Geschichte des Tages: Spewak Roland – So was spielt doch keiner

typewriter-1007298_192013.05.2016
Geschichte des Tages
So was spielt doch keiner
 
Der alte Mann saß auf der Bank des kleinen Parks am Rande der Stadt. Dankbar sog er die letzten warmen Sonnenstrahlen des zu Ende gehenden Herbstes in sich auf. Der Winter jedoch kündigte stumm bevorstehende Schmerzen in seinen Gliedern an.
„Hör auf zu jammern, Robert“, sagte er leise. „Dir geht`s immer noch besser als damals in Stalingrad. Was soll`s“, seufzte er. „Gicht von der Front, den Mantel vom Roten Kreuz und die mickrige Kriegsrente vom Staat.“
Der ehemalige Gefreite war kraftlos geworden, innerlich müde. Traurig schaute er auf die Mütter, die mit ihren Kleinen unbeschwert spielten. Der einzige Sohn war im Krieg verschollen und seine Frau war bei einem der letzten Bombenangriffe auf Berlin ums Leben gekommen.
Plötzlich riss ihn lautes Geschrei in die Wirklichkeit zurück.
Drei kleine Bengel rannten mit überschlagenden Stimmen an ihm vorbei. Mit Pappschwertern in den Händen brüllten sie Schimpfwörter, gepaart mit menschenunwürdigen Beleidigungen.
„Bitte schreit doch nicht so“, flehte der alte Mann. „Was spielt ihr denn hier?“
Der kleine Rotschopf baute sich vor auf und stemmte die Fäuste in die Seite. „Wir spielen Krieg“, strahlte er den Greis ins Gesicht.
Robert seufzte. „Könnt ihr leiser toben? Oder spielt doch etwas anderes.“
Der rothaarige Junge schaute den alten Mann verwundert an. „Was sollen wir denn sonst …?“
„Vielleicht …“ Der ehemalige Gefreite schluckte. „Frieden.“
Die Sommersprossen schienen zu verblassen. „Mensch, Opa …“
Der Knirps tippte sich dabei an die Stirn.
„So ein Quatsch. So was spielt doch keiner!“
 
(c) Spewak Roland
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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Spewak Roland – So was spielt doch keiner

  1. petra0654 sagt:

    Leider ist diese Geschichte mitten aus dem Leben gegriffen. Ich habe zwar den Krieg nicht erlebt, bin aber absolut GEGEN JEDES Kriegsspielzeug und finde es grauenhaft und abartig, seinen Kindern und Enkeln derartige Dinge zu schenken.

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