Geschichte des Tages: Josef-Johann Caesing – Bianca Tottolis Nähkästchen

typewriter-1007298_192012.05.2016

Geschichte des Tages

Bianca Tottolis Nähkästchen„Schon gehört? – Luisa ist nicht wieder aufgetaucht.“ Pietro versteinerte, während Antonia ihm einen Teller Spaghetti vorsetzte. „Aber das musste ja so kommen. Wir haben es alle gesagt. Ein Mann soll einen Männerberuf haben und eine Frau soll Kinder haben. Die heiligen Männer in Rom wissen schon, was der liebe Gott will.“ Antonia deutete auf ein verwackeltes Foto an der Wand, das den Papst an seinem Fenster im Lateranpalast zeigte in einer weißen Soutane. Sonst war nicht viel zu erkennen, der weiße Klecks war nur so groß wie ein Streichholzkopf. Aber immerhin, Antonia hatte das Bild selbst auf dem Petersplatz geknipst.
„Luisa hat sich gegen das Gebot Gottes versündigt und in einem Männerberuf gearbeitet“, zischte Antonia, noch immer auf das Papstbild zeigend. „Und das ist die Strafe.“
„Halt dein Schandmaul, Antonia, deine Heiligenscheiße geht mir auf die Nerven“, blaffte Pietro und knetete seine Hände.
„Meinst du es ist gottgefällig, wenn sich das Flittchen in ihren knappen Bikinis und ihrem engen Neoprenanzug auf dem Boot gierigen Männerblicken aussetzt? Außerdem soll sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann gehabt haben…“
„Hör auf!“, schrie Pietro seine Frau an.
„Warum nimmst du sie denn in Schutz? Hast du es dir etwa auch von ihr machen lassen wie all die anderen? Zutrauen würd ich es dir, du geiler Bock du.“ Antonia hatte ihre Arme in die Hüften gestemmt und starrte Pietro verächtlich an.
„Predigen dir deine heiligen Männer aus Rom nicht auch, dass du milde sein sollst?“
Antonia ging nicht auf Pietros Manöver ein, den Disput auf eine andere Bahn zu lenken: „Ich will dir sagen, was jetzt passiert. Heute Vormittag hat so eine neuartige Tauchmaschine Luisas Leichnam gefunden, 80 Meter tief am Punte Galera Felsen. Jetzt laden sie die Batterien der Maschine neu auf und heute Nachmittag werden sie Luisa damit heraufholen. Dann geht es nach Genua in die Gerichtsmedizin. Und jetzt darfst du raten, was der Pathologe herausfinden wird.“
„Was wird der schon herausfinden? Sie wird ertrunken sein“, stöhnte Pietro.
„Der Pathologe wird herausfinden, dass Luisa schwanger war“, triumphierte Antonia. „Und dass ihr Tod weder ein Unfall noch ein Selbstmord war. Der Vater des Kindes hat gedroht, sie umzubringen, wenn sie das Kind behielte.“
Pietro wurde es noch ein bisschen schlechter, als ihm bis jetzt schon gewesen war. „Woher willst du das wissen?“, flüsterte er.
„Bianca Tottoli, die Sprechstundenhilfe von Dottore Benaglio, hat kürzlich etwas aus dem Nähkästchen geplaudert.“ Antonia zwinkerte mit den Augen und grinste.
„Diese Schlange!“, schrie Pietro und schmetterte die Spaghetti, die er nicht angerührt hatte, auf den gefliesten Küchenboden. Der Teller zersprang und die Tomatensoße machte einen hässlichen roten Fleck. Wie Blut, dachte Pietro.
„Wenn sie den Fötus haben, werden sie das Erbgut abgleichen und dann werden sie auch Luisas Mörder haben. Sie musste sterben, weil sie das Kind eines Verheirateten behalten wollte und Ansprüche stellte.“
Pietro stand auf und schlich zur Tür. Sein Körper fühlte sich an wie zerschlagen. Er wusste nicht, was er jetzt tun sollte, er wollte nur raus aus diesem Haus.
„Pietro.“ Die Stimme im Rücken des Mannes klang sanft. „Ich werde in San Lorenzo eine Kerze für dich stiften.“

 

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