Geschichte des Tages: Sandra Schuster – Der Frosch

typewriter-1007298_192017.05.2016

Geschichte des Tages

Der Frosch

»Küss den Frosch«. Die Worte klangen verzerrt durch den Lautsprecher von Sophies Smartphone. Verwirrt suchte sie nach dem Absender der Voicemail, fand jedoch nur den Hin-weis: Unbekannter Teilnehmer. Verärgert darüber, dass sie eine Nachricht zweifelhafter Herkunft abhörte, schüttelte sie den Kopf und hoffte damit keinen Virus ins Betriebssys-tem geladen zu haben. Heutzutage konnte man nicht vorsichtig genug sein. Der hektische Büroalltag sorgte jedoch dafür, dass sie die Begebenheit sofort wieder vergas. Als persönli-che Assistentin hatte Sophie alle Hände voll zu tun um den Anforderungen durch ihren Chef Ben Hartig gerecht zu werden. Termine waren zu koordinieren, Meetings vorzubereiten, wich-tige Informationen in PowerPoint zu präsentieren und nicht zu vergessen die Außentermine bei denen sie ebenfalls anwe-send sein musste. Die Belohnung dafür war ein sehr gutes be-triebliches Klima, eine mehr als angemessene Entlohnung und ab und zu als besonderes Highlight, die Möglichkeit einge-sellschaftliche Veranstaltung zu besuchen, zu der Sophie normalerweise keinen Zutritt erhalten hätte. Es war keines-wegs so, dass sie sich dort einen Mann angeln oder in den Vordergrund drängen wollte. Sophie liebte die Atmosphäre, festlich gekleidete Menschen, dezente Musik und als Höhe-punkt der Dekadenz: Champagner.

Wiedereinmal war es soweit. Die Veranstaltung stand dies-mal unter dem Motto einer Maskerade. Am Eingang hatte Sophie einem in einer Livree gekleideten Türsteher, ihre Einladung überreicht. Nun stand sie im Ballsaal, der alten Villa, die inmitten eines parkähnlichen Gartens stand. Pailletten und

Perlen funkelten im Lichterschein der kostbaren Lüster, die von der stuckverzierten Decke hingen. Halbmasken verdeckten die Gesichter der Gäste. Wie immer hielt sie sich ein wenig abseits, Sophie wollte lediglich beobachten, ähnlich einem Theaterstück, nur dass sie nicht vor der Bühne saß, sondern sich quasi mittendrin befand. Suchend sah sie sich um, nor-malerweise traf sie zu Beginn stets auf Herrn Hartig, der sie kurz begrüßte und ihr einen schönen Abend wünschte. Die aufkeimende Enttäuschung, versuchte Sophie mit dem Gedanken zu verdrängen, dass er sie mit der Maske nicht erkennen konnte. Trotzdem versetzte es ihr einen Stich. Leider mochte sie ihren Chef viel zu sehr, doch nicht in ihren kühnsten Träumen hatte sie sich je Chancen bei ihm ausgerechnet oder gar ihre Gefühle zu erkennen gegeben. Immerhin war sie seine Angestellte und ihre Mutter hatte stets gesagt ›»Wo man frisst, da scheißt man nicht‹.

Trotzdem war Ben, wie sie ihn insgeheim nannte, der ein-zige Mann, dem sie je begegnet war, der ihren Puls zum rasen brachte. Ein Blick aus seinen braunen Augen, ließen ihr Knie zu Pudding werden und nur ihrem Stolz, war es zu verdanken, dass sie nicht anfing zu stottern, wenn er das Wort an sie richtete. Geistesabwesend griff sie nach einem Glas Champag-ner, dass ihr einer der Serviceleute anbot, die die Gäste versorgten. Gerade als sie trinken wollte, hätte sie das Glas beinahe fallen lassen, den auf dem Boden der Champag-nerschale saß ein Frosch. Mit einem Mal fiel ihr die merk-würdige Voicemail ein, deren Existenz sie für einen blödsin-nigen Scherz gehalten hatte. Konnte es einen Zusammenhang geben? Galt sie womöglich als alte Jungfer, auf deren Kosten man sich gut amüsieren konnte? Während die Gedanken in ihrem

Kopf hin und her jagten, sah sie einen in ein Narrenkostüm gekleideten Mann, der auffordernd auf eine der geöffneten Flügeltüren zeigte, die in den Garten führten. Wenn das ein dummer Scherz war, würde es derjenige bitter bereuen, mit diesem Gedanken, straffte Sophie ihre Haltung, hob ent-schlossen ihr Kinn und trat hinaus auf die von Fackeln er-leuchtete Terrasse. Sofort fiel ihr der große steinerne Frosch ins Auge, der einsam die Stufen, die zum Rasen führ-ten, bewachte. Der gegenüberliegende, kniehohe Sockel war leer. Mit einem Mal, fühlte Sophie sich furchtbar leer und sie ließ sich auf dem leeren Steinquader nieder. Plötzlich tauchte der Narr, der ihr den Weg in den Garten zeigte, ne-ben ihr auf. Etwas an ihm kam ihr seltsam bekannt vor. Wäh-rend sie noch grübelte, nahm er seine Maske ab und Ben Har-tig kam zum Vorschein. »Du sollst natürlich nicht den Frosch küssen, aber wenn du mit einem Narren vorliebnehmen wür-dest?«, sanft küsste er ihre Hand und die Worte, die Sophie hatte sagen wollen, blieben ihr im Halse stecken.

Ein halbes Jahr später konnte sie ihr Glück immer noch nicht fassen. Ben hatte ihr gestanden, dass er sie schon lange heimlich verehrte. Als auf dem Anwesen eines Freundes der Maskenball stattfinden sollte, kam ihm die Idee mit dem Frosch. In drei Tagen sollte ihr persönliches Märchen in Erfüllung gehen, denn neben eben jenem Frosch würden Ben und sie sich das Ja-Wort geben.

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