Geschichte des Tages: Nicole de Virgiliis – Beichte

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Geschichte des Tages

Beichte»Wer ist das denn?«, höre ich mich sagen. Geschockt gucke ich auf den Bildschirm und betrachte das Foto eines Mannes, der in der Freundesliste einer Bekannten auftaucht. Mein Antityp. Er trägt eine schmuddelige Lederjacke. Die Kippe in seiner Hand ist wohl für die Rauchwolke um ihn herum verantwortlich. Sein abwesender Blick lässt mich zusammenzucken.
Wieso bin ich noch mal auf den Gedanken gekommen, mir ihre Freunde anzusehen? Keine Ahnung. Aber wenn ich schon dabei bin, schaue ich mir den genauer an. Gefesselt lese ich mich durch seine Beiträge und finde sympathischere Schnappschüsse von ihm als das Qualmbild. Er scheint ein außergewöhnlicher Mann zu sein, der eine schlechte Entscheidung bei der Wahl seines Profilfotos getroffen hat.

Am darauf folgenden Morgen greife ich zum Handy. Es könnten ja über Nacht Fluten von Nachrichten, E-Mails oder SMS aus aller Welt angeschwemmt worden sein.
»Was soll das denn!« Der hat mir eine Freundschaftsanfrage gesendet? Der kann doch gar nicht wissen, dass ich gestern auf seinem Profil war! Haben die schon wieder an den Nutzungsbedingungen geschraubt?
Dass ich als Medium neben einigen Vorteilen auch auf Verrücktes treffe, gehört zu meinem Alltag und daran hatte ich mich im Laufe meines Lebens gewöhnt. Aber einfach in eine solche Situation geworfen zu werden, ohne sie kommen zu sehen, ist für mich zu überraschend. Ich mag es nicht sonderlich.
Will ich mich gegen diese Fügung wehren? Nein, also nehme ich seine Freundschaft an.
Prompt eine Nachricht!
»Der ist ja schnell.« Ein Mann der vielen Worte scheint er nicht zu sein. Aber er schreibt direkt und ehrlich. Eine willkommene Abwechslung nach den Feiglingen der Vergangenheit. Ich hatte mir einen Krieger gewünscht und ihn bekommen. Wies wieder läuft!
Drei Tage schreiben wir hin und her, er tut mir gut. Doch wird es zunehmend schwieriger, ihn auf Abstand zu halten. Telefonieren möchte ich noch nicht und der Gedanke an ein Treffen macht mir Angst. Ich gebe ihm meine Telefonnummer mit der Bitte, sie noch nicht zu benutzen. Vergraulen möchte ich ihn nicht.
Entrüstet schaue ich auf mein läutendes Telefon.
»Das glaub ich jetzt nicht! Ich werde ganz sicher nicht mit dir telefonieren!«, sage ich zu mir selbst und hoffe, dass es energetisch bei ihm ankommt.
Als mein Anrufbeantworter anspringt, halte ich mir entgeistert den Mund zu und lausche seiner Stimme.
»Wow!«, wie männlich und sanft zugleich. Der liebevolle Klang widerspricht komplett seinem Profilbild.
Die letzte Katastrophe ist knapp einen Monat her, ich kann dich nicht treffen. Das schreibe ich ihm und darf lesen, dass es für ihn so keinen Sinn ergibt.
Gut, ein kurzes Intermezzo. Damit kann ich leben.

Am nächsten Tag erhalte ich die Nachricht, dass dieser Mann meine Einladung in einem anderen Netzwerk angenommen hatte. Ich kann mich nicht erinnern, ihm eine geschickt zu haben.
Es soll wohl so sein und wir sind wieder im Gespräch.
Ich überwinde meine Befürchtungen und einem ersten Treffen steht nichts mehr im Weg. So fahre ich am Abend nach Zürich. Um mich bemerkbar zu machen, greife ich zum Handy. Kein Netz. Auf der Suche nach seinem Klingelschild schleiche ich vor dem Block entlang. Vergebens.
Um pünktlich zu sein, erbitte ich mir Hilfe von höchster Stelle und lande auf direktem Weg hinter dem Block vor seiner Haustür. Zuverlässig sind sie. Danke.
Auf mein Klingeln meldet sich die Gegensprechanlage mit mörderischem Fiepen.
Der Türöffner summt. Mir bleibt fast das Herz stehen.
Ich verzichte auf den Fahrstuhl und nähere mich ihm Stufe für Stufe.
Da erblicke ich ihn, wie ein Fels steht er in seiner Tür.
Mein erster Gedanke ist erschreckend und erleichternd zugleich: Du siehst aus wie meine zukünftige Tochter!
Er strahlt mich an.
»Du bist ja richtig hübsch!«
Ich bin peinlich berührt und strecke ihm meine Hand zur Begrüßung entgegen.

Der erste Monat vergeht wie im Flug, keinen Tag sind wir getrennt, eine bewegende Zeit.
In welcher ich niemals wagte, meine Gabe zur Sprache zu bringen. Umso merkwürdiger erscheinen mir seine scheinbar unmotivierten Statements.
»Ich will mit Geistscheiß nichts zu tun haben!«
Ständig donnert er mir diesen Satz entgegen. Er differenziert nicht und stempelt alles damit ab, was auch nur annähernd in die spirituelle Ecke gehört. Kein gutes Fundament für eine gemeinsame Zukunft. Doch ich bin, wer ich bin und kann keine andere sein. Ich werde ihm von meinen Fähigkeiten erzählen, ganz gleich was anschließend geschieht.

Heute soll es also passieren. Eine schnuckelige Trattoria darf als Beichtstuhl herhalten. Nach meinem ersten Kaffee nehme ich Anlauf.
»Ich muss dir etwas sagen … Ich trau mich nicht.«
Nicole, denke ich bei mir, nimm deinen Mut zusammen und raus damit.
Also hole ich tief Luft und rattere einen emotionsfreien Satz herunter.
»Ich bin hellsichtig, hellfühlig, hellhörig und all das andere, was damit zu tun hat.«
Er beugt sich zu mir und blickt mir in die Seele.
»Glaubst du, das weiß ich nicht?«
Bäm! Das hat gesessen. Ja, ich glaubte, er wisse es nicht.
Da ist man medial, und wenn es einen selber betrifft, so was von aufgeschmissen.

Kann ich ihm die volle Ladung reindrücken?
Warum eigentlich nicht!
»Ich kenne meine zukünftigen Kinder und das Mädchen durfte sich ihren Namen aussuchen.«
Anstatt mich so anzusehen, wie alle Männer zuvor, grinst er.
»Und welchen hat sie sich ausgesucht?«
»Nala«, hauche ich verschüchtert.
Er nickt anerkennend.
»Nala, die Königin.«
Erneut erwischt. Woher weiß er die Bedeutung?
»Warum …?«
Er unterbricht mich.
»Müssen wir darüber jetzt wirklich noch reden?«
Bedächtig schüttele ich den Kopf.
Das Leben kann so einfach sein!
Ich bin angekommen, bin daheim.
Der Eine, auf den ich wartete, hat mich gefunden.
Wie oft habe ich darum gebeten, dass sie ihn mir schicken und ihnen vertraut.
Man sagte mir, er würde kommen und dennoch war er die Überraschung meines Lebens.
Ich korrigiere mich, ich mag Überraschungen. Ich liebe sie.

 

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Nicole de Virgiliis – Beichte

  1. petra0654 sagt:

    Eine schöne Geschichte, die man gern glauben will.

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