Geschichte des Tages: Spewak Roland – Der letzte Zug

typewriter-1007298_192020.05.2016

Geschichte des Tages

Der letzte Zug

Der Mond scheint hell, zu hell für diese Stunde zwischen Gestern und Heute. Eisblau flutet sein Licht über Berge, Wälder, überdeckt das kleine Dorf im Tal. Mondschein fließt heran, streichelt den einsamen Bahnhof, den Schienenstrang, zwei Bahnsteige.
Das Mondblau verändert das Tal. Aus Bäumen, Sträuchern, ja regungslos dastehende Menschen bleiben nur stumme Schatten.
Das Tal hält die Winternacht gefangen.
Vogelkrallen drücken sich in die Schneedecke, verschwinden im Dunkel tauchen wieder im schmutziggelben Licht auf, laufen weiter in die Nacht.
Nichts bezeugt Leben auf dem Gelände. Dennoch steht auf dem Bahnsteig eine Gestalt. Der Lodenmantel verschmilzt mit dem unberührten Weiß des Schnees. Sein Hut mit dem des Nachthimmels. Unter der Hutkrempe glänzen Augen. Er hat beide Hände in den Manteltaschen vergraben. Gebannt schaut er den Gleisen hinterher.
Die Zeiger auf dem Turm der Dorfkirche bezeugen, es ist drei Minuten vor Zwölf.
Wolkenbänke, schwärzer als diese Nacht rollen hinter dem Horizont heran. Stürmen ins Tal. Toben umher. Gefangen stoßen sie an Berghänge, fliehen zurück, um über dem Dorf ihre weiße Last abzuwerfen. Das Unwetter entfacht jene Bedrohungen, die in so mancher Seele Ehrfurcht erzeugt, ihn aber auch in Angst erstarren lässt. Ihm zeigt, wie rasch Vergängliches hereinbrechen kann.
Das Schauspiel gebietet, dem Menschen in Demut auszuharren. Machtlos das Unvorhersehbare anzunehmen, wie das Leben es nun mal bereithält.
Orkanböen kreischen um das Bahnhofsgelände, stürmen auf den Unbekannten ein. Werden zurückgedrängt. Sie wiederholen ihr teuflisches Spiel.
Beharrlich.
Sie möchten den Mann hinwegfegen.
Vergeblich.
Wolkenhorden rufen zum letzten Gefecht.
Das Sternenheer flieht vor den Angriffen hinter aufwallenden Angreifern. Ebenso verschwindet der Mond mit seiner Lichtfülle. Und mit ihm jenes Flimmern, dass in bitterkalten Vollmondnächten dieses Tal in ein Gemälde verwandelt, das kein Künstler jemals annähernd nachzumalen könnte.
Das Unwetter rüstet auf, schickt Eisstürme ins Tal. Sie verhöhnen den Bahnhof, den Fremden, hilflos dastehende Laternenmasten.
Einzig zwischen zwei Masten schwingen ölig gelb scheinende Leuchten an einem Seil, das von Stromkabeln umschlungen wird. Vom Verfall ausgestoßen scheint ihr Licht mit beinahe greifbarer Trauer. Es spielt mit dem Gelände, reißt das Bahnhofsgelände aus dem Lichtkegel, sodass kaum Unterschiede zwischen Sehen und Ahnen zulässt, springt wieder auf den Bahnsteig, greift nach dem Bahnhof.
In diesen Sekunden verlieren die Stürme für zwei – drei Wimpernschläge Macht über die Glasschirme.
Der Fremde geht dem Nebengebäude entgegen. Zielstrebig setzt er einen Fuß vor dem anderen. Zigarettenglut leuchtet unregelmäßig auf.
Eisstürme heulen noch einmal auf. In sinnlosen Spiralen tanzen Schneeflocken ihren letzten Reigen.
Laternenscharniere quietschen im Rhythmus des Unwetters.
Der Fremde bleibt stehen.
Der Sturm winselt. Seine ewige aufbrausende Macht stirbt. Unzählige Wolkenbänke fliehen.
Schwarzer Glanz legt sich sanft auf das Firmament, silbern funkeln Sterne. Das Tal findet Zuflucht unter einem Zeltdach aus Samt mit eingewebten Diamanten.
