wir saßen schon lange da, Fred und ich. Zu lange. Während die Bewegungen um uns herum immer hemmungsloser wurden, versanken wir mehr und mehr in Bewegungslosigkeit. Ich versuchte zu ergründen, warum das Blau immer häufiger Grün wurde und Gelb und Rot eigentlich nicht mehr vorkamen im Farbwechselspiel der an der Decke sich drehenden Kugel. Fred starrte anderswohin. Wie konnte es sein, dass sich heftige Bewegungen so langsam anfühlten? Wie konnte es sein, dass ich meinen Körper nur mehr mit den Augen wahrnahm? Wie konnte es sein, dass ich jemals anderswo gewesen war als hier in dieser nach Leben brüllenden Kloake der menschlichen Verzweiflung und Lebensangst?

2.
„Lentokentälle, nopeasti“
Tuuli raffte all ihre Habseligkeiten – oder das, was sie dafür hielt – an sich. Sie schlug die Tür des silbergrauen Volvo zu und der Fahrer legte in einem Tempo los, das sie selbst überraschte.
„Mikäs on kiireisen matkan määränpää?“
Ihr war überhaupt nicht nach Reden zu Mute.
„Wien“, antwortete sie schnell und knapp. Um weitere Konversation zu vermeiden, suchte sie ihr Mobiltelefon. Ihre Finger kramten in den engen Außentaschen ihres Trolleys, berührten im Sekundentakt eine Pinzette, eine Packung Kaugummis, ein nicht mehr ganz frisches Blasenpflaster, einige Krümel eines oder mehrerer Man-Weiß-Nicht-Mehr-Was-Es-Gewesen-Ists, eine Puderdose, die sie schon ewig gesucht hatte und noch so manches, das im zu schnellen Befühlen undefinierbar blieb. Handy war da keines. Nun nahmen sie sich die Handtasche vor.
Der Wagen kam gleichzeitig mit ihren Fingern zum Stillstand. Der Fahrer schenkte ihr via Rückspiegel ein breites Grinsen. Das rote Licht der Verkehrsampel brach sich in den ersten Tropfen des einsetzenden Regens, die sich auf der Windschutzscheibe abgesetzt hatten. Tuulis Gesicht war ebenfalls rot, dann gelb und plötzlich grün.
Der Fahrer fuhr mit einem Ruck los und Tuuli glitt ihr gerade in ihrer Handtasche ergrapschtes Telefon gleich wieder aus den Fingern in den dunklen Fond des Taxis.

3.
Der Bus war ihm auch diesmal knapp vor der Nase davongefahren.
„Shit“, kotzte Kevin in den dunkelgrau-nebeligen Morgen. Die nächste Eintragung stand bevor und bald auch schon ein weiteres Gespräch mit seinen Eltern. Wohl eher seine Hinrichtung. Köpfe rollen schnell am Londoner Asphalt.
„Yeahhhhhhh!“ Sein lautes Brüllen schreckte ein paar Stadtfräcke auf, die sich in ihre Times vertieft hatten, um dem Alltag zu entfliehen. Die Gleichaltrigen kicherten sich eins oder zwei in ihre Fäustchen.
Sein Schulrucksack fiel vor die gestiefelten Beine einer Mittvierzigerin, deren Röckchen mit jedem weiteren Lebensjahr kürzer zu werden schien. Nächstes Jahr könne er dann schon ihren Slip sehen, dachte Kevin. Ob er das wirklich wollte?
„No, not at all!“ brach es aus ihm heraus, was die Gleichaltrigen zu einem weiteren Kichern veranlasste und viele andere der Wartenden einen oder mehrere Schritte von ihm zurückweichen ließ. Die Pussi der kessen Blondine aus der Nebenklasse wäre ihm doch bedeutend lieber.
Er hob seinen Rucksack auf, der in einer flachen nebelerzeugten Pfütze, an deren Oberfläche sich regenbogenfarben Öl oder etwas in der Art abgesetzt hatte, gelandet war.

