Geschichte des Tages: Silvia Nagels – Die Sextoyparty

typewriter-1007298_192010.05.2016

Geschichte des Tages

Die SextoypartyMaria starrte den Hörer wie hypnotisiert an. Gerade hatte ihre Kusine sie zu ihrer Sextoyparty eingeladen und sie hatte sich zur Teilnahme überreden lassen.
Langsam legte sie das Telefon hin, während die Gedanken in ihrem Kopf Purzelbäume schlugen.
Der erste, Oh mein Gott, wird das peinlich, wurde überlagert von wilden Bildern mit Toyboys, die sich lasziv und spärlichst bekleidet auf diversen Liegestätten räkelten.
Maria kicherte leise, als sie sich fragte, was sie bei so einer Party erwarten würde. Hoffentlich gibt es keine Vorführungen am lebenden Objekt. So was kann ich nur ertragen, wenn ich genug getrunken habe. Ob Charlotte was zu trinken da hat? Ich Idiot, warum habe ich mich nur überreden lassen? Maria, du bist echt vollkommen verblödet, dich darauf einzulassen. Und warum? Nur weil Charlotte noch ein wenig Unterstützung haben will. Ob ich vielleicht noch mal anrufe und sage, dass ich es mir anders überlegt habe?
Maria rieb sich die Nase. Sie wusste genau, dass sie das nicht machen würde. Es war nicht ihre Art, andere hängen zu lassen, wenn sie etwas versprochen hatte.
Aber warum muss sie gerade mich fragen? Hätte Charlotte nicht Rosi fragen können? Die hat bestimmt mehr Spaß an so einer Party. Aber ich? Ich werde mich in Grund und Boden schämen.
Dabei war Maria keineswegs prüde, hatte in ihrem Leben genug wilde, rein erotische Beziehungen gehabt und sich nicht gescheut, diverse Praktiken auszuprobieren.
Doch es war etwas anderes für sie, den Sex zu leben, als mit irgendwelchen mittelalten Hausfrauen, die seit zig Jahren sexuell auf dem Trockenen saßen, Dildos, essbare Unterwäsche oder sonst etwas auszuprobieren.
Oh Gott, und mir nach Möglichkeit noch Geschichten aus dem Sexleben der Hausmütterchen anhören! Maria, du bist wirklich ein Schaf.
Sie sah die verschämt dreinblickenden Frauen, wie sie albern kichernd alles begutachteten und ausprobierten, bereits vor sich.
Das konnte sie echt nur im Suff ertragen.
Maria stand auf, holte die Flasche Prosecco aus dem Kühlschrank und goss sich ein großes Wasserglas bis zum Rand voll. Die letzte aufregende Nacht mit Robert kam ihr in den Sinn, während sie den Prosecco in einem Zug hinunterkippte und sie lächelte, als sie sich erinnerte.
Die so schön ‚at geprickelt in meine Bauchnabel.
Doch dann fielen ihr wieder die Hausfrauen ein. Die Reizwäsche anprobierten und ihre ausladenden Figuren so verhüllt, oder besser enthüllt, den anderen präsentierten.
Sofort erschien ein anderes Bild vor ihren Augen. Der Schrecken. Das Grausen. Das Abstoßenste überhaupt.

