Geschichte des Tages: Ambros Chander – Auszug aus „Die Drachenprinzessin Band 1 – Die Heimkehr“ aus dem Kapitel „Der Puppenspieler“

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Geschichte des Tages

Auszug aus „Die Drachenprinzessin Band 1 – Die Heimkehr“ aus dem Kapitel „Der Puppenspieler“

Es war ein warmer Tag im Mai und Emma erfreute sich an den Sonnenstrahlen auf der Haut. Sie saß wieder einmal auf ihrer Bank im Botanischen Garten der Stadt und genoss die Ruhe, die sie hier fand. Vögel sangen ihre Lieder und die Grillen zirpten. Doch dieses Mal trug der Wind noch etwas anderes an ihr Ohr. War das Gauklermusik? Emma stutzte und versuchte zu lokalisieren, aus welcher Richtung die Musik kam. Bei genauerem Hinhören konnte man nun auch Stimmengewirr vernehmen. Das passte so gar nicht zur idyllischen Ruhe, die hier eigentlich herrschte. Emma ließ den Blick schweifen und entdeckte eine Menschentraube, fünfzig, vielleicht auch hundert Meter von sich entfernt. Von Neugier gepackt, und angelockt von der Musik, beschloss sie, der Sache auf den Grund zu gehen. Als sie näherkam, sah sie schon von Weitem Feuerspucker, Seiltänzerinnen, Messerwerfer und einen Puppenspieler. Alle waren gekleidet, als kämen sie direkt aus einer längst vergangenen Zeit. Nun hörte sie die Musik ganz deutlich. Sie glaubte es kaum. Das waren tatsächlich Gaukler! Im Botanischen Garten?
Eine ganze Weile stand sie, von dem bunten Treiben und der Musik in ihren Bann gezogen, einfach nur da. Sie lauschte den Klängen und sah dem Puppenspieler zu, der eine Geschichte aufführte, die sie ein wenig an Schneewittchen erinnerte. Je länger sie verweilte, desto mehr fühlte sie, wie ihr Herz zu lachen begann und vor Freude zu tanzen schien. Ja, genau das war ihre Welt und ein Gefühl von Nachhausekommen überkam sie.
»Hey, was soll das denn?«, rief eine tiefe Männerstimme hinter ihr. »Seid ihr eigentlich von allen guten Geistern verlassen? Wir sind hier doch nicht auf dem Jahrmarkt!«
Oh, oh, dachte Emma. Jetzt gibt’s Ärger. Schade eigentlich.
Ein beleibter Polizist kämpfte sich mit seinem Partner durch die Menge und blieb direkt vor dem Puppenspieler stehen.
Doch dieser sah die Polizisten nur mit einem Lächeln an, das Eis zum Schmelzen hätte bringen können. »Wollt Ihr ein kleines Zauberkunststück sehen?«, fragte er. Ohne eine Antwort abzuwarten, vollführte er seinen Zaubertrick, wobei er geheimnisvoll vor sich hin murmelte. Was genau er tat, konnte Emma nicht sehen, da ihr so ein hochgewachsener Kerl die Sicht versperrte. Auch was der Puppenspieler murmelte, verstand sie nicht. Umso erstaunter war sie, als sich auf den Gesichtern der Polizisten ein seliges Grinsen zeigte und sie mit den Worten »Das war ein fantastisches Zauberkunststück. Na dann, noch eine gute Vorstellung« verschwanden. Emma blickte den Polizisten nach und konnte nicht glauben, was sie da gerade gesehen hatte. Sie schüttelte nur den Kopf und wandte sich wieder den Gauklern zu. Dabei traf ihr Blick den des Puppenspielers, der sie verschmitzt anlächelte und ihr zuzwinkerte. Emma fühlte sich ertappt und wurde rot und während sie noch überlegte, warum er ihr bekannt vorkam, nahm der Puppenspieler seine Geschichte wieder auf. Emma sah sich suchend nach einem Platz zum Hinsetzen um. So langsam taten ihr die Füße weh. Sie hatte doch einen recht anstrengenden Arbeitstag hinter sich. Da entdeckte sie eine Bank etwas abseits vom Geschehen, aber dennoch nah genug, um alles gut im Blick zu haben. Emma setzte sich und genoss mit geschlossenen Augen diese traumhaft schöne Musik. Ein warmer Wind umspielte wie ein zärtliches Streicheln sanft ihr Gesicht und trug die zarten Klänge an ihr Ohr, die so tief in ihre geschundene Seele trafen. Das hier war einfach nur schön. So saß Emma verträumt auf der Bank und ließ sich treiben.