4.
Drei schreiende Rotzlöffel. Manno! Die KITA war zum Glück nicht mehr weit. Sollen sich doch die Fachkräfte mit denen auseinandersetzen, während Ute vorhatte, einen weiteren Tag auf der Suche nach ihrem Traumjob zu verbringen.
„Ich hab auch ein Recht auf Freiheit!“ schrie es in ihr. „Vor allem nach dieser Kindheit, die mir meine ach-so-tollen Eltern da eingebrockt haben!“ Sie blickte kurz nach oben um das Freisignal abzuwarten. Im Auge der Ampel schimmerte ein Hauch ihres Lieblingsspielzeuges aus der Kindheit, eines Kaleidoskops, das der Welt die schönsten Farbtupfer verliehen hatte. Sie hatte eines, das leider nicht an dieses herankam, für ihre Jungs besorgt. Oder doch für sich selbst. Als es einer der drei oder vielleicht auch alle gemeinsam eines Nachmittags zerstört hatten, konnte sie nur noch die bunten Scherben zusammenkehren. Bevor sie sie in den Müll schmiss, hielt ihr Herz ihre Hand auf und ließ sie die Überbleibsel in einer Tupperware- Schüssel aufbewahren. Von da an strich sie von Zeit zu Zeit mit ihren Fingerspitzen über die in vielen Farben glitzernden Steinchen, um sich wieder ganz zu fühlen.
Um sie herum kam Bewegung in die gerade noch regungslose Menschenmenge. Ute fasste sich. Ihre rechte Hand fasste ins Leere. Einer der drei Rotzlöffel war verschwunden.

5.
Ute war zum Schreien zu Mute. Sie wollte einfach so wie ihr Kleinster losbrüllen, wenn er einfach keine Lust mehr auf das hatte, was gerade angesagt war. Und Ute hatte keine Lust mehr auf all das hier. Ihre Schreie hallten in ihrem Inneren wider, brachten ihr Herz zum Brennen und ihren Kopf zum Kochen. Sie packte die beiden verbliebenen Rotzlöffel und überquerte mit der nächsten Grünphase die Kreuzung. Der dritte blieb verschwunden. Sie hätte nach ihm rufen können, ja irgendwie wollte sie das auch, aber sie blieb seltsam stumm und nach außen auch vollends gefasst. Das hektische Rufen und die Aufregung übernahmen ihre Kinder. In ihr lief ein Film ab, der Film ihres Lebens. Der war eine einzige Tragikomödie mit einer zunehmenden Schieflage in Richtung Tragödie. War das nun das Ende? Sie hoffte und bangte zugleich. Erstmals in all den Jahren seit dieser Wahnsinn hier begonnen hatte war sie sich vollends darüber im Klaren, dass sie so nicht mehr weiterleben wollte. Sie ging weiter Richtung KITA, die an ihrer Stelle schreienden Jungs an ihren Händen.

6.
Der Hydepark hatte in all seiner Weitläufigkeit auch versteckte Ecken und Enden. Eine solche Ecke wollte Kevin aufsuchen, um sich auf das bevorstehende Ende seines bisherigen Lebens einzustimmen. „There is nothing to lose anymore“, blitzte es in seinen Gedanken auf, „Let’s go through and get out of all this shit!“ Er begann Pläne für die Zukunft zu schmieden, die hatten weder mit Schule noch mit seinen Eltern zu tun. Er kramte in seinem Rucksack nach dem Geldbeutel und leerte dessen Inhalt auf den Boden vor sich aus. Ganze sieben Pfund zweiundachtzig kamen zum Vorschein. „Barely enough to keep body and soul together“, murmelte Kevin vor sich hin. Dennoch oder gerade deswegen hatte er einen entschlossenen Gesichtsausdruck. Er packte den Geldbeutel, kickte seinen Schulranzen in das nächstbeste Gebüsch und nahm den Weg Richtung Waterloo Station.

