Geschichte des Tages: Nathalie C. Kutscher – Revierkämpfe

typewriter-1007298_192028.05.2016

Geschichte des Tages

Revierkämpfe

Donna Mikele, die gebürtig schlicht und ergreifend Mika heißt, diesen Namen aber als unzulänglich, hinsichtlich ihrer Stellung empfindet, streifte durch ihr Revier. Mit wachsamen Augen untersuchte sie jeden Unterschlupf des rivalisierenden Nachbarn, der in letzter Zeit immer öfter in ihren Gefilden wilderte. Schwarz wie die Nacht, verschlagen und mutig – was ihr den Beinamen El Diablo einbrachte – strich sie um die Häuser, immer einen Blick auf ihre Untergenebenen, um sicher zu gehen, dass Der Graue sich ihnen nicht näherte.
Der Graue!
Wie sie diesen Namen hasste. Wie sie diesen Kerl hasste! Donna Mikele hatte nie viel für Männer übrig gehabt, seit,… Ja, seit den alten Tagen, wo sie noch ein naives, junges Kätzchen war und auf den taffen, starken Baldur traf – ein Kater in ihrer alten Heimat, den ein Freund dieser Menschen mitbrachte, weil sie dachten, sie könne sich verlieben. Ja, Baldur hatte sie gemocht. Warum sie nur wenig später keine Kater mehr leiden konnte, war Donna Mikele bis heute ein Rätsel, welches sie aber nicht zu ergründen ersuchte, da sie andere Aufgaben zu erledigen hatte. Als Oberhaupt einer ganzen Sippe, bestehend aus zwei Menschen und zwei weiteren Katzen, hatte man nie wirklich Zeit für sich. Es musste eben alles seine Ordnung haben!
Wieder einmal war ein Schützling weiter vom Revier entfernt, als er sollte. Ihre rechte Hand, eine Menschenfrau bei der sie fast seit Anbeginn ihres Lebens lebte, hatte ihr gesagt, sie würde Leni vermissen. Auch wenn Donna Mikele lieber als Einzelkatze ihr Dasein verbracht hätte, so fühlte sie sich verantwortlich für die ihr zugeschusterten, neuen Katzen.
Und davon hatte sie bereits so einige erlebt, doch Leni war als Einzige übrig geblieben. Der Tod war allgegenwärtig, wenn man als Katze draußen herumstrich. Viele wurden Donna Mikele genommen, doch sie verzweifelte nie an ihren Aufgaben. Niemals! Dafür war sie zu stolz.
Ha, da kam er. Der Graue! Der Don des Nachbarreviers! Donna Mikele standen die Haare zu Berge, wenn sie den verfeindeten Nachbarn traf. Er trat nie alleine auf den Plan, nein, er schleppte meist seine ganze Sippschaft mit. Feigling! Donna Mikele hatte schon das Blut aller genossen. An ihren Pfoten klebte nicht nur das Fell der Rivalen. Sie ließ sich nicht einschüchtern, mit seinem Machogehabe. Wie er sich vor ihr aufbaute, lauthals Reden schwang und um sie herumtänzelte, als sei er der Erschaffer der Welt.
Nicht mit mir, mein Freund, dachte Donna Mikele angewidert. Deine Mutter habe ich gestern erst zerfetzt, heute bist du dran!
„Deine Kleine“, brummte er. „Die hat sich gestern wieder in meinem Revier herumgetrieben! Sag ihr, ich zieh ihr das nächste Mal das Fell über die Ohren.“
Oh, Donna Mikele war wütend. Stinkwütend! Sie hatte Leni schon tausend Mal gesagt, sie solle sich nicht im nachbarschaftlichen Garten herumtreiben, aber hörte diese Tigerprinzessin? Natürlich nicht, weil sie ganz genau wusste, dass ihr nichts passiert, wenn wenn Donna Mikele in der Nähe war.
Pah, fuhr es Donna Mikele durch den Kopf. Das haben die anderen auch gedacht.
Erinnerungen an Namen wurden geweckt. Sir Lancelot, Gigolo, Herr Mutz, und Grumpy … alles Kater, die sie einst in der Vergangenheit vertrieben hatte, weil diese Burschen ihre Mädels gejagt hatten. Donna Mikele grinste. Ohja, Lancelot, das war ein Gegner. Groß, schwarz und der Herrscher über das ganze Dorf. Wie hatte sie es genossen, als er panisch vor ihrem Zorn geflüchtet war.
