Geschichte des Tages: Hans Walter Grössinger – Wenn die Wahrheit schmerzt

typewriter-1007298_192015.05.2016
Geschichte des Tages 
Wenn die Wahrheit schmerzt
 
Lügen haben kurze Beine, besagt ein Sprichwort. Doch es wird schon lange nicht mehr ernst genommen. Experten sprechen sogar von Berufslügnern. „Das sind Zeitgenossen, die der Meinung sind, dass manche Leute die Wahrheit gar nicht mehr vertragen. Und weil es so viele Lügner gibt, fallen sie der Bevölkerung gar nicht mehr auf“, erklärt mir ein Soziologe.
Dazu ein Beispiel aus der täglichen Praxis. Es beginnt schon, wenn sich zwei Bekannte zufällig auf der Straße begegnen. „Servus! Wie geht’s, wie steht’s?“ – „Danke, so lala. Und Dir?“ – „Nun ja, man muss eben zufrieden sein.“ Mit diesem Dialog ist die Angelegenheit meistens erledigt. Wieso auch soll man jemand auf die Nase binden, wie es einem tatsächlich geht? Sagt man prima, entsteht beim Gesprächspartner vielleicht ein Neidgefühl. Sagt man schlecht, darf mit einem nicht besonders ehrlichen Bedauern gerechnet werden, vielleicht sogar mit etwas Schadenfreude. Neuerdings wird von grundsätzlich mit übermäßigem Misstrauen ausgestatteten Mitmenschen das Wort Lügenpresse arg strapaziert. Sollten diese angeblich der Wahrheit verpflichteten Leute überhaupt eine Zeitung täglich aufmerksam lesen, könnte es sein, dass dieses Blatt in seiner Berichterstattung nicht ihrem Anspruch gerecht wird. Und wer glaubt, die Wahrheit aus den Internet-Medien zu erfahren, dürfte mit der Zeit ebenfalls draufkommen, dass er einem Irrtum unterlegen ist. Die der christlichen Religion zugewandten Bürger vertreten angesichts einer überbordenden Gesetzesflut gerne die Meinung, dass eigentlich die zehn Gebote genügen würden. Diese besagen ja: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten. Das ist wiederum aber etwas anderes.
Abgesehen davon – ist man nicht mitunter zum Lügen geradezu gezwungen? Schließlich gibt es da auch den Kodex der politischen Korrektheit, die manchmal wichtiger ist, als die Wahrheit. Oder auch ein gewisses Maß an Barmherzigkeit, wenn der gestresste Mann auf die von seiner mit Lockenwicklern ausgestatteten Angetrauten gestellten Frage „Na, wie schau ich aus?“ mit „Elegant, wie immer“ antwortet. Wenn die Wahrheit nämlich schmerzt, wird sie als Beleidigung empfunden. Und eine solche rasch zu verzeihen, gelingt nicht immer. Oft aber wird der Vorwurf der Lüge geradezu inflationär gebraucht, vor allem wenn die Tatsachen nicht ins eigene Konzept passen. Ich jedenfalls liebe es, jemandem beim Lügen zuzuhören, wenn ich die Wahrheit kenne. Jedoch bin ich mir nicht immer sicher, ob es tatsächlich nur die eine Wahrheit gibt…
H. W. GRÖSSINGER
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