Geschichte des Tages: Monika-Andreea Hondru – Grenzüberschreitung – Du, hinter das Licht …

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Geschichte des Tages

Grenzüberschreitung – Du, hinter das Licht …

Die Erinnerungen bleiben still, geschmacklos und plastisch. Und hat man sie einmal gehabt, kommen sie immer wieder … machen auch den Träumen Platz. Zweifellos versuchst Du, ihnen zu entkommen. Sie wecken Dich auf, sie beben organisch und pulsieren mehr oder weniger vor nackter Angst tief in deinen Adern. Eine Nacht, und noch eine … Grenzenlos. Sie rauben Dir den Atem, bevor Du noch den Geschmack der Freiheit spürst. Das Leben verwandelt sich mit jeder Minute in einen Adrenalin-Stoß. Du weißt nicht, was kommt, Du weißt nur, dass Du weitergehen musst … Viel weiter als Du schon gegangen bist … Weiter … !!!

Hinter das Licht, bewegt hin und her … von einer Taschenlampe. Es bleibt nur ein Weg, verengt in der Dunkelheit und Kälte, je weiter Du gehst. Du hörst übermüdet deinen Atem, deinen Herzschlag und die Tausende von Gedanken, sie kommen und gehen … sie hungern nach Leben. Am Liebsten würdest Du nur schlafen. Oder ist der Tod kein Begleiter, nur vielleicht der einsame Schlaf, der einem Schuss gleich kommt ? Die Schritte, ach, ja ! Die Schritte sind noch zu hören. Aber Du spürst sie nicht mehr … Sie sind automatisch, sie kommen von allein, wie ferngesteuert …
Hinter dem Licht ist noch ein Stück Leben in Dir, und da sind auch noch andere Vorfahren, sie leben tief versteckt in Dir … die Omas, die Opas, all die Väter und die Mütter … Du hast sie nicht alle gekannt, aber sie leben in der Tiefe deiner Seele und sie kämpften wie Helden bis zum letzten Atemzug … Deshalb bist Du heute hier. Dieser Kampf für die Freiheit lebt weiter in Dir. Er schnappt sich ungehorsam die Ehre und die freie Wahl. Frei leben ist heutzutage ein Luxus geworden. Unbezahlbar.
Und durch die kalte Novembernacht, schaust Du für ein paar Momente den Mann an, der Dir hilft, die Freiheit zu erlangen. Sein Alter zeigt seine Erfahrung im Leben. Seine Falten sind wie gemalt auf seinem Gesicht. Die Augen noch frisch und dunkel-klar. Er hat viel Ahnung und zeigt Dir den Weg … einen langen Weg, durch die Nacht hinter das Licht. Du bleibst still, obwohl das Leben spürbar schreit, wie kaum ein anderes Mal und die Gedanken laufen Amok … Mit uns sind da noch drei menschliche Gestalten. Keiner sagt etwas, alle sind still, innerlich zerfressen von Angst, und gehen weiter … und weiter … durch den Wald, im Dunkel der Nacht.Der alte Mann macht ein Zeichen. Wir müssen das Licht ausmachen. Ab hier wird im Dunkeln getappt, zwischen Bäumen und Büschen, zwischen Ästen und Steinen. Es ist kalt, eisig-kalt. Wir sind alle vier, außer dem alten Mann, auf der Flucht in die Freiheit. Eine Freiheit, die jeder von Geburt an haben und niemals um sie fürchten sollte !

Ein paar Kilometer weiter ist die Grenze. Wir sind selbst alle an unseren menschlichen Grenzen angekommen. Eine eiserne Müdigkeit trägt uns noch weiter … Jeder schleppt mit sich auch noch ein paar Kilos in seinem Rucksack und der Schmerz zieht sich bis in Mark und Bein. Die Stille, die Schritte, die Atmung … prägt auf Dauer unsere Gedanken. Die sind greifbar nah, wie ein unsichtbarer Nebel.
Ich kenne die anderen drei nicht und sie mich auch nicht. Ich habe nur damals den alten Mann in einem Zug getroffen und er redete ständig über die Freiheit, und, dass er sich mit Grenzen auskennt, weil er ist ganz in der Nähe zu Jugoslawien geboren und das Elternhaus lag früher zwischen den Grenzen. Der alte Mann ist ein Veteran, er war im zweiten Weltkrieg.
Sein Mut war ihm ins Gesicht geschrieben. Er verließ seine Familie und riskierte sein Leben für unsere Freiheit. Er schätzte die Freiheit mehr als sein Leben ! Er verließt jedesmal seine Familie, und jedesmal konnte es das letzte Mal für ihn sein. Für uns allein, für unser Leben wäre es das Ende aller Tagen gewesen … der letzte Moment.Das Leben ist viel wertvoller als dieser Weg im Dunkeln Nächtelang, hin und zurück, den er auch gehen muss. Ich sah seine Familie, mit Enkelkindern … Er brauchte sein ruhiges Leben nur zu genießen … Aber nein, er wollte Menschen helfen, in seinem Blut floss noch der wahre Held. Er geht jetzt vor uns vor und zeigt uns den Weg bis zur Grenze. Über die Grenze müssen wir allein und immer geradeaus gehen … So sagte er uns. Ich vertraue ihm. Ich vertraue ihm, weil ich ein neues Leben beginnen möchte, mit neuen Chancen für meine Zukunft. Ich bin mit meinen 25 Jahren noch jung, ich kann in einem neuen Land das Leben haben, das ich mir immer erträumt habe. Ich bereue nichts, was ich hinter mir lasse … Ich gehe nach vorn … Weiter und weiter …

