Geschichte des Tages: Petra Weise – Mein Hund Benno

typewriter-1007298_192007.06.2016

Geschichte des Tages

Mein Hund Benno

„Das ist also der neue Mitbewohner.“

Bevor sich meine Mutter zu dem winzig kleinen Hund hinunter beugen kann, springt Benno begeistert an ihr hoch. Sie freut sich über diese stürmische Begrüßung. Ich weniger.

„Mutti, bitte beachte ihn nicht! Erst streicheln, wenn er ruhig und brav ist!“

Meine Mutter lacht und will den Hund fangen, nach ihm greifen, mit ihm spielen. Das gelingt ihr nicht, denn Benno ist viel zu schnell.

„Komm!“, ruft sie. „Ich habe feine Naschis mit.“ Sie holt eine große Tüte Kekse aus ihrer Tasche.

„Die verfütterst du aber nicht alle!“

„Nein, nein“, versichert sie eilig. Ich glaube ihr nicht.

Mutti ist etwas zu früh gekommen. Das Mittag ist noch nicht fertig. Ich will Spaghetti mit einer Schinkensahnesoße kochen. Aber jetzt setze ich mich erst einmal zu Mutti aufs Sofa. Sie besucht mich sehr selten. Heute ist sie wegen Benno hier. Sie will ihn kennenlernen. Werner gießt uns ein Glas Sekt ein und wir stoßen an.

„Auf den seltenen Besuch.“

Wie hat Werner das gemeint? Freut er sich, dass Mutti so selten zu uns kommt? Mutti hat nichts gemerkt – sie lacht.

Ich gehe zurück in die Küche. Wo ist nur der Schinken? Ich hatte ihn aus dem Kühlschrank genommen. Oder nicht? Schnell schaue ich im Kühlschrank nach. Dort ist er nicht. Das Messer liegt neben dem Brett, daneben einige Schinkenwürfel. Jetzt erinnere ich mich, ich hatte bereits angefangen, das große Schinkenstück in kleine Würfel zu schneiden.

„Benno! Wo ist Benno?“

„Warum schreist du? Er liegt friedlich in seinem Körbchen.“

Ich renne zu ihm, er duckt sich sofort ab. Er wird doch nicht ein ganzes Pfund Schinken gefressen haben. Ich greife blitzschnell in den Hundekorb, aber Benno ist schneller. Er springt heraus, lässt dabei den großen Schinkenbatzen fallen. Ehe er erneut zuschnappen kann, habe ich den Schinken erwischt. Viel hat der Hund noch nicht gefressen, aber in dem schönen Stück sind überall kleine Löcher von scharfen Hundezähnen. Meine Mutti lacht schallend. Werner lacht nicht. Ich verziehe mich besser in die Küche und koche schnell Spaghetti mit Zucchini und einer Sahnesoße. Ohne Schinken, nur mit einem Rest Salami.

„Was machst du jetzt mit dem schönen Schinken?“ Mutti lacht wieder und stört sich nicht an Werners finsterer Miene.

„Schön? Willst du es haben?“

„Sei nicht albern! Was ist schon dabei?“

„Sag bloß, du würdest den Schinken noch essen?“

„Warum nicht?“ Mutti beugt sich zu Benno herunter, der natürlich direkt neben ihr sitzt und darauf wartet, dass etwas vom Tisch fällt. Sie hebt den kleinen Hund hoch und drückt ihm demonstrativ einen lauten Schmatz direkt auf die nasse Hundenase.

„Igitt! Du schreckst wohl vor gar nichts zurück?“ Werner schüttelt sich. „Schau doch, wie nass er den Teppich gesabbert hat! Ist ja widerlich.“

„Ach was! Der Kleine kann nichts dafür.“

„Vielleicht sollte ich die angebissenen Stellen ein wenig abschneiden“, überlege ich. „Und in der Pfanne gebraten ist es sowieso egal.“

„Unterstehe dich!“ Werner ist entsetzt. „Das kannst du allein essen.“

Mutti lacht. Sie schaut Benno an und sagt: „Da hast du Glück gehabt, Bennischatz. Jetzt darfst du das ganze Stück allein fressen.“

Jetzt muss auch ich lachen.

„Wie kann ein so winzig kleiner Hund so hoch springen?“ Mutti ist beeindruckt. „Deine Arbeitsplatte ist mindestens ein Meter hoch.“

„Du und deine Übertreibungen! Maximal 90 Zentimeter“, korrigiert Werner.

„Und Benno? Kaum eine handbreit hoch.“ Mutti lacht. „Überlege doch mal, wie hoch du springen müsstest bei deiner Länge.“ Freundlich stupst sie Werner mit ihrem Ellbogen gegen seinen Arm.

„Ich bin schließlich kein Hund. Aber du hast Recht“, gibt Werner nach.

Uns ist unbegreiflich, wie so ein winziger Hund einen Meter hoch springen kann. Es steht kein Stuhl in der Nähe, den Benno hätte zu Hilfe nehmen können.

„Der Tierarzt hat mich sofort auf Bennos ungewöhnliche Sprungkraft aufmerksam gemacht“, fällt mir ein.

Werner stellt sich vor die Arbeitsplatte und versucht zu ergründen, auf welchem Weg der kleine Hund hier herauf springen konnte. Er schüttelt fassungslos seinen Kopf.

Dann beschreibt er, wie Benno unser Frühstück vom Tisch geholt hat. Mutti schlägt sich vor Vergnügen mit der Hand auf ihren Schenkel. Allerdings ist der Esstisch nicht so hoch wie die Arbeitsplatte in der Küche und es stehen zwei Stühle davor.

Wir erzählen zu Muttis Vergnügen noch lange von Bennos lustigen Streichen und verleben so einen angenehmen Nachmittag.

(c) Petra Weise

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