Unbeeindruckt verstreut der Mond sein Licht. Ihm ist es gleichgültig, dass er von vergangenen Schlachten geflohen war.
Hinter dem Fremden bricht Frost Zweige von Apfelbäumen. Letzte erfrorene Blätter schweben gemeinsam mit dem gefühlten Duft gefallener Äpfel auf die Schneedecke.
Um das Bahnhofsgebäude liegen Dachziegel. Es bröckelt mitunter von den Wänden. Ist es der Putz? Rieselt Schnee vom Dach?
Blinde Fenster trauern dem beschaulichen Leben des Bahnhofes hinterher.
Der Fremde bleibt stehen. Schwarze Augen strahlen unter der Hutkrempe, die Zigarette erglüht, Rauch kräuselt zum Himmel. Hinter ihm liegen Fußstapfen, ansonsten könnte ein Bild entstehen, dass jener Unbekannte, zur Eisfigur erfroren war.
„Es wird Zeit!“ Seine Stimme schwingt zum Nebengebäude. Sie bringt mit ihrem warmen, dunklen Klang Bewegung ins Haus.
Eine Lampe leuchtet auf. Jemand zieht einen Vorhang zurück. Wenige Minuten danach flieht ein Schein aus dem Türspalt.
Ein Schatten steigt in das künstliche Licht. Er bleibt im Türrahmen stehen.
„Wer da?“ Von einer alten Bahnhofslampe klappt der rote Filter zurück.
Aus dem Haus humpelt ein Greis. Schwerer Petroleumgeruch schwebt mit. Wenig später steht er vor dem Fremden.
Noch zerrt er an seiner Dienstjacke, rückt die Mütze zurecht und schaut anschließend auf. Das Licht zittert. Er hebt es hoch, hält es auf Augenhöhe; lässt sie sinken. Die Hände zittern. Schwer entweicht Atem; keuchend fließt er in die Lungen.
Das Gesicht des Unbekannten bleibt im Dunkeln.
„Wer sind sie?“ Der letzte Schritt gleicht, dem jenes schwerkranken Menschen, der geplagt aufsteht und unsicher nach vorn schlurft. Schnee knirscht unter seinen Füßen. Sonst ist es still. Die heutige Winternacht bringt selbst kräftige Melodien des Tales zum Verstummen.
Petroleumschein flackert auf. Die Bahnhofslaternen werfen zwei Schatten auf das Winterweiß. Schmutzig gelbe Lichter, ein Fremder und dieser Greis bringen ein letztes Mal Leben auf den Bahnsteig.
„Was wollen Sie? Hier gibt es nichts, das sich für Sie lohnt.“ Sanft bebende Worte erklingen. Drei Fingerkuppen ruhen auf seinen Lippen.
Der Unbekannte schweigt. Es zwingt den Alten zum Reden.
„Mein Name … Ich heiße Wilhelm.“ Leichtes Aufbegehren liegt in dieser brüchigen Stimme. „Wilhelm Pergande. Ich bin … war Bahnhofsvorsteher. Fünfunddreißig Jahre sechs Monate und zehn Tage. Dann haben sie die Strecke stillgelegt. Auf den Tag vor zwanzig Jahren.“ Es kostet ihn Kraft, den Kopf anzuheben. Sein Rücken zerbricht beinahe unter dem Gewicht des vergangenen Lebens. Doch in Wilhelms Augen ruht eine erfahrungssatte Zeit. Einzig Metallknöpfe an der Dienstjacke glänzen unverändert blank.
