Geschichte des Tages: Louise Bourbon – Le Testament – Das Vermächtnis

typewriter-1007298_192014.6.2016
Geschichte des Tages

«Es muss möglich sein», sagt der Unbekannte, «ich möchte, dass Ihr meinem Wunsch entsprecht.»
«Der Ring», antwortet der Juwelier, «er ist schon einmal enger gemacht worden, nicht wahr? Das Geschmeide selbst ist alt, die Arbeit daran aber jüngeren Datums. Der Ring ist sehr schmal. Sehr klein. Er ist für einen schlanken Finger gedacht.»
«Ja, Monsieur», erwidert sein Gegenüber still, «für die schlanksten Finger des Königreiches.» Gedankenverloren hält er inne.
«Macht es möglich, ich bitte Euch.»
«Welche Inschrift wünscht Ihr?» fragt der Juwelier.
«Louise, Reyne de France.»
Der Juwelier unterdrückt einen Schrei.
«Für die verstorbene Königin?» ruft er aus.
«Ja», sagt der Unbekannte, «für die verstorbene Königin von Frankreich.»
Der Meister der Geschmeide sieht den Ring noch einmal an.
«Es ist eine Arbeit aus meinem Hause, nicht wahr? Ich hatte den Ring schon einmal in den Händen.»
«Ja», sagt der Unbekannte. «Ihr habt ihn für ihre Finger passend gemacht.»
Der Juwelier mustert sein Gegenüber genauer. Es ist spät am Abend, das Gelass von einigen Kerzen erhellt. Der Unbekannte hält der Musterung stand. Das Kerzenlicht beginnt zu flackern, streift das Gesicht des Mannes.
Der Juwelier weicht zurück, ohne den Blick abzuwenden. Es ist ein altes Gesicht, das er ansieht, gezeichnet vom Schmerz, von Bedauern, von Trauer. Es zeigt die Bürde des Amtes, das der Mann trägt. Das Leben hat im Antlitz dieses Mannes gewütet, das Alter hat seine Spuren hinterlassen, es hat die Wangen ein- und die Zähne ausfallen lassen, doch es hat nicht die Kraft der grünen Augen angegriffen, die unverändert in ihrer Intensität sind.
«Ihr seid der König», flüstert der Juwelier und verneigt sich.
«Im Augenblick», erwidert der König, «bin ich ein Mann, der um seine Frau weint.»
Eine Träne rinnt über die Wange des Königs. Er, der sich sonst so gut zu beherrschen weiß, gestattet sich diesen Augenblick der offenen Trauer.
Der Juwelier nimmt den Ring aus dessen Hand entgegen.
«Im Augenblick», fügt der König hinzu, «bin ich Louis, der Ehemann von Louise. Meiner Frau für immer. Nichts anderes.»

Eine Woche später begibt sich der König, begleitet von Marie Anne, seiner ältesten Tochter, zu seinem geheimen Ort in den Gärten von Versailles, an den Ort, den nur er und seine Ehegattin kennen. Es ist der magische Platz, den die Gänseblumen säumen. Hier gab er seiner Frau einst den Ring, der das Zeichen der Gänseblumen trägt. Die Gänseblumen schützen die Königin von Frankreich seit Jahrhunderten.
Der König hält ein kleines Schmuckkästchen in der Hand. Er selbst beginnt, eine Vertiefung zu graben, mit seinen eigenen Händen, darauf achtend, keine der kleinen Blumen zu verletzen. Sie sind seine Zeugen. Sie und die Princesse, die ihrer Mutter auf’s Haar gleicht. Die Princesse de Conty wird später schreiben, was heute hier geschehen ist.
Der König öffnet das Medaillon, das er um seinen Hals trägt. Seit über fünfzig Jahren bewahrt es seinen Inhalt. Er entnimmt ihm eine seiner eigenen Locken, eine blonde von Louise, bedeckt sie mit seinen Lippen, fügt die Haarsträhnen dem Ring in dem Kästchen hinzu, der nun mit Gravur versehen ist. Seine Tränen tropfen darauf. Er hält sie nicht auf.
«Ich weiß, dass Du noch da bist, Louise», murmelt er, «ich kann dich noch spüren. Dieser Garten war schon immer ein Garten der Geheimnisse. Ich übergebe ihm diesen Ring. Ich übergebe ihm dein Andenken. Eines Tages, Louise, wird er seine eigene Geschichte erzählen. Eines Tages wird er Zeugnis geben über die wahre Herrin von Versailles, die Königin von Frankreich. Eines Tages.»
Der König senkt die Truhe in die Grube. Die Königin steht zwischen den Bäumen und lächelt.

(c) Louise Bourbon

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