Jetzt sitzen wir einen Moment lang. Jeder sucht sich ganz nah aneinander einen Platz. Die Erde ist nass. Ich spüre die nassen Blätter unter mir. Ich schaue nach oben, es ist alles dunkel im Dunkeln, nichts zu sehen. Wenn etwas ist, redet nur der alte Mann ganz still, wir hören zu. Wir dürfen keine lauten Geräusche machen. Jede Stunde kommt eine Grenzstreife und die durchsuchen die gesamte Grenzzone. Nicht weit von uns entfernt ist die Grenze, sagt der alte Mann. Wir müssen jetzt warten. Irgendwann ist die Grenzstreife durch und dann können wir über die Grenze fliehen. Man spürt schon Angst, gemischt mit Mut, in den stillen Gedanken. Es ist grausam. Ich atme tief durch. Die Hände zittern und die Füße fast gefroren. Man hat nicht mal zum Pinkeln Mut. So hoch ist die Spannung in unsere Knochen gestiegen.

Nach einer Weile gibt uns der alte Mann wieder ein Zeichen. Er sieht die Streife von rechts nach links kommen. Weit weg von uns sind wackelnde Lichter zu sehen und Hunde zu hören, sie bellen ziemlich laut. Meine Atmung bleibt für einen Moment totenstill, nur meine Blicke verfolgen die Taschenlampen … Die gehen hin und her … Hinterlassen keine Spur in der Dunkelheit. Ich habe hinter dem entfernten Licht die Zeit verloren. Wir sehen im Dunkeln der Nacht sowieso nichts. Mir ist kalt und ich bin müde. Jetzt ist keine Zeit zum Schlafen, vielleicht irgendwo hinter der Grenze im ersten Dorf. Bis dahin dürfen wir gar nicht stehen bleiben. Egal was kommt, wir müssen weitergehen …
Aber erst, nachdem die Grenzstreife die ganze Kontrolle gemacht hat. Jetzt gehen sie wieder zurück … Die Hunde bellen, das Licht wackelt hin und her … Wir gehen ganz langsam auf den Knien bis zum Waldrand, wir spüren die Nähe der Anderen, so können wir zusammen bleiben. Bis zur Grenze nur ein paar hundert Meter und wir haben es geschafft. Wir stehen alle auf. Der alter Mann bleibt jetzt zurück, er wünscht uns sehr leise : Viel Glück ! Wir alle vier müssen allein weiter. Wir erlangen unsere Freiheit nur geradeaus. Bis über die Grenze müssen wir laufen. So schnell laufen, wie wir nur können. Alle unsere Knochen sind von Müdigkeit erfasst. Aber wir müssen es schaffen. Es gibt keine andere Wahl, es gibt kein Zurück.

Und jetzt … Wir laufen, weiter … und weiter … schneller … noch schneller … Ein Schuss ! Ich höre es sehr laut in meinen Ohren ! Ich habe keine Zeit, hinter mich zu schauen. Ich laufe weiter …Ich bin über die Grenze, noch einer kommt hinter mir her. Ich höre die Laufschritte … Noch ein Schuss ! Jemand schreit in der Ferne : Halt !Wir laufen weiter … Wieder durch den Wald. Erst jetzt wage ich nach hinten zu schauen … Ich und noch ein junger Mann, wir haben es geschafft. Die anderen zwei, wir wissen es noch nicht. Wir warten kurz, Luft zu holen in unserem halb toten Zustand.Ich frage mich, ob die anderen zwei es geschafft haben ? Die Schüsse sind noch in meinem Kopf präsent. Sie durchwühlen meine Gedanken. Ich kann mich über meine Freiheit gar nicht freuen. Die Gedanken sind bei den anderen zwei Männern.Der junge Mann neben mir atmet genau so schwer wie ich, und durch seine gebrochene Atmung sagt er : „Schau da!“ Ich schaue, aber ich kann nichts wirklich erkennen. Und dann, wie zwei dunkle Schatten nähern sich am Randwald. Einer scheint verletzt zu sein. Wir warten. Sie kommen näher … und gleich sind sie da. Sie haben es auch geschafft. Ich kann mich freuen, dass wir noch am Leben sind. Die anderen freuen sich auch. Wir versuchen, dem Mann trotz seiner Verletzung zu helfen und gehen zusammen weiter … Erleichtert. Erschöpft. Durch die Grenzüberschreitung unserer Selbst.Wir leben und DAS zählt. Der Weg ist noch lange nicht zu Ende. aber irgendwann werde ich angekommen sein. Es werden mich neue Wege an die Grenzüberschreitung meiner Selbst bringen, aber die Freiheit wird für immer bleiben. Sie hat jetzt neu begonnen, in Ehre und Flucht, im Sieg und im Kampf, in Frieden und Sicherheit.

Die Erinnerungen bleiben für immer leise, ich kann sie hören und manchmal auch fühlen durch den Lauf des Lebens begleiten sie mich, wie der alte Veteran, der mein Leben um 180 Grad verändert hat. Die Erinnerungen bleiben gespeichert und verborgen in mir Selbst, hinter dem Licht. In der Stille meiner Selbst, an der Grenzüberschreitung meines Lebens, weiß ich, das Leben mehr als alles andere zu schätzen und es mit Freude zu erleben.
© Monika-Andreea Hondru
Im Andenken an meinen Großvater ( der alte Veteran, M.G. 1921-2007 ) Geschrieben nach einer wahren Geschichte der `80 Jahre !

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Monika-Andreea Hondru – Grenzüberschreitung – Du, hinter das Licht …

  1. fanrea sagt:

    Die Geschichte hat mich atemlos gemacht. Ich habe mitgelitten, ich bin gerannt, ich hatte Angst. Super!

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