Geschichte des Tages: Silvia Nagels – Schwestern Nachkriegssommer

typewriter-1007298_192016.05.2016

Geschichte des Tages

Schwestern NachkriegssommerAuf dem Küchentisch der kleinen Kate stand der alte Lebkuchenkarton mit den Jugendfotos der Schwestern. Ein Lächeln glitt über Gertruds Gesicht, als sie an dem Rollstuhl vorbeiging, in dem ihre Schwester Margret saß. Gertrud nahm ein Tuch und tupfte ihr damit den Speichelfaden vom Kinn. Sie streichelte Margrets Wange und setzte sich neben ihre Schwester. Dann öffnete die alte Frau den Karton und nahm einige Fotos heraus.
Fotos aus der Zeit kurz nach dem Krieg, als sie mit Margret, Ruth und Ellen in dieser Kate unbeschwerte Tage verbracht hatte. Doch die Sorglosigkeit und Lebensfreude von damals waren längst erloschen.
Da war Margret, fröhlich und bildhübsch. Ruth, groß und dunkelhaarig, Mutter hatte sie immer ihr Schneewittchen genannt. Ellen, das Nesthäkchen. Mit dreizehn Jahren war sie zierlich wie eine Elfe. Und sie selber, die Älteste. Mutter hatte immer gesagt, sie wäre eine herbe Schönheit.
Ruth betrat das Zimmer. Sie war nicht länger das Schneewittchen, sondern gezeichnet vom jahrelangen Alkoholkonsum.
Gertrud musste nach dem Tod der Mutter die Verantwortung für die Schwestern übernehmen. Sie fand eine Anstellung für sich, Ruth und Margret auf einem Bauernhof. Die Schwestern durften in dieser Kate wohnen. Alles schien perfekt.
Doch dann kam das Scheunenfest, das bis spät in die Nacht dauerte. Zum Schluss blieben die Schwestern allein zum Aufräumen zurück.
Gertrud hatte Margret losgeschickt, um Ellen zu suchen, während sie mit Ruth die letzten Gläser abwaschen wollte. Da durchbrach aus Richtung des Schweinestalls ein kurzer, schriller Schrei die Nacht.
Ruth und Gertrud liefen los.
Ruth war als Erste im Stall. Gertrud prallte gegen ihre Schwester, die abrupt stehen geblieben war. Sie schob sich an ihr vorbei und erstarrte.
Die Schweine quiekten laut und rannten in ihren Koben hin und her.
Auf dem Gang lag Margret, über ihr, in eindeutiger Absicht, ein Mann. Margret rührte sich nicht.
Gertrud sah sich entsetzt im Stall um und entdeckte Ellen.
Sie kniete auf dem Boden, die Arme um sich geschlungen, und wiegte sich vor und zurück.
Gertruds Blick traf den Mann, der sich an der bewusstlosen Margret verging. Ohne, dass sie es bemerkte, glitt ihre Hand an der Stallwand entlang und griff nach der Mistgabel, die dort stand.
Immer wieder stach sie zu, bis ein Wimmern sie aus ihrer Raserei zurückholte in die Gegenwart.
Ellen umklammerte Gertruds Beine. Ruth war aus ihrer Starre erwacht und entwand Gertrud die Mistgabel. Margret stöhnte und sofort war Gertrud bei ihr. Sie schob den Mann von ihrer Schwester, wischte ihr mit einem Taschentuch das Blut aus dem Gesicht und wiegte sie liebevoll. Ellen vergrub ihren Kopf in Gertruds Schoß. Ruth trat zu ihnen und deutete auf den Toten.
Es war der Handlungsreisende, der die Schwestern den ganzen Abend mit Blicken verfolgt hatte, bis er frühzeitig aufgebrochen war. Gertrud und Ruth brachten Ellen und Margret in die Kate und kehrten zurück in den Schweinestall. Sie ließen die Leiche spurlos verschwinden, packten ihre Koffer und verließen das Dorf.
Jetzt waren die Schwestern zurückgekehrt, gesundheitlich und finanziell ohne Hoffnung. Ellen konnte die Vergewaltigung nie verarbeiten und lebte in ihrer eigenen Welt. Margret erlitt eine Totgeburt und krankte noch heute an den Folgen der Komplikationen. Ruth ertränkte die Erinnerung im Alkohol. Einzig Gertrud hatte sich ein einigermaßen normales Leben aufbauen können. Doch das Erlebte hatte sich wie ein Krebsgeschwür in ihrem Körper ausgebreitet.
Gertrud und Ruth halfen Ellen und Margret, ihre Gläser zu leeren, dann sahen sie sich an und tranken ebenfalls von dem vergifteten Wein.
Niemand hat jemals erfahren, was aus dem Handlungsreisenden geworden ist.

(c) Silvia Nagels 2016

 

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Silvia Nagels – Schwestern Nachkriegssommer

  1. petra0654 sagt:

    Vier kreuzunglückliche Menschen, die ihre Last ihr Leben lang mit sich herumschleppen. Das ist schon eine besonders traurige Geschichte. Dass die vier Schwestern ihrem Kummer mit Gift ein Ende bereiten, versöhnt mich nicht. Ich hatte ein wenig Probleme mit den vielen Namen, aber trotzdem war alles sehr spannend zu lesen.

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