7.
Tuuli saß tatsächlich im Airbus nach Wien. Knapp war es noch geworden und bis zum letzten Moment war es unsicher gewesen, ob sie diese Reise tatsächlich antreten würde. Der blöde Taxler hatte es ihr doch tatsächlich noch auszureden versucht.
„Hei kaunotar, mitäs ulkomailta etsit, ja vielä Itävallassa?“
Das war vielleicht ein Typ. Was bildete der sich bloß ein. Machte ihr schöne Augen, obwohl sie gerade auf dem Weg vom Unglück ins Glück war. Machte ihr ihre Träume fast kaputt mit seinen blöden Sprüchen. Machte ihr das Leben, das gerade so leicht geworden war, noch einmal unnötig schwer. Holte sie auf den Boden, wo sie doch gerade am Abheben war. Was für ein dummer Schwätzer!
Dennoch bohrte die Unsicherheit weiter ein Loch nach dem anderen in ihre Euphorie, die langsam aber sicher zu entweichen begann. Beim Check-in war sie sich wieder absolut sicher gewesen, als man ihr bei der Sicherheitskontrolle das silberne Zippo ihrer ersten Liebe abnahm, wollte sie umkehren, wusste sie doch, dass sie das Angebot, es innerhalb eines Monats wieder hier abzuholen, nicht annehmen würde. Hätte sie es doch bloß in den Koffer getan und nicht ins Handgepäck. Aber genau dieses Ereignis gab ihr auch wieder den Mut, alles, wirklich alles hinter sich zu lassen. Beim Boarding fühlte sie sich wieder top und freute sich auf den Flug in die Freiheit.
Jetzt knapp vor dem Abflug, in der Enge des Flugzeugrumpfes, holte sie eine innige Sehnsucht nach ihrem kleinen Apartment ein, das bis vor knapp zwei Stunden noch ihr Zuhause gewesen war.

8.
Ich wollte eine dieser mir verordneten Pillen mit dem letzten Rest meines x-ten Biers runterspülen. Aber dazu musste ich das Ding auf sicherem Weg mit der Hand aus dem Hosensack in den Mund befördern. Ich kriegte es zwischen Daumen und Zeigefinder meiner Rechten zu fassen, blieb aber mit irgendeinem anderen Finger am abgenähten Rand der Tasche hängen, worauf die Tablette wieder in deren Tiefen versank. Ich unternahm Versuch um Versuch. Es dauerte gefühlte Stunden bis ich die Pille endlich mit dem Mittelfinger auf die Handfläche presste und sie heil nach draußen brachte. Als ich die Finger löste fiel das verdammte Ding auf den Boden.
Fred starrte immer noch regungslos ins Leere.
Ich musste unter den Tisch, fragte sich bloß wie. Hinter mir drängten sich die Schnell-Bewegten, vor mir stand der Tisch, an dessen anderen Ende sich Fred festkrallte.
Als ich mich gerade nach vorne neigte, vibrierte mein Handy in der linken Hosentasche. Einmal, dann war es wieder ruhig.
Eine SMS.

9.
Pille oder SMS, das ist die Frage. Da ich mein Nach-Vorne-Neigen nicht mehr stoppen konnte, wurde die Frage von den physikalischen Gesetzen des Lebens beantwortet.
Ich landete etwas unsanft auf meinen Knien und da ich die Arme nicht rechtzeitig ausstrecken konnte, um mich auf den Händen abzustützen, fiel ich auch noch auf die Nase. Beingewirr. Das war das erste was ich da unten wahrnahm. Auch Stampfen erdröhnte. Rhythmisches Absatzgeklapper. Aussichtslos in dieser Situation jene Tablette zu finden, die mir entglitten war. Ich rappelte mich in Zeitlupe auf alle viere auf. Arschhöhe. Auch nicht besser. Wo war Fred?

10.
Keine Nachricht aus Wien. Es war an der Zeit das kännykkä auszuschalten, der Steward warf ihr einen ernsten Blick zu, der sich durch ihr verunsichertes Hantieren an der OFF-Taste, in einem leichten Schmunzeln auflöste. Der Mann war hinter seiner dickrandigen Brille total bleich. Sie hatte das schon öfter beobachtet, dass das fliegende Personal zu einer unnatürlichen Hautfarbe neigte. Am schlimmsten hatte das einmal bei einer farbigen Stewardess der British Airways auf einem Flug nach London ausgesehen. Ein Traumberuf dürfte das dann doch keiner sein.
Was ihre eigene Zukunft betraf, war ja auch alles offen. Sie hatte ihr Studium an der Universität Helsinki auf Eis gelegt, vor einem knappen Monat ihren Morgen- und Wochenendjob in einer Bäckerei am Mannerheimintie gekündigt und ihre Flucht vorbereitet. Was vor kurzem noch wie der Traum ihres Lebens ausgesehen hatte, fiel langsam auseinander. Sie war in eine doppelte Zwangslage geraten, indem sie einerseits versucht hatte, alle Brücken hinter sich abzubrechen, zugleich aber vor sich noch keine andere aufgebaut hatte. Der einzige Pfeiler dieser neuen Brücke hatte sich seit Tagen nicht mehr bei ihr gemeldet. Genaugenommen wusste sie nicht einmal, wo sie diese erste Nacht in Wien verbringen sollte.
Sie löste ihren Gurt und sprang auf. Nach einer kurzen Phase der Orientierungslosigkeit beschloss sie nach hinten zu laufen. Plötzlich schaute sie in ein blass-graues Gesicht mit einer dickrandigen Brille.
„Anteeksi rouva voinko auttaa?“
„Mun täytyy päästä täältä ulos!“, schrie Tuuli.
Der Graugesichtige versuchte sie sanft aber bestimmt zu ihrem Platz zu begleiten. Da sie sich mit Händen und Füßen wehrte entstand für die interessierten Zuschauer so etwas wie eine Rangelei. Sie konnte nicht im Flieger bleiben, sie hatte keinen Cent für einen Retourflug. Panik überkam sie, aber gegen diesen Steward hatte sie nicht den Funken einer Chance.
„Isäni kuoli“, brüllte sie und brach in Tränen aus.

