Geschichte des Tages: Katharina Rambeaud – Landflucht

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Geschichte des Tages

LandfluchtUmzugslaster sind fast so schlimm wie Leichenwagen. Beide haben etwas Endgültiges.
An diesem Nachmittag war ich dennoch froh, als sich die Verladerampe des LKW mit der grellorangen Aufschrift Spedition Müller endlich schloss und den Blick auf mein spärliches Mobiliar verbarg. Man sollte meinen, dass drei Jahre in dieser Stadt gereicht hätten, etwas mehr anzusammeln, so wie sich im Laufe der Zeit Unmengen an Plastikschaufeln in den Sandkisten der Spielplätze finden lassen, aber dem war nicht so. Die Mietswohnung im mehrstöckigen Wohnblock war bis zum Schluss unpersönlich, fast fremd geblieben. Ich seufzte und ging langsam zu meinem Wagen. Egal. Vor mir lag ein neues Leben, fern von diesem Straßenlärm, der selbst mit Ohrstöpseln wie ein penetrantes Rauschen in mein Bewusstsein gedrungen war und mich fast wahnsinnig gemacht hätte. Es würde guttun, all das hinter mir zu lassen.
Der Ort, in dem ich mir eine Doppelhaushälfte gemietet hatte, war ungefähr vierzig Minuten Fahrzeit von meinem Arbeitsplatz entfernt, aber das war es mir wert. Verkehrsberuhigte Zone. Ländlicher Charme. Ausblick über Rapsfelder, Pferdekoppeln und einen sich windenden Bach. Herrlich!
Während der Fahrt pfiff ich leise vor mich hin, genoss das Gefühl, die Stadt mit ihren Straßen und Gässchen hinter mir zu lassen, die wie Nadelöhre waren, durch die man sich behutsam fädeln musste, um keinen Unfall zu bauen. Nachts würde ich nicht mehr ständig von den Sirenen der Feuerwehr geweckt werden, weil irgendwo ein Brand zu löschen war, oder vom durchdringenden Piepsen einer Alarmanlage. Ich würde in eine Welt ohne Verkehr ziehen, zumindest fast ohne Verkehr. Ich lächelte.
„Guten Tag, Frau Reitz“, begrüßte mich mein neuer Vermieter kurze Zeit später mit einem Lächeln, „ich habe den Durchschlag ihres Mietvertrages dabei, ihre Schlüssel auch.“
Ich nickte ihm zu, wir besprachen noch einige Formalitäten, danach ließ er mich mit den Männern der Spedition allein. Abends saß ich im heillosen Chaos des Neuanfangs, trank eine Tasse Tee und versuchte, glücklich zu sein. Ich war frei. Die Stille um mich herum war der Beweis meines Triumphs. Mein Lächeln zuckte nervös um meine Lippen, als wüsste es nicht so recht, ob es angemessen war.
Die nächsten Tage verbrachte ich mit dem Auspacken der Kartons, sobald ich von der Arbeit nach Hause kam, richtete mir mein Heim ein und kaufte ein. Wenn es die Zeit zuließ, machte ich Spaziergänge durch die Obstwiesen der Gegend.
Es dauerte drei Wochen, bis ich mir eingestand, dass mir die Ruhe auf die Nerven ging. Vielleicht muss ich mich einfach daran gewöhnen, dachte ich, die Leute am Niagarafall sind auch aus dem Schlaf hochgeschreckt, nachdem dieser eingefroren war.
Nachts lag ich lange wach. Wenn ich die Ohren spitzte, konnte ich das leise Rauschen der Autobahn vernehmen, zumindest bei Südwind.
„Dir scheint die Landluft nicht zu bekommen, du bist so blass in letzter Zeit!“, die Stimme meiner Kollegin Hanna ließ mich hochschrecken.
„Hm, findest du?“
„Ich finde, wir sollten einen Kaffee trinken gehen.“ Ihr Lächeln verwirrte mich auf angenehme Weise.
Fünf Minuten später saßen wir uns bei einem Kaffee Latte gegenüber. Ich hatte nicht vor, ihr meine Probleme aufzutischen, die ich als lächerlich empfand, aber nachdem mich ihre Hand wie zufällig beim Greifen nach der Zuckerdose streifte, erzählte ich ihr von meinem Umzug, meiner Sehnsucht nach Stille und der Erkenntnis, dass ich vermutlich undankbar war, weil ich mein Glück nicht zu schätzen wusste.
Hanna hörte zu, den Kopf schief gelegt und mit einem Lächeln in den Augen. Ich ertappte mich dabei, mir vorzustellen, ihr durch die Locken zu streichen, meine Finger über ihren Nacken wandern zu lassen und jede ihrer Sommersprossen sanft zu küssen. Ich verstummte. Eine Zeitlang saßen wir nur da, sahen uns an und lauschten dem Lärm des Verkehrs.
„Ich mache heute Abend Pizza“, sagte Hanna schließlich. „Hast du Lust, mitzuessen?“
Ich nickte.
Kurze Zeit darauf kündigte ich meinen Mietvertrag der Doppelhaushälfte.

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