Das Pflichtgefühl treibt ihn dem Fremden entgegen. „Es geschah genau um siebzehn Uhr fünf.“
„Seitdem fährt kein Zug mehr.“ Spricht‘s, nimmt die Dienstmütze vom Kopf, kratzt sich hinterm Ohr. „Nichts kommt vorbei.“ Er setzt sie wieder auf.“
Sie erlaubten mir meinen Lebensabend …“ Seine Hand geht nach hinten, zwei Finger zeigen zum Nebengebäude. „Bis – Sie wissen …“
„Ja! Wilhelm.“
„Außer mir wohnt hier niemand mehr.“
„Beide Kinder sind weggezogen.“ Dabei zeigt dieselbe Hand auf zwei Apfelbäume. „Hab ich gepflanzt, als Jennyfer und drei Jahre später Jörg zur Welt kam.“ In seiner Stimme schwebt Wehmut. „Meine Frau ist tot; sie starb vor zehn Jahren und achtundzwanzig Tagen.“
„Im Dorf gibt es noch ne Haltestelle. Von dort fährt ein Bus zur Stadt. Aber erst morgen früh. Sie müssen im Dorfkrug ein Zimmer mieten.“
„Ich warte hier.“
„Worauf?“
„Auf den letzten Zug.“
„Sie – Sie warten vergebens“, bezeugt der Greis, nachdem sein leises Lachen mit ein paar Tränen endet.
„Keinesfalls!“
„Auch wenn – was kaum durchführbar ist, dass ein Zug einfährt. Die Lok käme nicht weiter.“ Wilhelm zeigt zum Prellbock.
„Gott sei Dank“, erwidert der Fremde.
„Weshalb sollte ein Zug einfahren? Außerdem hat Rost sämtliche Gleise zerfressen. Also verschwinden Sie.“ Die Petroleumlampe pendelt zum Ausgang des Bahnhofes. „Hier ist Endstation. Verstehen sie.“
Wilhelm dreht ihm den Rücken zu. Er friert. Sein einziger Wunsch drängt zum Sessel am Kamin. „Einen alten Mann reinzulegen. Abscheulich.“ Die Leuchte zittert.
Plötzlich schweigt die Welt.
„Es ist so weit.“ Der Fremde hebt den Kopf. Die Zigarette fliegt auf das Gleis. Es zischt beinahe lautlos. Gebannt schaut er am Bahnhofsvorsteher vorbei zum nördlichen Horizont.
Abwechselnd stampfend, fauchend bewegt etwas Bekanntes durch die Nacht. Drückt sie zusammen, bis ein winziges Licht entsteht. Ein Empfinden überwältigt Wilhelm, trifft ihn in seiner Seele. Es verändert ihn.
Nein! Noch wehrt er sich.
Es bereitet ihn auf Machtvolles vor. Es ist nur für ihn vorgesehen. Es erwählt ihn.
Der Geruch verharschten Schnees ist zerbrochen. Dieses Tal, sein Bahnhof, das Gleis versinkt im Blütenmeer. Veilchenduft steigt heraus. Dahinter weben Aromen von unzähligen Lindenblüten mit dem Schleier eines Sommerabends im August. Es nimmt Schmerzen. Wilhelm atmet tief durch. Der Rücken zwingt ihn nicht mehr, seine Tage gebeugt zu verbringen; niemals wird Leid einsamen Nächten Schlaf rauben.
Des Fremden Augen strahlen. Stetiger Friede glitzert darin. An den Mundwinkeln schwebt Freude. Zu winzig zum Übersehen; zugleich derart gewaltig, dass es je ein Mensch begreifen mag.
Die Luft durchschweben Aromen reifer Pfirsiche; nach Kostproben von Süßkirschen.
„Ich wusste es“, lacht der Unbekannte.
Wilhelms Zeit ist gekommen, da der Greis dem Fremden ins Gesicht sehen darf. Der Besucher erscheint ihm unendlich alt, obwohl kein Fältchen je ein Lebensjahr in seine Wangen zeichnet.
Melodien rühren an seine Seele. Zärtlich streicheln sie darüber. Diese Weise kann nur er hören. „Wer bist du?“, staunt der Bahnhofsvorsteher.
„Ich bin der Bote.“ Er schaut erneut zur Uhr. Das Ziffernblatt funkelt, sendet Lichtfontänen nach oben. Es vertreibt jeden Schatten auf dem Bahnsteig. Schnee schmilzt von den Gleisen.
Wilhelm hält den Atem an. Die Natur, das Dasein tut es ihm gleich.
Ein Mensch eilt am Bahnhof vorbei. Das Gesicht vergraben, noch zu unerfahren das Schauspiel zu erkennen. Über dem Horizont wandert ein winziger Streifen hellblauen Lichts.
