Geschichte des Tages: Carmilla DeWinter‎

typewriter-1007298_192008.06.2016

Geschichte des Tages

Es begab sich einmal, vielleicht aber auch nicht, dass in den Schwarzen Bergen die wunderschöne Tochter einer Richterin erwachsen wurde. Diese junge Frau, mein wertes Publikum, hatte Haut wie Zedernholz, genauso braun, genauso glatt und genauso duftig, und Augen so blau wie der Himmel kurz nach Sonnenuntergang. Zahllose Männer kamen in ihr Tal gereist, um sie zu umwerben und ihr Verse zu widmen. Jeder hoffte, der Vater ihrer Töchter zu werden. Auch dier Rosenjnunfürst und dier Fürst der Weißen Jnun erschienen, um ihre Gunst zu gewinnen. In ihrem Hochmut, dass neben zahlreichen Männern gleich zwei Geisterfürsten sie begehrten, stellte die junge Frau den beiden eine Aufgabe. Wer von ihnen zuerst einen Berg versetzte, diem wollte sie so lange gehören, bis sie ihr erstes Kind gebar. Also fingen die Fürsten an, die beiden Berge nördlich des Quellbergs abzutragen, jeder einen.
Nun hatte aber dier Rosenjnunfürst eine Vertraute im Tal der schönen Frau zurückgelassen, um sie und ihre zahlreichen Verehrer zu beobachten. Eines Morgens eilte jene Jinn herbei und berichtete, die junge Frau sei wegen eines gewöhnlichen braunäugigen Mannes ihres Volkes bei dessen Mutter vorstellig geworden, weil der so schöne Gedichte vortrug und zudem ein tüchtiger Arbeiter sei.
Dier Weiße Jnunfürst belauschte das Gespräch und wagte sich aus sienem Versteck. „Ha“, rief sier, „gewiss hast du selbst meine Angebetete verführt – und womöglich im Auftrag deines Fürsten!“
Dier Rosenjnunfürst verteidigte sich und siene Spionin: „Wie kannst du es wagen, uns Betrug vorzuwerfen!“
Ein Streit entspann sich, bei dem die beiden Jnunfürsten mit Felsbrocken um sich warfen. Dennoch gewann keine*r von ihnen. Schließlich zogen sich beide erschöpft, die Zauberkräfte ausgelaugt, in die Höhlen ihrer Stämme zurück, und kamen bis zu ihrem baldigen Tode nie wieder heraus. Zu groß war die Schande, die sie mit ihrem lächerlichen Betragen über sich gebracht hatten.
Die junge Frau aber lachte beide aus, als sie davon hörte, weil sie geahnt hatte, dass es so enden würde. Sie heiratete den braunäugigen Mann und bekam viele, viele Töchter, die mit ihrem Geschäftssinn und ihrem Fleiß dafür sorgten, dass in ihrem Tal niemals irgendwer Not leiden musste.
Das beweist, dass vernünftige Frauen sich lieber Männer suchen, die gewitzt sind und hart arbeiten, statt solche, die völligen Unsinn anstellen, um zu zeigen, dass sie besser sind als ein anderer.

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.