Geschichte des Tages: Bernd Daschek – Bereit!

typewriter-1007298_192001.05.2016

Geschichte des Tages

Bereit!
Es war Zeit! Irgendetwas musste ich tun. Mein schlechtes Gewissen plagte mich.
Während der Frühstückspause in der Firma sprach ich mit Thomas darüber: „Also, ich würde mich ja gern sozial engagieren, mal was zurückgeben. Aber ich kann in diesem Bereich überhaupt nichts.“
„Da wüsste ich sofort etwas für dich!“, sprang Thomas gleich an. „Meine Frau Karin ist bei der Drogenhilfe, immer nachts unterwegs. Die suchen ehrenamtliche Fahrer. Fahren kannst du doch, und mir wäre das unheimlich lieb, wenn du das machst. Jede Nacht hab ich … In dem Milieu … Du verstehst schon, Schutz wäre nicht schlecht!“
„Ja, prima! Sie soll mich einfach anrufen, dann mache ich das“, stimmte ich begeistert zu. Was sollte da schon dabei sein?
Der Anruf kam, sie erzählte mir von Schulungen, aber mit der Fahrerei könnten wir loslegen, wenn ich bereit sei.
„Bereit!“, stimmte ich sofort zu. „Kann heute Abend schon losgehen. Ich hole dich ab, Karin.“
Wir verabredeten uns an einem Posten der Drogenhilfe. Dort luden wir kleine Päckchen ins Auto.
„Was ist da drin und wo soll es hingehen?“, fragte ich.
„Kochgeschirr, sauber, und zur Kurfürstenstraße zum Babystrich.“
Jetzt verstand ich Thomas Sorgen. Die Gegend rund ums »Sound« am Anfang der Achtziger war alles andere als eine sicher Flaniermeile. Aber …? Da musste ich fragen: „Kochgeschirr?“
„Ja, so nennt man das: Löffel, Spritzen und der andere Kram. »H« wird gekocht, um es aufziehen zu können. Der ganze Druck, den sich die Mädels geben, wird »Kochen« genannt. Ist oft auch das Einzige, was sie zu sich nehmen.“
Wir fuhren hin. Ich sollte im Auto bleiben, um kein Misstrauen zu verursachen. Karin verteilte ihre Päckchen. »Zugang schaffen«, nannte sie es. Als ein Zuhälter ihr auf die Pelle rückte, stieg ich aus. Die resolute Karin vertrieb ihn jedoch problemlos.
Dann ging es zurück zum Posten, um Nachschub zu holen. Kaum waren wir angekommen, klingelte das Telefon.
„Scheiße!“ Karin wiederholte das Wort beim Telefonieren mindestens 10 Mal. „Wir müssen los! Bei einer, die ich persönlich betreue ist … Ach, Kacke, ich dachte sie wäre weg vom Kochen! Komm, vielleicht sind wir vor den Bullen da!“
Wir waren es nicht. Die ganze Straße leuchtete bereits im Schein der Blaulichtlampen.
„Du bleibst im Wagen, verstanden! Das schaffst du noch nicht!“, ermahnte sie mich. Dann murmelte sie: „Das schafft wohl nie jemand!“ Sie rannte in den Hauseingang.
Nach der dritten Zigarette wurde ich unruhig, dachte an das Versprechen gegenüber Thomas, auf Karin aufzupassen. Ich ging hinein. Der Flur stank wie ein Kaninchenstall, der wochenlang nicht gereinigt wurde. Ein Polizist stand an der Wohnungstür, den sprach ich an: „Ich gehöre zu Frau Hoffmann, von …“ Er ließ mich durch.
Blitzlicht empfing mich. Aufnahmen der Spurensicherung.
Karin saß im Zimmer am Ende des Korridors und sprach mit einer sehr jungen Frau; abgeranzt, klebriges Haar, ihr Körper wippte auf und ab. Sie summte ein Liebeslied.
Dann sah ich es im Nebenzimmer. Wenn ich überhaupt noch denken konnte, dann nur noch: Kann man es nicht zudecken?
Nach der Schockstarre rannte ich ins Freie und kotzte mir die Seele aus dem Leib. Dann setzte ich mich auf eine Bank und heulte wie ein Schlosshund. Karins Arm legte sich um tröstend meine Schultern. „Geht’s?“, fragte sie.
„Wie soll das gehen?“, schrie ich. „Das Baby, blau angelaufen, weit aufgerissener Mund zum letzten Schrei, krepiert in der eigenen Pisse und Scheiße!“
„Wenn sie »drauf« sind, die Mädchen, dann vergessen sie alles!“ Karin versuchte, ruhig zu bleiben, doch auch ihr liefen die Tränen. „Es ist mein fünftes, was ich sehen musste. Ich will das sechste unbedingt verhindern, deshalb mache ich das. Fahr nach Hause! Ich rufe dich morgen an. Wenn du aussteigen willst …, ok.“
Daheim knallte ich mich ins Bett. Kotzte noch vier, fünf Mal. Morgens dann der Kaffee, der gut tat.
Das Telefon klingelte. „Wie geht es dir? Willst du reden?“, fragte Karin.
Von mir kam nur: „Bereit!“

 

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Bernd Daschek – Bereit!

  1. Die Geschichte des Tages von Bernd Daschek – Bereit! Gänsehaut. Berührend. Alle Achtung den Menschen gegenüber, die sich so für andere einsetzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.