Ein Wimpernschlag später atmet die Natur weiter.
Wilhelm muss es nicht. „Es ist Zeit!?“ Seine Stimme erklingt. Befreit – zeitlos, ewig.
Der Bote nickt. Es nimmt dem Bahnhofsvorsteher jeden Zweifel. Dieser Mann verkörpert – Wahrheit.
„Dein Zug kommt!“ Er zeigt nach Norden.
Rauch steigt hinter dem Horizont auf. Die Schienenstränge glänzen silbern. Eine uralte Lokomotive stampft heran. Grün ist sie mit roten Streifen um ihren Bauch. Räder schimmern in purem Gold. Girlanden hängen am Waggon.
Zwischen dem Schotter blühen Veilchen.
Der Zug steht. Die Räder drehen noch einmal durch. Zischen, Pfeifen ertönt. Dampf steigt auf. Das Rufen des Schaffners schallt übern Bahnsteig. Töne seines Leben verwandeln sich in Melodien. Dampfschwaden umwehen den Boten, haschen nach dem alten Mann. Umarmen ihn, begrüßen ihn wie einen lang Ersehnten. Vergangenes ist gegenwärtig, Zukünftiges ist heute.
Der Schaffner steigt aus. Kaum sichtbares Nicken unterstützt seine Worte: „Bitte einsteigen, Herr Kollege. Ein Fensterplatz ist für sie reserviert.“
Wilhelm steigt drei Eisenstufen hinauf, geht hinein. Staunen überwältigt ihn.
Im Speisewagen empfängt ihn seine Frau. Mutter und Vater sitzen am Tisch. Aus Ebenholz ist er geschnitzt. Die Schöpfung gab dem edlen Schwarz winzige rotbraune Streifen mit. Eine Damastdecke aus lebendigem Weiß bedeckt dieses Möbelstück. Über den Bänken liegt Samt. Purpur schimmert es. Brokat aus Gold umarmt das Tuch.
Alte Freunde heben ihr Glas.
Silbernes Besteck, edelstes Porzellan dazu feinste Kristallgläser laden zum Feiern ein.
Noch überwältigt nimmt Wilhelm an seinem Tisch platz.
Der Bote steht am Bahnsteig. „Sie fahren nicht mit?“, ruft er aus dem Fenster.
„Nein mein Freund.“
Das Tal mit dem Bahnhof fließt aus dem Blickfeld. Alle Bilder dieser Welt zergehen.
Der Zug rast am Prellbock vorbei. Feuer züngelt. Dahinter greifen dunkle Nebelklauen nach dem Gefährt. Sie verlangen einzudringen. Sie lechzen danach, Wilhelm herauszuzerren aus dem Glück. Der Zug kämpft mit bösartigen Winden aus klebrigem Dunkel. Er wird langsamer.
Der Greis schaut verzweifelt.
Der Zugbegleiter lächelt.
„Womit hab ich das verdient?“ Seine Worte kämpfen gegen den Fahrtwind.
»Hab viele Fehler – gemacht! Menschen gekränkt«, denkt Wilhelm.
»Gewiss«, antwortet der Bote. »Dein Dasein prägte nicht nur gedankenlose Pflicht. Das nachsichtige Wesen zählt. Du hast einmal mehr denn nötig verziehen. Häufiger um Verzeihung gebeten. Du warst ein Freund der Neugierde. Sie nutzte dir, den Mitmenschen um dich. Ein vollwertiges Maß Demut ruht auf der Waage deines Lebens.«
»Aber mein Junge. Er geht auf dem falschen Weg!«
»Du trägst keine Schuld. Jetzt ist es auch nicht mehr dein Problem.«
»Wird er wieder auf den rechten Weg gehen?« Doch dieser Schmerz ist ihm ebenfalls genommen. Alle Fragen bleiben zurück. Vor ihm warten Antworten.
»Wohin fahren wir?«
Der Fahrtwind trocknet jede ungeweinte Träne. Er trägt die letzten vernehmlichen Worte des Boten an sein Herz.
»Nach Hause mein Freund.«

(c) Spewak Roland

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