Donna Mikele war mitnichten klein, aber sie hatte auch nicht die stattliche Figur von Leni, die mit ihren Modelmaßen, dem gestreiften Tigerkleid und den großen Kulleraugen, mit dem leichten Silberblick jeden in den Niedlichkeitsbann zog. Von den Menschen wurde sie scherzhaft der isländische Panzer genannt. Gerade so groß geraten, um sich behaupten, zäh, in der Mitte etwas füllig und gemütlich. Aber, und das war Donna Mikeles Trick, so behäbig sie auch aussah, sie war Pfeilschnell, wenn sie in Wallung geriet. Ein Umstand, den auch Der Graue unterschätzt hatte.
„Dein Revier?“, knurrte Donna Mikele, ihr Fell in Stachelschweinmanier hochgestellt, die grünen Augen wachsam auf den Gegner gerichtet. Mit ein paar grazilen Umrundungen des Feindes, versuchte sie, ihren Standpunkt klar zu machen. „Was ist dein Revier? Du kommst in meinen Garten und denkst, du müsstest alles markieren! Reicht dir die blutige Nase noch nicht?“ Schwanzaufestllen, dachte sie. Als Drohgebärde! Das kommt immer gut.
Der Graue fauchte. Knurrte und ließ sein Fell nicht minder in die Höhe stehen.
„Du schwarzes Miststück“, würgte er bedrohlich hervor. „Ihr kamt aus dem Nichts plötzlich hier her und du kleines Mädchen denkst, du kannst es mit mir aufnehmen? Ihr kastrierten Hauskatzen denkt, ihr könntet mit einem Kater wie mir kämpfen? Ich bin potent, das alles ist mein Revier“, wobei er vor ihr auf und ab schritt, um seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen, was Donna Mikele aber recht gelassen zur Kenntnis nahm. „Nimm dein Mädelspack und scher dich dahin, wo du hergekommen bist.“ Er spuckte beim Reden und sein Dialekt war auch ganz furchtbar.
Donna Mikele stammte aus Island, einem fernen Land, wo sie allerdings nur in einer Wohnung lebte. Trotzdem, und darauf beharrte sie, besaß sie das Blut vieler Generationen von Wikingerkatzen, die erfolgreich neue Länder plünderten. Sie war mehrsprachig aufgewachsen und auch Leni sprach für sie ziemlich merkwürdig. Sie kam nämlich aus Bayern.
„Hör zu,“ sagte sie jetzt. „Ich verspreche, deine Kinder in Ruhe zu lassen, wenn du meinen Mädchen nichts mehr tust. Du und ich, wir sind hier die Stärksten. Wenn du ein Problem hast, trag das mit mir aus. Lass uns vereinbaren, dass die gesamte rechte Hälfte des Reviers dir gehört, die Linke gehört mir.“
Der Graue drehte sich zu seiner Mutter und seinen beiden halbwüchsigen Sprößlingen um und sagte schließlich: „Gut, einverstanden.“ Das hinterhältige Grinsen entging Donna Mikele allerdings nicht.
„Ich warne dich, Grauer“, fauchte sie. „Ich weiß, dass du überall herumstreifst, aber glaub mir, ich nehme dich auseinander, wenn du meinen Mädchen noch mal was antust.“
Ihre grünen Augen funkelten bedrohlich, die Körperhaltung war wieder angespannter.
„Gut“, räumte der Kater ein. „Ich werde es versuchen!“
Mit einem letzten Schnauben setzte sich Donna Mikele in Gang und trat den Weg in den heimischen Garten an. Dort, wo ihre Menschen unbedarft grillten und sie mit Sicherheit ein Stückchen vom köstlichen Hähnchen abbekam, was sie so sehr liebte. Und abends, auf ihrem warmen Platz auf dem Bett, würde sie neue Pläne schmieden, wie sie diesen Kater in seine Schranken weisen konnte und die alleinige Herrscherin über den Garten wurde!
Denn sie war Donna Mikele, eine Hauskatze mit dem Mut ihrer Wikingervorfahren!

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