Geschichte des Tages: Carolin Emrich – Zwergenallerlei

typewriter-1007298_192018.05.2016

Geschichte des Tages

Zwergenallerlei»Nun komm schon, Feltragán«, brummt Irovén und schwingt seine Axt, die ihn fast überragt.
»Ja ja«, entgegnet der andere Zwerg. Er trägt ein Großschwert auf dem Rücken und bewegt sich weitaus gemächlicher als sein Kumpel.
Der dunkle Tunnel scheint sich ewig in die Länge zu ziehen. Laut der Karte die sie besitzen, hätte die Gruft längst auftauchen müssen.
»Wie weit ist es noch?«, fragt Irovén und schwingt erneut seine Waffe. Damit geht er Feltragán gewaltig auf die Nerven und das weiß er auch.
»Halt das Scheißteil endlich ruhig, wenn uns die Ahnen hören, sind wir dem Tode geweiht«, fährt er Irovén an.
»Ich habe keine Angst vor ein paar Geistern! Wir können uns doch verteidigen!«, spottet der jüngere der beiden Zwerge und lacht.
»Es sind keine gewöhnlichen Geister, es sind Ahnen!« Feltragán beschließt, dass es keinen Sinn hat, dem ungestümen Jüngling den Unterschied weiter begreiflich zu machen und ignoriert ihn fortan.
Erst als sich der Gang weitet und in eine Höhle mündet, werden wieder Worte gewechselt.
»Nach was genau sollen wir hier nun suchen?«, fragt Irovén, der nicht mehr so selbstsicher aussieht.
»Schriften! Mehr nicht!«
Gemeinsam laufen sie durch die Gruft und erkunden Grabmäler.
»Was bei den brennenden Unterkleidern meiner Ahnen ist das hier?«
»Hör auf zu Fluchen, Irovén! Lass mich sehen!« Feltragán hält seine Fackel näher an das Objekt, welches dem anderen Zwerg den Fluch entlockt hat. Er fährt sich eine Weile durch den dicken, geflochtenen Bart. Als der jüngere Zwerg schon ungeduldig von einem Fuß auf den anderen springt, richtet er sich wieder auf.
»Das ist ein Menschending. Sie nennen es Rasenmäher. An der Oberfläche gibt es grüne Wiesen. Ich habe nicht verstanden warum sie das Gras ernten müssen. Sie selbst essen es nicht einmal«, erklärt er. »Lass uns jetzt aber weiter nach den Schriften suchen.«
Auch wenn Irovén nur die Hälfte verstanden hat, begibt er sich erneut auf die Suche nach den Schriften, die seine Herkunft und damit seinen Stand sichern sollen.
»Sieh mal Feltragán, hier trägt ein Sarg meinen Nachnamen!«
Noch bevor der Angesprochene ihn warnen kann, schiebt Irovén den Deckel bei Seite. Mit einem furchteinflößenden Schrei fährt ein Geist daraus empor.
»Wer wagt es?«, fragt die blau leuchtende Zwergengestalt. Sie mustert die beiden Lebewesen, die da vor ihr stehen. »Suchst du etwas? Ich dachte du kämest nie! Ich bewache diese Schriften schon viel zu lange. Ich sehne mich nach Ruhe!« Die Stimme klingt blechern und kratzig. Mit einer fließenden Bewegung greift der Geist nach einer Schriftrolle aus dem Sarg und hält sie Irovén hin. Zögernd und zitternd greift er danach.
»Gehabe dich wohl!« Mit demselben Schrei löst sich der Geist auf und verschwindet.
»Du hast ein Scheißglück!«, sagt Feltragán in seinem Rücken und spuckt aus. »Lass uns gehen!«
Sie folgen dem Weg, der sie hergebracht hat, alles andere wäre töricht. Immer wieder drehen sie sich um und kontrollieren, ob ihnen jemand folgt. Die Gänge sind aber so leer wie eh und je, als hätte es ihr seit Jahrhunderten kein Leben mehr gegeben.

Der Empfang in Graeven ist herzlicher und stürmischer, als sie es erwarteten. Sie werde umarmt, das ist nicht typisch, und es ist eine Feier organisiert worden, das ist typischer. Es gibt Zwergenbier und Kuchen. Scherzhaft bezeichnet ein Zwerg den Kuchen als Geburtstagstorte, da keiner erwartet hätte, dass sie lebend zurückkehren.
Feltragán und Irovén schmücken ihre Erlebnisse ein wenig aus und in den Geschichtsbüchern wird von zwei Helden die Rede sein, die es mit einer Horde von Untoten aufnahmen, um an die begehrten Schriftrollen zu gelangen, die weiteres Unheil in einer angesehenen Familie verhinderten.

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