Geschichte des Tages: Louise Bourbon – Le dernier rendez-vous – Die letzte Begegnung

typewriter-1007298_192010.06.2016

Geschichte des Tages

Le dernier rendez-vous – Die letzte Begegnung

Der Park liegt still in dieser frühen Morgenstunde, und doch ist er bereits durchflutet von Licht. Sie selbst hat diesen Ort gewählt, sie wähnt sich hier sicher, doch ihre Gegnerin entschied die Zeit. Unmutig schüttelt die Marquise den Kopf.
Sie mag das Sonnenlicht nicht. Nichts, was hell ist und Freude verkündet. Ihre Welt ist die Dunkelheit. Zumindest liegt der gewählte Platz am Bassin im Schatten. Erneut schüttelt die Marquise den Kopf. Nicht mehr viel hier erinnert an die vergangene Pracht, nicht mehr viel ist übrig von der Anlage, die jeder für die ihre hält. Überhaupt verändert sich gerade viel in der neuen Zeit, und deswegen ist sie hier. Die Vorgänge im Augenblick, sie mag sie nicht.
Die Marquise hat auf der Bank Platz genommen und wartet. Wieso wartet sie? Der Ärger wütet in ihrer Kehle. Eigentlich hätte es umgekehrt sein sollen.
Da vernimmt sie das sanfte Rascheln von Kleidern. Sie wendet sich um und schnaubt. Natürlich, durch die Porte du Roy ist ihre Gegnerin geschritten. Vermessen. Die Marquise ballt die Hände. Sie betrachtet die Gestalt vor sich. Da ist nichts von erhoffter Demut. Oder Angst. Da ist nichts von all dem, was die Marquise sich erwartet hat.
Strahlend und von einem besonderen Licht umgeben steht Louise de La Vallière vor ihr. Sie neigt leicht den Kopf – und lächelt. Sie lächelt?
«Ihr wolltet sprechen, Madame? Dann lasst uns sprechen.»
Auch Louise de La Vallière sieht sich um.
«Es ist nicht mehr viel übrig von diesem Schloss oder diesem Park.»
Für einen kurzen Augenblick scheint sie traurig.
«Nein», stößt die Marquise hervor, «aber in jedem Fall wird es mit meinem Namen genannt, Madame, nicht mit Eurem.»
«Ach, Madame», sagt Louise sanft, «geht es immer noch darum? Ihr könnt doch nicht besitzen, was Euch nicht gehört. Es ändert sich doch. Alles ändert sich, nun, wo die Wahrheit ihren Weg ans Licht findet.»
«Ha!» Die Marquise lacht auf. «Dreihundert Jahre haben gut gearbeitet. Und versteckt…»
«Ich weiß», unterbricht Louise mit Festigkeit.
Die Marquise lacht.
«Naiv und gutgläubig, das wart Ihr schon immer. Deshalb war es so leicht, Euch zu streichen. Ihr nahmt seinen Namen nicht…»
«Ich nehme ihn jetzt», sagt Louise fest. «Ich nehme den Namen und den Titel.»
«Das wird Euch nichts mehr nutzen.»
«Was wollt Ihr von mir, Madame?» unterbricht Louise erneut. «Ihr habt um dieses Treffen gebeten.»
Die Marquise holt tief Luft. Sie senkt ihre dunklen Augen ohne jede Freundlichkeit auf ihr Gegenüber.
«Lasst es ruhen, Madame de La Vallière.»
«Madame de Bourbon, ma chère», unterbricht Louise ein drittes Mal. «Der Name, den Ihr immer tragen wolltet, aber nie getragen habt. Und das genügt noch nicht.»
«Niemals», keucht die Marquise, «nicht in allen Zeiten, werde ich euch als Königin anerkennen.»
«Oh doch», entgegnet Louise gelassen. «Ihr werdet. Ich bin nicht alleine hier.»
Die Marquise hebt die Braue.
«Habt Ihr gelernt, Madame?»
«Einiges.»
Louise de Bourbon hebt die Hand.
An ihrer Seite erscheint der König.
Die Marquise keucht auf.
«Le Roy», murmelt sie.
Dieser verneigt sich.
«Ganz recht, Madame. Gestattet mir, hinzuzufügen, dass es kein Vergnügen ist. Doch wo sie hingeht, dahin werde ich ihr folgen.»
Der König ist in vollem Ornat erschienen. Nichts fehlt. Er trägt den Mantel, das Schwert, den Ring und den Orden des Saint Esprit. Er hält die Main de Justice und das Zepter. Selbst die Krone, die, wäre er fleischlich, ihn aufgrund ihres Gewichts sehr drücken müsste.
Die Frau an seiner Seite verwandelt sich. Sie ist nun gekleidet wie er. Auch sie trägt Mantel, Zepter und Krone. Würdevoll sieht das Königspaar auf sie herab.
«Ihr habt nichts gegen mich», haucht die Marquise.
«Doch», erwidert der König, «das haben wir. Wir haben die Macht der Liebe gegen Euch.»
«Nein. Nein!»
Die Marquise schreit fast. «Ich hasse Euch.»
«Ach, Madame,», sagt die Königin still, «wohin hat euch Euer Hass gebracht? Ihr seid eine Irrende zwischen den Zeiten, zwischen den Welten. Ruhelos, rastlos. Ihr suchtet nach mir, weil Ihr stets befürchtet habt, dass genau das geschehen könnte, was geschieht, nicht wahr? Das Bewahren einer Lüge ist eine große Last. Befreit Euch, Madame.»
«Nein. Das kann ich nicht.»
Der König spricht erneut.
«Ich hasste Euch, Madame, lange Zeit. Doch damit vergiftete ich mich selbst. Nun, Madame, das ist vorbei. Uns verbindet nichts mehr. Ihr seid mir gleichgültig.»
«Nein», heult die Marquise auf, «das darf nicht sein.»
«Doch», sagt die Königin, «weil Liebe und Wahrheit immer siegen.»
Die Marquise de Maintenon sieht das Königspaar an, das nun von einer Aureole aus Licht umgeben ist.
«Wäret Ihr doch nur weiter im Kloster eingesperrt geblieben», zischt sie die Königin an.
«Dann hätte ich sie dennoch weiterhin geliebt», sagt der König. «In meinem Herzen ist sie immer meine Königin, denn den Titel gab ich ihr lange, bevor die Geschichte ihn ihr gab.»
Die Königin schmiegt sich sanft an ihren Mann.
«Gehet hin in Frieden, Madame. Findet Euer eigenes Glück. Denn ich habe die Macht des Friedens über Euch.»
«Ich liebte sie, ich liebe sie, ich werde sie immer lieben, Madame», sagt der König fest. «In Ewigkeit. Amen.»
Die Marquise spürt, wie sie an Kraft verliert. Hinter dem Königspaar nimmt sie weitere Personen wahr. Sie erkennt die Princesse de Conty und den Duc du Maine. Die Demoiselle de Blois. Nach und nach werden die Kinder des Paares sichtbar. Aus den Augenwinkeln nimmt sie wahr, wie das Château de Marly aus den Ruinen aufersteht. Die Brunnen beginnen zu sprudeln, die Bassins füllen sich mit Wasser, die Kaskaden fließen. Zarte Klänge von Musik erfüllen die Stille, in der die Zeit keine Rolle spielt.
Der König lächelt seine Frau an und bietet ihr den Arm.
«Nehmt in Besitz, was Euer ist, ma Reyne.»
Die Königin lächelt ebenfalls und nimmt den Arm ihres Gatten.
Die Marquise betrachtet die Szenerie mit großen Augen. Sie kann sich nicht widersetzen. Nicht mehr.
«Sa Majesté la Reyne.»
Es sind ihre letzten Worte, bevor sich ihre Gestalt im Licht auflöst. Ihr letzter Blick gilt dem lächelnden Königspaar.