Die Damenumkleide

Maria füllte ihr Glas erneut und ging zurück ins Wohnzimmer.
Dass ihre Kollegin Heidi etwas merkwürdig war, wusste jeder auf der Arbeit. Es gab Tage, an denen sie redete wie ein Wasserfall. Ihr liebstes Thema war dabei das Wetter … oder Sex. Alle mussten sich das Grinsen verkneifen, wenn sie wieder einige schlüpfrige Bemerkungen fallen ließ, um sich zur Geltung zu bringen. Dabei war allen bewusst, dass sie ihre Weisheiten aus den zahlreichen Frauenblättchen bezog, die sie wöchentlich zur Arbeit mitbrachte.
Aufgrund ihres anderen Ticks wurde sie nur noch Die Wetterapp genannt. Das waren also Heidis einzige Gesprächsthemen. Wäre alles zu ertragen gewesen, wenn sie nicht noch einige andere Angewohnheiten gehabt hätte.
Jedem, dem sie ein Gespräch aufzwingen wollte, lief sie in ihrem typischen Watschelgang, die Arme stocksteif herunterhängend, hinterher.
Blieb ihr auserwähltes Opfer stehen, so war es sich gewiss, dass Heidis nächster Schritt darin bestand, ihren Kopf vorzustrecken, sodass sie fast Nase an Nase standen, und weiterzuquatschen. Egal, ob es ihr Gegenüber interessierte oder nicht.
An solchen Quasseltagen fühlten sich manche Kollegen, als ob sie Schokolade am Arsch hätten. Maria war selbst viel zu oft Opfer dieser Attacken geworden und fertigte Heidi meistens mit einem rüden Spruch ab.
Dann zeigte sich Heidis andere Seite: Sie wurde unsicher, weinerlich, machte Fehler zuhauf.
Was erneute Rüffel zur Folge hatte.
Und Heidi endgültig in Tränen zerfließen ließ.
Das war glücklicherweise meistens das Ende der Quasseltage. Heidi lief dann mit hängender Unterlippe seufzend und stöhnend herum und brachte kein Wort mehr heraus.
Maria trank einen Schluck Prosecco, zog die Beine unter sich und ließ den Kopf nach hinten auf die Sofalehne fallen.
Ihr Blick glitt über die fleckige Zimmerdecke. Ich müsste streichen. Ob ich Robert um Hilfe bitte? Sie stutzte. Was ist das? WAS ZUM GEIER IST DAS? Oh, bitte nicht! Keine Bilder!
Marias Augen blieben an einer Fleckenformation hängen, die das, was sie mit Heidi heute erlebt hatte, wieder auferstehen ließen.
Heidi schwitzte wie verrückt. Sie betonte jedes Mal, dass sie ja in den Wechseljahren sei und stöhnte herzzerreißend. Als ob sie die einzige Frau auf der Welt mit diesen Problemen wäre!
Aber sie war bestimmt die einzige Frau, die sich Papierhandtücher überall hinstopfte, um den Schweiß aufzusaugen.
Ihr allmorgendliches Ritual, bevor sie in die Arbeitskleidung schlüpfte, bestand darin, Lage über Lage der Handtücher zu fixieren.
Unter den Achseln des Unterhemdes, zwischen und unter den Brüsten in den BH und, die Krönung schlechthin: in ihrem Schlüpfer. Vorne – hinten – zwischen den Beinen.
Maria wollte es zuerst nicht glauben, bis sie es selbst einmal erlebt hatte.
Und ich hab mich immer gewundert, wieso auf dem Klo immer Handtuchpapier auf dem Boden rumliegt.
Doch das von heute schlug dem Fass den Boden aus.
Maria wollte zur Toilette, betrat arglos die Damenumkleide … und erstarrte.
Sie hatte freien Blick auf die Waschbecken der Toilette – und auf eine davor stehende Heidi, die sich hingebungsvoll wusch.
Den Schlüpfer in den Kniekehlen hängend glitten ihre nassen Hände eifrig zwischen ihren Beinen hin und her.
Maria stolperte rückwärts aus der Umkleide und war bedient.

Nach einem weiteren Schluck Prosecco hatte sie sich entschlossen. Ihre Hand griff nach dem Telefon, sie wählte die Nummer ihrer Kusine und sagte die Sextoyparty ab.
Ihre Finger glitten wie von selbst über die Tasten, als sie eine weitere Nummer wählten.
„Robert, Liebling. Wollen wir unser neues Spielzeug ausprobieren?“

(c) Silvia Nagels 2016

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