Geschichte des Tages: J. A. Heger – Die Vorahnung

typewriter-1007298_192009.05.2016

Geschichte des Tages

Die VorahnungMitten in dieser lauen Nacht wachte ich auf. Stockdunkel war es. Irgendwo da draußen rief ein Käuzchen „Huhuuu, huhuuu“.
Von der Holztreppe, die zu meiner kleinen Schlafkammer führte, hörte ich merkwürdige Geräusche.
„Trapptrappp… Trapptrapp… Trapptrapp“. Es kam näher.
Sofort saß ich im Bett. Mein Herz klopfte wie verrückt.
Wieder: „Trapptrap… Trapp… Trapptrapp“.
Die alte Treppe knarrte verdächtig.
Als ich glaubte, die Tür würde jeden Moment aufgehen und ein Pferd käme herein, war es wieder totenstill.
Hatte ich geträumt? Schweißgebadet legte ich mich wieder hin und schlief irgendwann ein.
Am nächsten Morgen erzählte ich meiner Schwester und ihrem Mann beim Frühstück von meinem merkwürdigen nächtlichen Erlebnis.
„Ach Elsa, du hast bestimmt nur geträumt. Hier ist doch kein Pferd im Haus.“, lachten sie.
„Mach Dir keine Gedanken, wir haben heute genug zu tun.“
Im Radio hörten wir noch die neusten Berichte von der Front. Dann ging es hinaus aufs Feld.
Marthas jüngster Sohn war Soldat und sie bangte jeden Tag um ihn. Sie zweifelte daran, ihn wiederzusehen. Zu viele waren schon gefallen.
Die Männer und einige Frauen fuhren mit den Pferdewagen aufs Feld. Die Bauern wollten das sonnige Wetter nutzen, um das Heu noch trocken einzubringen.
Martha und ich bereiteten das Essen zu. Sie würde es ihnen später rausbringen.
Als meine Schwester aufs Feld hinauslief, kamen ihr die ersten Wagen schon voll beladen entgegen. Plötzlich brach eine Achse. Die Pferde erschraken heftig, scheuten und versuchten wegzukommen. Sie zogen so unglücklich an dem Wagen, dass er, auf die schon bedrohlich eingenommene Schräglage hin, vollends kippte.
Alles ging so schnell, dass meine Schwester dem umstürzenden Heuwagen nicht mehr ausweichen konnte. Keiner konnte ihr mehr helfen.
Drei Tage später kam ihr Sohn nichtsahnend auf Fronturlaub.

© J. A. Heger

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