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5 Kommentare zu Geschichte des Tages: Louise Bourbon – Le dernier rendez-vous – Die letzte Begegnung

  1. Elke Heinze sagt:

    Hallo Uwe,
    ich habe mir die Geschichte jetzt mehrfach durchgelesen, kann aber nichts rechtes damit anfangen. Historisch betrachtet war Louise de La Vallière viele Jahre Mätresse Ludwigs XIV. bis sie von Madame de Montespan verdrängt wurde. Louise de La Vallière starb in einem Kloster. Schreibst du die französische Geschichte um?
    „Sie mag das Sonnenlicht nicht. Nichts, was hell ist und Freude verkündet. Ihre Welt ist die Dunkelheit.“ Klingt gleich zu Beginn ein bisschen nach Vampirroman.
    Ich wüsste schon ganz gerne, was der Sinn hinter dieser Geschichte ist. Gestolpert bin ich auch über Le Roy und La Reyne, aber das ist vermutlich altfranzösisch.
    LG – Elke

    • Uwe sagt:

      Da mußt du Louise Bourbon fragen

    • Liebe Elke,
      Ich schreibe die französische Geschichte nicht um, sondern ich schreibe sie so, wie sie sich tatsächlich zugetragen hat. Nach 20 Jahren Recherche muss ich sagen, dass die in vielen Fällen verbreitete offizielle Geschichtsschreibung nicht die richtige ist. Louise ist nicht im Kloster gestorben, sie wurde auch nicht von der Montespan verdrängt, sondern das ganze war von dieser eine groß angelegte Erpressung, in deren Folge Louise Kloster verschwinden musste. Nachdem die Montespan sich durch die Giftaffaire selbst diskreditiert hatte, kehrte Louise an den Hof zurück, der König heiratete sie und machte sie zu seiner Königin. Die Marquise de Maintenon hingegen war nichts als das Kindermädchen, wollte aber ganz verzweifelt etwas anderes sein. Le Roy, La Reyne ist die barocke Schreibweise, die mir in diesem Zusammenhang passender erscheint.
      Louise de La Vallière ist die Sonnenkönigin – Frankreichs vergessene Königin, und deswegen heißt mein Buch auch so.

      • Elke sagt:

        „Nach 20 Jahren Recherche muss ich sagen, dass die in vielen Fällen verbreitete offizielle Geschichtsschreibung nicht die richtige ist.“
        Okay – da kann ich schlecht etwas dagegen sagen. Nur, warum weiß das außer dir keiner?
        LG – Elke

        • Dem ist ja nicht so, Elke. Es wissen ja einige. Ich bin ja auf verschiedene Menschen gestoßen, die mir bei meinen Recherchen geholfen haben und zu ihren eigenen Ergebnissen gekommen sind. Leider fehlt der Mut, dass sich eine kleine Gruppe gegen die „etablierten“ Historiker stellt. Einfacher und bequemer ist es, wenn man einfach von den anderen abschreibt.
          Wie häufig in der Vergangenheit Geschichte verbogen worden ist, wird durch das Internet nach und nach offensichtlich. Und das hoffe ich auch für diese Geschichte. Ich habe beispielsweise die gleiche Version, die ich erzähle, auf japanischen Webseiten gefunden. Ja, tatsächlich. Oder eine kanadische Webseite, die die Genealogie der Familie La Vallière auflistet und den König als Louises Ehemann nennt.
          Das Problem ist, dass das, was wir schreiben, die Geschichte zweier Staaten auf den Kopf stellt. Und das passt nun einmal einigen nicht.

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