Geschichte des Tages: Sandra Karin Foltin – Autorenblues

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Geschichte des Tages

Autorenblues

Dicke Schneeflocken fallen sanft vom grauen Himmel, fast so als tanzen sie im leichten Wind. Im Hintergrund läuft leise klassische Musik. Irgendein schweres Thema, das zu meiner Stimmung passt. Ich fühle mich vollkommen leer, ausgelaugt. Ein Glas Wein steht rechts neben meiner Tastatur, wartet darauf, das ich zugreife. Aber ich mag nicht, ich sitze hier nur und gebe mich der Schwere hin, die mich erfasst hat. Fast so, als hätte mich eine dunkle Decke eingehüllt. Eine gewisse Müdigkeit schleicht sich ein, am Liebsten möchte ich meine Augen schließen.

Aber leider geht das nicht. Die Arbeit wartet und ich muss mich zusammenreißen. Entschlossen packe ich das Weinglas und nehme einen unanständig großen Schluck. Prompt verschlucke ich mich, das war ja klar. Erst einmal mit einem Tempo meinen Monitor sauber wischen. Später werde ich das noch richtig machen, nehme ich mir vor. Erneut öffne ich mein E-Mail Konto und öffne die Mail meines Lektors. Zwei Mal lese ich die Nachricht, und wieder greift der Trübsinn nach mir. Warum versteht der mich denn nicht? Ich finde meine Geschichte richtig gut, mein Meisterwerk!

Und er? Er schickt mir seitenlange Kritik. Jetzt muss erst einmal andere Musik her! Black Sabbath – schon besser. Und wenn ich schon mal stehe, hole ich mir gleich noch ein Glas Wein, die Hälfte vom Ersten habe ich schließlich auf meinen Monitor gehustet. Ich schreibe lieber mal ein Post it, sonst vergesse ich das Saubermachen vom Monitor am Ende noch. In Ordnung, genug gedrückt, jetzt fange ich an zu arbeiten!

Ich öffne beide Texte und fange an zu vergleichen. Lese sorgfältig die Kommentare, einmal alle und fange schließlich oben an. Die ersten drei Kommentare arbeite ich konzentriert ab. Beim Vierten raufe ich mir die Haare, mir wird klar, dass mein Lektor meine Geschichte nicht verstanden hat. Die komplette Aussage meiner Geschichte ist völlig an ihm vorbei gegangen. Wie konnte das passieren? Ist der überarbeitet? Hat er nicht richtig gelesen?

Aber noch wichtiger: Wieso erkennt der nicht, wie gut ich bin? Wie toll die Geschichte ist! Ich lese noch einmal seine Mail. Jede Menge negativer Äußerungen. Das kann doch nicht sein! Mein Stil ist nicht gut? Meine Metaphern nichtssagend? Ich schreibe flach und ohne Aussage? Mehr Emotionen?

Schnell leere ich das Glas Wein und muss dann auf und ab gehen. Immer schneller gehe ich hin und her. Mir wird ganz heiß. Ich wusste es, er hat meine Geschichte einfach nicht verstanden. Schrecklich!

Was soll ich bloß tun, wenn er mich wirklich nicht richtig verstanden hat, und das, obwohl er doch täglich mit Künstlern zu tun hat. Künstlern, wie mir. Das verstehe ich nicht. Wie kann er es wagen? Einfach mit all seinen Vorschlägen daher zu kommen, und zu sagen, ich wäre nicht gut. Frechheit! Das ist eine Gemeinheit! Vielleicht ist er am Ende sogar neidisch, dass ich viel besser schreiben kann, als er. Schließlich bin ich ein Künstler. Während ich das so denke, trifft es mich bis ins Mark: Ich bin Künstler! Die müssen unglücklich sein. Wahrscheinlich hat mein Lektor einfach meine Größe erkannt und entsprechend reagiert! Er macht mich schlecht, weil ich so großartig bin. Nur so kann ich noch besser werden! Nur wenn ich zutiefst unglücklich bin, kann ich in die Geschichte eingehen, mit meinen Erzählungen. Auf diese großartige Einsicht hin, trinke ich noch ein, zwei Glas Wein.

Oder, so flüstert es leise in mir, er hat wirklich nicht verstanden, was du meinst. Hm, das wäre schlecht. Ich gehe zur Musikanlage. Jetzt muss ich wieder umsteigen. Ich lege wieder Klassik ein, muss nachdenken. Habe ich die Stimmung wirklich so schlecht beschrieben? Die Tränen kann ich einfach nicht aufhalten. Ich bin ein Nichts, nicht wert zu leben. Völlig erschüttert lege ich mich ins Bett und nehme zwei Schlaftabletten. Schließlich bin ich Künstler, und sensibel. Auch, wenn meine Ex-Frau das anders sieht.

Als ich drei Stunden späte wach werde, klebt meine Zunge am Gaumen vor lauter Durst, und mir wird mit absoluter Sicherheit klar, dass ich ein Versager bin. Ohne mich um meine volle Blase zu kümmern, gehe ich zum Balkon. Ich öffne die Tür und fröstle im kalten Lufthauch. Meine Frau hat mich verlassen, sie wusste es auch, ich bin ein Versager. So hat sie es gesagt. Ein kurzer Augenblick des Zweifels kommt in mir hoch. Aber nein, mein Lektor hat es bestätigt! Ich bin ein Nichts, kann nicht schreiben. Also, wozu noch? Schnell steige ich über die Brüstung. Während ich falle, friere ich, dann Nichts!

(c) Sandra Karin Foltin

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Ein Kommentar zu Geschichte des Tages: Sandra Karin Foltin – Autorenblues

  1. petra0654 sagt:

    Das ist eine recht traurige Geschichte. Anfangs glaubte ich, sie geht eher in Richtung Komödie … Jedenfalls konnte ich mir die Situation und die Gefühle des Künstlers gut vorstellen, das war perfekt beschrieben. (Übrigens ist mein Mann morgen auf der Berliner Waldbühne zum Black Sabbath-Konzert – der Glückliche!)

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