»Warum sitzt Ihr so abseits, Mylady?«, fragte plötzlich jemand ganz dicht neben ihrem Ohr. Erschrocken aus ihren Träumen gerissen schlug Emma die Augen auf. Sie fuhr herum und musste laut loslachen. Was sie erblickte, war einfach zu komisch. Neben ihr auf der Lehne saß eine Marionette mit viel zu großen Ohren. Sie hatte die Beine übereinander geschlagen und lächelte Emma honigsüß an. Obwohl, je länger Emma lachte, desto mehr verzog sich das Lächeln zu einem Schmollmund. »Entschuldigung«, sagte Emma, »aber du siehst einfach zu komisch aus.« »Ja ja, das höre ich häufiger«, sagte die Puppe. »Also, warum sitzt Ihr so abseits, Mylady?« »Mylady?« Wieder musste Emma laut lachen.
»Tja, immer eine ganze Welt entfernt«, erwiderte Emma, nachdem sie sich beruhigt hatte, traurig. »Oh, wie unhöflich von mir. Ich bin übrigens Luis. Und wie ist Euer werter Name, Mylady?« »Emma«, sagte sie. »Nett, deine Bekanntschaft zu machen.« Emma kam sich schon etwas albern vor, sich mit einer Puppe zu unterhalten, aber sie spielte das Spiel erst einmal mit. »Hallo, Emma, ich finde es ebenso nett, Eure Bekanntschaft zu machen.« Noch immer saß die Marionette in aller Gemütlichkeit mit übereinander geschlagenen Beinen auf der Lehne der Bank. »Wisst Ihr, mein Kumpel Jean hier«, dabei nickte Luis mit dem Kopf in Richtung des Mannes, der ihn an den Fäden hielt, »der beobachtet Euch schon eine ganze Weile. Aber er ist einfach zu feige, Euch anzusprechen.« »Luis, sei ruhig. Das ist überhaupt nicht wahr«, protestierte Jean. »Ist es wohl!«, warf Luis trotzig ein. »Die ganze Zeit starrst du sie schon an. Oder meinst du vielleicht, ich merke das nicht?«
Emma konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. »Ja, okay, das stimmt. Aber nicht, dass ich zu feige bin, sie anzusprechen.« Mit diesen Worten legte Jean das Fadenkreuz aus der Hand und verbeugte sich elegant vor Emma. Dabei rutschte ihm ein Amulett aus dem Hemd, das an seinem Hals hing. Emma starrte wie gebannt darauf. Auf dem Amulett befand sich ein kleiner gelber Stern, den zwei Drachen umschlangen, einer weiß, der andere schwarz. Der Stern leuchtete strahlend hell und eine unsichtbare, aber spürbare Kraft ging von ihm aus, die ein Kribbeln unter Emmas Haut hervorrief. »Darf ich es wagen, Euch um diesen Tanz zu bitten, Mylady?«, rüttelte sie Jeans Stimme wieder wach. Er lächelte sie freundlich an und hielt ihr seine Hand entgegen.
Was dann passierte, konnte Emma später nicht mehr nachvollziehen, so sehr sie es auch versuchte. Sie stand tatsächlich auf, reichte ihm die Hand und tanzte mit ihm. Eigentlich tanzte sie nie. Sie konnte noch nicht einmal tanzen und Mittelaltertänze schon gar nicht. Doch sie tanzte. Und wie sie tanzte. Sie schien förmlich zu schweben. Sie fühlte sich leicht wie eine Feder und alle Sorgen fielen von ihr ab.
Als das Lied zu Ende war, verbeugte sich Jean vor ihr und gab ihr ganz nach alter Manier einen Handkuss. »Es war mir eine Ehre, Mylady, mit einem Engel wie Euch getanzt zu haben.« Er überreichte ihr eine schwarze Rose und verschwand in der Menge. Emma blieb verwirrt zurück und dachte über das nach, was gerade geschehen war. Sie musste über sich selbst schmunzeln und noch immer wollte ihr nicht einfallen, woher er ihr so bekannt vorkam. Doch allmählich brach die Dunkelheit herein und Emma machte sich auf den Heimweg.

© 2016 Ambros Chander

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