11.
Portsmouth war sicher nicht die Welt, aber möglicherweise das Tor zu ihr. Jedenfalls besser als alles andere hier in dieser verdammten Großstadt, von der er die Schnauze gestrichen voll hatte. Er konnte dort sicher Arbeit auf einem Schiff finden und so auf die eine oder andere Weise seinen Eroberungszug in der Welt beginnen. Also nichts wie auf zum nächsten Ticketautomaten. Abfahrt um 9 Uhr, Fahrzeit knapp eineinhalb Stunden. So schnell konnte das gehen. Sollen die alle mal sehen, was er, der Versager so alles drauf hatte.
„Yeahhhhhhh!“ Kevin drehte einer seiner Pirouetten und setzte abschließend zu einem Sprung an, der ihn zur nächsten ticketmachine befördern sollte.
Obwohl er alle möglichen Tasten gedrückt hatte, musste er feststellen, dass der billigste Trip erst ab 17,19 Pfund zu haben war, da fehlten ihm doch glatt noch 10. Das würde er auch noch hinkriegen. Wenn er sich an seinen Vater erinnerte, hatte der auch immer jede Menge Ideen, um schnell an Kohle zu kommen. Und ihm wollte er um nichts nachstehen. Läppische 10 Pfund konnten ihn keinesfalls von seinem Plan abbringen.
Kevins Gehirn arbeitete und seine Augen funkelten. Mit einem weiteren „Yeahhhhhhh“ und einer neuerlichen Pirouette sprang er zum nächsten Zeitungskiosk.

12.
Die beiden waren erstmal versorgt, der dritte hoffentlich auch. Ute schlenderte am Fluss entlang. Das hatte sie immer schon machen wollen, ganz alleine und ohne schreiendes Pack, das sich entweder an ihr festkrallte oder das so weit davonlief, dass sie Angst haben musste, dass eines von ihnen im nächstbesten Moment in den Fluss fiel und ertrank.
Ihr fiel ein Erlebnis aus der Kindheit ein: Ihre Großmutter, die einen kleinen mittlerweile verkauften Bauernhof im Umland der Stadt besessen hatte, ertränkte gerade drei kleine Katzenbabys in der Regentonne als sie zufällig dazukam. Kein Wort fiel zu diesem Ereignis, weder in diesem Moment noch in den vielen Jahren danach, in denen sie ihre Oma immer wieder besucht hatte. Auch sie bewahrte dieses Erlebnis als Geheimnis auf. Das Bild der mit den schreienden Katzen ringenden Oma hatte sich jedoch tief in ihrer Seele eingebrannt. Dann war der Deckel drauf und die Großmutter hatte Ute an der Hand genommen und sie ins Haus geführt. Dort hatte sie eine Extraportion Kakao bekommen und die Oma hatte sie lange und intensiv angeschaut und ihr immer wieder den Kopf gestreichelt.
Ute machte kehrt und schlug den Weg in Richtung KITA ein.

13.
Wenn du eines Tages erwachen würdest und keinen Körper mehr hättest, dann müsstest du nur lernen deinen Geist so zu bewegen, dass dir die ganze Welt, nein der ganze Himmel, noch besser die ganze Milchstraße oder the whole outer space gehört.
Ich saß plötzlich wieder an meinem Platz am Tisch.
Fred rülpste.

(c) 2016 Michael Karjalainen-Dräger
M.A. Karjalainen
http://karjalainen-draeger.weebly.com

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