Geschichte des Tages: Sandra Foltin – Monster

typewriter-1007298_192003.05.2016

Geschichte des Tages

Monster
»Wirklich, Mama, das Monster ist jede Nacht da! Es kommt auch diese Nacht, ich weiß es genau. Bitte lass mich nicht allein«. Leni weint, weil ihre Mutter ihre Angst so gar nicht verstehen kann.
Mama ist ungeduldig, sie hat unten Gäste, zu denen sie endlich runter will. Stattdessen muss sie sich seit einer halben Stunde mit Anna Lena streiten, wie sie sagt. »Wirklich, Anna Lena, du bist mittlerweile zehn Jahre alt, du weißt ganz genau, dass es keine Monster gibt! Ich habe noch nie eins gesehen! Also hör auf, Geschichten zu erzählen, sei nicht albern. Ich will jetzt keinen Mucks mehr hören! Auch das du immer bei Licht schlafen willst, das hört jetzt auf! Das ist ja lächerlich. Außerdem hast du morgen wieder Schule«, dann schaltet sie das Licht aus und schließt die Tür hinter sich.
Das Zimmer ist in graues Zwielicht getaucht.
Leni weint leise, aber sie weiß, es nützt nichts. Die Rollladen sind nicht ganz heruntergelassen, und so fallen noch ein paar Lichtstrahlen durch die Ritzen.
Dieses Licht fällt genau auf das Regal, das gegenüber von ihrem Bett steht. Dort sitzen alle Puppen und Stofftiere, die ihr Vater ihr geschenkt hat. Durch den schwachen Lichtschein wirken ihre Glasaugen lebendig, fast so als beobachten sie sie. Leni muss schlucken, schnell sieht sie woanders hin. Sie lauscht angestrengt, ob sie von unten etwas hören kann. Aber die Stille senkt sich spürbar auf sie, drückt sie nieder. Schnell zieht sie sich die Decke über den Kopf. Aber sie weiß genau, dass ihr das nicht helfen wird. Früher hat sie oft versucht, sich zu verstecken. Aber das Monster hat sie immer gefunden.

Als sie klein war, hatte sie gar keine Angst gehabt, in ihrem Zimmer, da war sie fröhlich schlafen gegangen. Sie hatte immer die tollsten Träume gehabt, manchmal wachte sie atemlos auf, weil sie im Schlaf so gelacht hatte.
Das änderte sich schlagartig, als sie in die Schule kam, da tauchte das Monster das erste Mal auf. Erst nur ab und zu, aber mittlerweile ist es fast jede Nacht da.
Leni versucht sich abzulenken, indem sie nachdenkt.
Warum lachen die anderen Kinder in der Schule wohl? Die sehen alle so glücklich aus. Ob noch niemand von denen mal ein Monster gesehen hat? Das fragt sie sich oft, aber sie hat sich noch nie getraut zu fragen. Ihre Mutter sagt ihr, sie soll nicht darüber sprechen, denn es ist nicht normal, dass sie noch an Monster glaubt.
Leni fragt sich oft, wie ihr Leben wohl wäre, wenn es das Monster nicht gäbe. Ob sie dann auch lachen würde?

Plötzlich merkt Leni, dass sie noch mal Pippi machen muss. Nervös schleicht ihr Blick durchs Zimmer. Was soll sie bloß machen? Früher, als sie anfing, das Monster zu sehen, machte sie manchmal ins Bett. Mama hatte sehr geschimpft.
Leni weiß, dass es nichts nützt, es vor sich her zu schieben, also nimmt sie all ihrem Mut zusammen und schlägt die Decke zurück; sofort fröstelt sie. Blitzschnell schießt sie aus dem Bett, durch das Zimmer und aus der Tür hinaus.
Als sie wiederkommt, bleibt sie in der offenen Tür stehen, denn sie will nicht wieder in ihr Zimmer. Aber, wenn Mama sie hier draußen erwischt, gibt es richtig Ärger.
Also flitzt sie schnell zum Bett, springt hinein und zieht sich die Decke wieder über den Kopf. All ihre Puppen und Stofftiere beobachten sie dabei, völlig unbeeindruckt von ihrer Angst. Obwohl die Tür jetzt nur angelehnt ist, hört sie von unten nur ein schwaches Gemurmel. Fast wie ein Brummen.
Plötzlich schreckt sie hoch, sie ist wohl doch eingeschlafen. Die Tür knarrt leise, als sie geöffnet wird.
»Leni, bist du noch wach? Mama hat mir erzählt, dass du nicht schlafen willst«, sagt Papa und zieht die Decke von ihrem Gesicht, als er sich zu ihr setzt. »Du hast wieder von einem Monster geredet«. Er schüttelt den Kopf und streichelt ihr Gesicht. »Du weißt doch ganz genau, dass es keine Monster gibt!«
Leni sieht ihrem Vater in die Augen und denkt:
»Kinder können Monster sehen, Erwachsene nicht.
Oder wollen sie nicht sehen … «,schießt ihr durch den Kopf, als sie sieht, wie ihre Mutter von außen die Tür zumacht, und sie mit dem Monster alleine lässt.

© Sandra K. Foltin

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Sandra Foltin – Monster

  1. petra0654 sagt:

    Die Märchen, die man den Kindern erzählt, rufen derartige Monster herbei.

    Meine Monster vertrieb ich mit Lesen bis weit nach Mitternacht, wenn ich bei Licht einschlief. Deshalb verbot ich meiner Tochter das Lesen im Bett nie. Und ich half ihr auch, unter dem Bett und im Schrank nachzusehen, damit auch ganz sicher kein Monster irgendwo versteckt ist.

    Es tut mir richtig leid, dass das Mädchen in dieser Geschichte durch den verständnisvollen Vater in einen Monstertraum gleitet.

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