Geschichte des Tages: Louise Bourbon – Das Geheimnis der rosa Perle

typewriter-1007298_1920Geschichte des Tages

Louise Bourbon: Le secret de la perle en rose – Das Geheimnis der rosa Perle

«Du bist zurück!»
Sie springt aus ihrem Sessel auf, für einen Augenblick erscheint sie wie ein junges Mädchen.
«Oui, Maman. Ich bin zurückgekehrt.»
Hier, in der Stille des privaten Gemachs, nennt er sie seine Mutter. Er weiß. Sie weiß. Es ist ein Geheimnis, eines, das noch immer bewahrt werden muss. Seine vorgebliche Mutter, sie hat keinen Einfluß mehr. Aber gefährlich ist sie dennoch.
«Du warst in Brest?»
Hier, in der Stille des privaten Gemachs, spricht sie ihn mit du an.
«Ja, in Brest. Um die Flotten zu inspizieren.»
Louis Auguste macht nicht viele Worte. Darin ist er wie sein Vater. Entscheidender ist es, was er nicht sagt. Sein Gesicht verdunkelt sich.
«Louis Auguste?» fragt seine Mutter.
Er sieht sie an. Die grünen Augen seines Vaters tauchen in ihre blauen.
«Ich liebe das Meer, Maman. Das Meer, seine Weite lässt es so unendlich erscheinen. Keine Beschränkungen, keine Grenzen. Und seine Geheimnisse sind sichtbar, für diejenigen, die sie sehen wollen.»
Louise lächelt.
«Und», fährt ihr Sohn fort, «das Meer macht keinen Unterschied zwischen den Menschen. Es hat sie schon alle genommen. Einfache Seeleute. Könige. Männer. Frauen. Das wissen diejenigen, die am Meer zuhause sind, auch. Sie kennen die Kraft des Meeres. Seine Macht. Das Meer kann dich lieben. Und es kann dich töten.»
Nun sind es die Augen seiner Mutter, die sich verdunkeln.
«Ich weiß, Louis Auguste. Ich denke jeden Tag daran, wenn du fern von mir bist. Ich liebe dich, mon fils.»
Tränen treten in die Augen des jungen Mannes.
«Ich liebe dich auch, Maman.»
Für einen Augenblick halten sie sich in den Armen.
«Gibt es keine Möglichkeit …» fragt er tastend.
«Keine», sagt sie entschieden. «Auch, wenn es mir das Herz bricht. Jeden Tag. Solange sie lebt, sind wir nicht in Sicherheit, mon trésor. Vielleicht noch nicht einmal danach.»
«Aber…»
«Eines Tages, Louis Auguste. Hab Vertrauen.»
«Ich hasse den Gedanken daran, dass die halbe Welt glaubt, sie sei meine Mutter!» stößt er hervor.
Louise seufzt tief. Ihre Augen füllen sich gleichermaßen mit Tränen.
«Ich auch, Louis Auguste», sagt sie leise, «ich auch. Und doch sind wir so viel glücklicher als sie. Sieh an ihr, was Hass anrichtet, mon fils. Und eine zu große Liebe weckt immer den Neid der Götter.»
Ein langer Moment des Schweigens entsteht. Unvermittelt wechselt seine Mutter das Thema.
«Warst Du schon bei deiner Frau?»
Louis Auguste seufzt.
«Bei dieser Verrückten? Nein.»
Sie lacht. Die Kapriziösen der Duchesse du Maine sind bekannt.
«Dennoch ist sie deine Frau, Louis Auguste. Dein Vater wollte das Beste für dich mit dieser Verbindung.»
Unvermittelt sucht er in seinen Taschen.
«Ich habe Euch etwas mitgebracht.»
Er zieht eine kleine Schatulle aus seinen Rock hervor, reicht sie seiner Mutter.
Louise öffnet, schaut, ihre Augen werden groß.
Sie lächelt, ihr Finger streicht sanft über die rosafarbene Perle, die auf einem samtenen Kissen ruht. Rosa, und doch bricht das Licht alle Farben. Glatt, und doch spürt man kleine Erhebungen. Nicht rund, und doch perfekt.
«Woher hast du sie?»
«Von einem der Perlenfischer. Er sagte, sie sei so einzigartig wie die Königin von Frankreich. Er habe Euren Besuch in Brest nie vergessen, sagte er. Daraufhin habe ich sie ihm abgekauft. Er hat sie nur gegeben, weil sie, so sagte er, dann in die richtigen Hände gegeben werde.»
Nun rinnen ihre Tränen unaufhaltsam. Louise streicht ihrem Sohn über die Wange.
Sie nimmt ihre Perlenkette ab, ein Geschenk des Königs. Sie hat schon einmal Perlen getragen – erhalten aus der Hand ihres Vaters, eines seiner wenigen Hinterlassenschaften für sie. Bis sie ihr entwendet wurde. Der König ließ eine neue anfertigen, wohl wissend, den Schmerz der Tochter nur lindern, aber nicht löschen zu können.
«Ich werde sie zwischen die deines Vaters setzen lassen. Und immer, wenn das Rosa an meinem Hals lächelt, werde ich ein Lächeln an dich senden.»
Nun lächelt auch der Sohn. Es ist das Lächeln seiner Mutter aus den Augen seines Vaters.
«Unser Geheimnis?» fragt er.
Sie nickt.
«Unser Geheimnis, mon trésor.»

Die Geschichte ist ein Mitbringsel aus dem Frankreich-Aufenthalt. Sie entstand dort, wo ich auch das Bild aufgenommen habe, auf Basis einiger Tagebuch-Einträge meiner Protagonisten.

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