Geschichte des Tages: Ryek Darkener – Gibt es einen Grund, warum die körperlich aktiven Helden männlich zu sein haben? Nein.

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Geschichte des Tages

Gibt es einen Grund, warum die körperlich aktiven Helden männlich zu sein haben? Nein.

„Verriegle die Tür und halt dich raus, bis eine von uns am Boden liegenbleibt, klar?“, befahl Kaija.
Jan sah sich um. Die Ladeluke des Frachtraumes war geschlossen, die von Imara und Kaija eingebaute Beleuchtung warf grelle Schlaglichter an die stählernen Wände. Auf dem Boden war mit Klebeband ein Geviert abgegrenzt worden. Sechs mal sechs Meter, wie in einem Dojo. Nur war der Boden aus Stahl.
Jan verriegelte die Zugangstür und setzte sich auf den Klappstuhl, den er mitgebracht hatte. Er stellte den Erste-Hilfe-Koffer ab und nahm das Steuergerät für die Beleuchtung auf.
Imara und Kaija hatten an den gegenüberliegenden Seiten der Abgrenzung Aufstellung genommen. Sie waren barfüßig, Imara trug ein weißes Trikot, Kaija ein schwarzes.
Kaija gab einen Laut in einer Sprache von sich, den Jan nicht verstand. Imara antwortete in gleicher Weise. Jan hatte den Eindruck, dass die beiden sich beschimpften, ein Ritual zum Warmmachen.

Imara nickte knapp. „Du hast viel gelernt.“
Kaija lächelte herablassend. „Ich hatte einen guten Lehrer, wie du weißt.“
„Lass uns herausfinden, ob du gut genug gelernt hast. Jan: Es ist so weit.“

Jan betätigte den Startknopf der Lichtsteuerung und schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht. Die Stahlwand hielt seine Rückwärtsbewegung auf, sonst wäre er umgefallen. Das ultrahelle blaue Licht drang sogar durch seine Hände in die Augen. Er hörte Zischen, Keuchen, tappende Füße, Aufeinanderklatschen und gelegentlich einen Schrei, aber er konnte nicht zuordnen, was von wem kam.

Das Licht ging aus, das Zischen verwandelte sich in ein moduliertes Klicken. Der Kampf ging weiter. Jan nahm die Hände herunter und riss die Augen auf, konnte aber in der Dunkelheit genauso wenig erkennen wie zuvor im Licht. Dass er die Körpertreffer hörte, trug nicht zu seiner Beruhigung bei.

Ein schwaches rotes Leuchten erhellte den Raum. Kaija und Imara standen in zwei Meter Abstand und rangen nach Atem. Auf dem Boden befanden sich Flecken, genau wie auf den Trikots.

Imara machte einen Schritt vorwärts, die Bewegung ihres Fußes verschwamm. Der Tritt hätte Kaija den Kopf abgetrennt, wenn der sich noch an der Stelle befunden hätte, die Imara anvisiert hatte. Kaija kickte Imara das Standbein weg, Imara rollte nach hinten ab und war schon wieder in Vorwärtsbewegung, als Kaijas folgender Schritt den Boden berührte. Sie stieß mit beiden Händen zu. Kaija segelte drei Meter durch die Luft, rollte ab und stand wieder. Sie lief an, sprang, um kurz vor Imara zu landen.
Jan konnte den Bewegungen nicht folgen. Das Licht wechselte zu einem sonnengelb, das machte es aber nicht besser. Das Geräusch der aufeinandertreffenden Arme, Beine, Hände, Füße erinnerte an einen gedämpften Trommelwirbel.

Imara warf den Kopf zurück und taumelte rückwärts. Kaija ging schwer atmend auf die Knie.

Das Licht wechselte zu einem intensiven violett, das bei Jan Todesangst auslöste. Der Kampf ging weiter, Schlag um Schlag, Tritt um Tritt, Finte um Finte. Jan bekam schon beim Zusehen Atemnot. Ein Ballett der Perfektion des Tötens ohne Waffe. Jede der Aktionen hätte bei einem anderen Gegner den Kampf endgültig beendet. Jan wusste das, schwankte zwischen Faszination und Entsetzen. Er schüttelte den Kopf, um die aufkommende Resignation zu vertreiben. Hier fand ein Kampf von Titaninnen statt, er war nur ein Sterblicher.

Ein lautes Klicken beendete die Aktionen der Lichtsteuerung. Das weiße Licht der Laderaumbeleuchtung beschien zwei Frauen, die sich wie Statuen gegenüberstanden. Die Trikots waren an vielen Stellen eingerissen. Kleidung und Körper sahen aus, als ob sie im Mittelalter einen Tag am Schandpfahl verbracht hätten. Jan wusste, dass Imara in wenigen Stunden wieder aussehen würde, als ob sie frisch geschlüpft wäre. Wahrscheinlich hatte das Palliativum ähnliche Wirkung bei Kaija. Er atmete tief ein und ließ die Luft langsam ausströmen. Ein Gefühl des Stolzes, der Unzerstörbarkeit durchströmte ihn. Und Dankbarkeit, dabei sein zu dürfen.

Imara nickte knapp. „Ich bin beeindruckt.“
Kaija versuchte zu lächeln. „Das sehe ich.“
„Du kannst noch etwas sehen?“
„Natürlich.“ Kaija schnaufte erschöpft. „Wenn auch nicht mehr so gut mit den Augen.“
„Aye. Wenn du weiter trainierst, hast du eine Chance.“
„Danke.“
„Es wird mir eine Ehre sein, dich dann meine Schwester nennen zu dürfen.“
Kaija verneigte sich formell. Imara erwiderte den Gruß.

„Und was mache ich jetzt mit euch Furien?“, brachte Jan sich in Erinnerung.
Imara lachte hell auf. „Reparieren. Bitte.“
Jan griff nach dem Medizinkoffer und stand auf. „Na gut. Das habe ich befürchtet.“
„Jan?“
„Ja?“
„Heute Nacht gehörst du Kaija.“
„Darf ich vielleicht auch etwas dazu sagen?“
„Nein.“
Jan grinste. „Von mir aus. Aber die Sauerei hier räumt ihr auf.“

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