Geschichte des Tages: Le Alex Sax – Die Kunst des Reklamierens

typewriter-1007298_192029.05.2016

Geschichte des Tages

Die Kunst des Reklamierens

Es war Mittagszeit und ich hatte Hunger. Wie immer! Gemütlich stellte ich meine hässliche Plastiktüte unter den edlen dunklen Holztisch in dem Nobelrestaurant und zog meine Jacke aus. Die hängte ich ganz lässig über die Stuhllehne. Eine kleine Provokation des zahlenden Gastes. Der Raum war noch ziemlich leer. Das war ob der Preise auch nicht weiter verwunderlich. Aber es war nicht nur das einzige Restaurant weit und breit, sondern auch eines mit einer gross angepriesenen Qualität. Das Personal war allerdings leicht hektisch. Gut, das hatte zugegebener Massen mit meinem Erscheinen zu tun. Kaum hatte ich mich an den weiss gedeckten Tisch mit der nach Parfum stinkenden Wohlfühlkerze gesetzt, waren sie auch schon da, um meine Wünsche aufzunehmen. Die Kellnerin elegant mit weisser Bluse und schwarzem Jupe. Unsicher schaute die Dame immer wieder unter den Tisch auf meinen alten Plastiksack. So als wäre er eine Bombe, die jederzeit hochgehen konnte. Gut, ganz Unrecht hatte sie damit ja nicht. Das Lokal füllte sich langsam, aber ich wurde heute bevorzugt behandelt. Das Essen brachten sogar zwei Damen. Das heisst, die Eine den Teller und die Andere das Mineralwasser. Ja, der Service war erstklassig. Zumindest seit gestern. Unter der Beobachtung des Personals nahm ich genüsslich meine Mahlzeit ein. Es eilte nicht, denn ich hatte Zeit bis zur nächsten Sitzung. Dann hatte ich mein Mahl beendet und die werte Dame kam erneut, um abzuräumen. Sie brachte es tatsächlich fertig, alles auf einmal auf ihre etwas kurzen Unterarme zu hieven. Es war witzig zu sehen, wie sie mit dem ganzen Ballast wie eine Marathonläuferin in den Tiefen des spärlich durch Kerzen erleuchteten Raumes verschwand. Danach war mein Tisch plötzlich umgeben von einer unsichtbaren Mauer, die meinen Tisch zur Sperrzone erklärte. Nun gut, ich würde ihnen noch etwas Zeit zum Atmen lassen. Also zückte ich mein Handy und begann meine E-Mails zu lesen. Dabei blinzelte ich immer wieder etwas über den Rand, um zu sehen, was das Personal so trieb. Emsig bedienten sie die Gäste, versuchten dabei aber immer, ausserhalb meiner Reichweite zu bleiben. Wie köstlich! Aber irgendwann war es soweit und ich winkte die schon fast verschwundene Kellnerin heran und bestellte meinen Kaffee. Das musste einfach sein, denn ich liebte das heisse Getränk. Besser gesagt, ich lebte davon. Dasselbe galt offenbar auch für das Restaurant. Ich war nun schon seit einem Monat gezwungen, hier zu essen und meinen Kaffee zu trinken. Genauso lange bekam ich jeweils eine Tasse mit Pfützenwasser. Das jeweils nur leicht angebräunte Gesöff hätte nicht einmal für einen Kaffeeschnaps gereicht. Der Preis war mit fünf Euro allerdings erhaben. Natürlich hatte ich ein paar Mal freundlich reklamiert. Genutzt hatte es nichts. Natürlich nicht. Heisses Wasser mit Farbe zu dem Preis, war einfach zu lukrativ. Sowas ändert man nicht einfach, nur, weil es dem Gast gerade nicht passt. Ich fand das aber eher problemfrei, denn ich konnte mir gut selber helfen. Also hatte ich am Vortag meinen Kaffee selber mitgenommen. Dazu stellte ich meine alte und abgeschabte blaue Thermoskanne mitten auf den Tisch. Ja, sie störte empfindlich die vornehme Atmosphäre des Lokals und verwirrte nicht nur das Personal, sondern auch die anderen Gäste. Das einer der anwesenden Konsumenten die Idee laut begrüsste, machte die Sache auch nicht besser. Zumindest nicht für den Betreiber. Ich nahm einen Schluck aus der wunderschönen Porzellantasse. Und tatsächlich, der Kaffee schmeckte ausgezeichnet. Um genau zu sein war es eine bestimmte Sorte. Ich kannte die bereits. Es war Kapselkaffe. Sie hatten nichts an der grossen Kaffeemaschine an der Baar geändert nein, ich hatte einen Kaffee aus dem Büro des Chefs bekommen. Ja, ich hatte genau gesehen, woher meine Tasse einwanderte. Wie dem auch sei, wenn das Reklamieren nicht hilft, dann tut es das Demonstrieren, denn ich mag es nicht, veräppelt zu werden. Auch nicht auf hohem Niveau. Meine Plastiktüte habe ich dann jedesmal mitgeschleppt. Einfach so als Drohung. Man versteht sich.

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Le Alex Sax – Die Kunst des Reklamierens

  1. petra0654 sagt:

    Naja – wenn ich nicht zufrieden bin, dann betrete ich das Lokal kein zweites Mal. Aber wenn der Typ kein Lokalverbot bekommt, dann ist der Service wohl selbst schuld.
    Jedenfalls war diese seltsame Begebenheit recht witzig erzählt.

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