Geschichte des Tages: Ryek Darkener – Versteigerung

typewriter-1007298_192025.05.2016

Geschichte des Tages

Versteigerung

Um kurz nach acht Uhr abends fanden sich die Frauen im Gemeinschaftsraum des Bleiernen Domes ein, welcher in hellen Pastellfarben gestaltet und mit bequemen Stühlen und Tischen eingerichtet war. Kaija war überrascht. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass alle der etwa dreißig anwesenden Frauen das offizielle Vorladungsschreiben der Vereinigten Kirchen bekommen hatten. Also eine erhebliche Anzahl von Freiwilligen. Kaija wagte nicht, jemanden zu fragen, stellte aber Überlegungen über die Qualität der Partner oder der Motive der Freiwilligen an. Von mindestens drei der anwesenden Frauen wusste sie, dass sie in einer festen Beziehung waren. Es war unmöglich, hier inoffiziell hinzukommen. Die Teilnehmerinnen der Versteigerung waren öffentlich bekannt gemacht worden. Bieter und Gebote blieben geheim; nur die Gewinner würden heute vorgestellt und ihre Namen morgen im Rathaus angeschlagen werden. Jede Frau wurde persönlich von Bischöfin Njemile begrüßt. Die zweite Überraschung war die Bekleidung. Als Kaija, mit Unterstützung Aislings, sich in das gezwängt hatte, was beide für diesen Anlass für angemessen hielten, war sie nicht sicher gewesen, ob sie es bei den vorherrschenden Außentemperaturen trotz Wintermantel ohne Erfrierungen bis zum Münster schaffen würde. Nun stellte sie fest, dass sie zu den Wenigen gehörte, die einigermaßen vollständig bekleidet waren.
Es wurde ihr klar, warum es nur geladene Gäste gab. Außer der Bischöfin, die die offizielle schwarze Uniform trug, hätte es wahrscheinlich keine der Frauen ohne ‚Unfall‘ aus dem Gebäude heraus geschafft. Kaija hatte um den Dom herum sowohl Rechtsaufseher als auch die Leibwache der Bischöfin gesehen, die den Bereich auffällig unauffällig von Unbeteiligten und Zaungästen freihielten.
Es ging hier weder bedrückt oder gar schicksalsergeben zu. Die Stimmung war geprägt von gespannter Erwartung, erinnerte eher an den Auftakt einer Jagd als an einen formalen Akt; Kaija grinste ob der Doppeldeutigkeiten. In den Gesprächen ging es hauptsächlich darum, dass frau sich gegenseitig wünschte, keine Niete zugeteilt zu bekommen. Sie schüttelte verwirrt den Kopf.

„Hallo Kaija, das wurde aber auch Zeit!“
Kaija drehte sich erschrocken um. Vor ihr stand ein Engel, schulterlanges rotes Haar, so groß wie sie, mit einer Attraktivität, die ihr die Knie weich werden ließ.
„Jelena?“, frage sie überrascht. „Was machst du denn hier? Du bist doch –“
Der Engel nickte. „Hab dich lange nicht mehr gesehen.“
„Ja. Schulabschluss vier-dreiundneunzig, richtig?“
Sie umarmten sich. Der Begrüßungskuss Jelenas war deutlich länger als er hätte sein müssen.
Nachdem Kaija wieder zu Atem gekommen war, richtete sich ihre Neugier auf Jelena. „Was treibt dich denn hierher? Du bist doch schon direkt nach dem Abschluss der Schule in die Mutterschaft verschwunden.“
Jelena lächelte fröhlich. „Ja, stimmt. Rabea geht seit diesem Jahr in München zur Schule. Weißt du was? Ich tue es immer wieder, solange die Göttin es zulässt.“ Sie hob drei Finger in die Höhe. Und lachte, als sie Kaijas neidischen Blick sah.
„Und dein Partner? Nutzt du da nicht seine Toleranz über Gebühr aus?“
Jelena lachte erneut. „Nein. Auf keinen Fall.“
Kaija sah Jelena verständnislos an.
„Du weißt es wirklich nicht?“
„Nein. Jetzt sag schon!“
„Ich habe Gleichgesinnte gefunden.“
Jelena zeigte unauffällig auf drei der anderen Frauen. Sie waren Kaija unbekannt, aber unverkennbar auf der Jagd.
„In München, in Wien und in der Roten Zone.“
„In der Roten Zone?“
„Eine lange Geschichte, ich erzähle sie dir ein anderes Mal. Wir besitzen gemeinsam ein Schiff und kommen viel herum zwischen Ulm und dem Schwarzen Meer. Weil wir uns regelmäßig freiwillig melden, haben wir mit den Städten ein Geschäft machen können. Diejenigen, die uns gewinnen, müssen uns mindestens für die vorgeschriebenen Monate begleiten und an Bord mitarbeiten.“
Kaija grinste. „Hört sich fair an. Für euch.“
Sie zwinkerte Jelena zu. Jelena stieß Kaija sanft an. „Ich hoffe, dass du an mich denkst, wenn es Lizenzen für den Nordkanal zu vergeben gibt. Wir dürfen dem Vogler-Gesindel doch nicht die ganze Welt überlassen.“
„Ich werde darüber nachdenken“, flüsterte Kaija zurück. Dann, lauter „Und das funktioniert?“
„Sehr gut sogar. Wahre Liebe gibt es sowieso nur unter Frauen, oder?“
„Ich weiß nicht.“
„Der Vorteil an der Sache ist, dass wir auf diese Art und Weise vor den meisten unangenehmen Zeitgenossen geschützt sind. Niemand, der uns sagt, was wir zu tun und zu lassen haben.“
Sie umarmte Kaija und sprach leise weiter. „Wir drücken dir die Daumen, Schätzchen. Und hoffen, dass dir das Monster erspart bleibt oder es bei dir nicht lange macht.“
Kaija versteifte sich. „So etwas Ähnliches habe ich heute schon einmal gehört“, flüsterte sie zurück.
„Dann weißt du ja, was du zu tun hast. Mach’s gut. Und schnell. Wenn du es überstehst, reden wir nächstes Frühjahr übers Geschäft.“
Bevor Kaija etwas erwidern konnte, war Jelena in der Menge untergetaucht.

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Ryek Darkener – Versteigerung

  1. hmm … die Geschichte lässt mich verwirrt zurück. Schlau bin ich nicht daraus geworden

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