Geschichte des Tages: Tina Wolff – Auf Rezept

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3.10.2016

Geschichte des Tages

Auf Rezept

Es gibt ja Leute, die schwören auf Rotwein. Ein Gläschen Rotwein am Abend soll so ziemlich alle Wehwehchen abtöten. Selbst studierte Mediziner geben das als Tipp weiter an ihre siechen und vor sich hinkrepelnden Patienten. Allerdings nur unter der Hand, versteht sich. Offiziell verschreiben sie Tabletten.
Bringe ich zu bedenken, dass es schon eine Form von mildem Alkoholismus ist, wenn man jeden Abend, also dreihundertfünfundsechzig Mal im Jahr, ein Glas Wein trinkt, dann wird es sich schön geredet. Von wegen, alle in Frankreich machen das so. Jeder Franzose. Und die sind ja sooo gesund. Und die Italiener erst! Immer einen Rotwein am Abend und alles ist tutti-tutti. La dolce vita und so.
In meinem Bekanntenkreis gibt es auch solche Vertreter. Die einen trinken gemütlich ihren Wein, die anderen setzten gleich die Pulle an. Glas brauchen sie nicht, ist ja im weitesten Sinne Medizin. Gluckgluck – gesund. Wenn das die Pharmaindustrie wüsste, könnte sie einpacken.
Wäre ich ein pfiffiger Winzer, würde ich jetzt Lunte riechen. Da tut sich eine Marktlücke auf von ungeahnten Ausmaßen. Ganz flott würde ich den unverkäuflichen, weil gekippten, Surius aus der letzten Ecke kramen, umetikettieren und als therapeutisches Allheilmittel verramschen.
Schmeckt furchtbar, sieht flockig aus – vor Gebrauch gut schütteln! – aber auf der Basis von Rotwein hergestellt. In Deutschland produziert! Hier kommt Verita-Viva vom Monte des Arbor Vitae aus der Winzerei Aeskulap und Söhne.
Hat man dann noch einen Schwager mit einer gut laufenden Arztpraxis, wäre der Anfang gemacht. Der Siegeszug des Verita-Viva ließe sich nicht mehr aufhalten.
Jede dunkelbraune Glasflasche bekommt einen eigenen Karton, zusätzlich mit den kleinen Knubbeln in Blindenschrift bedruckt, damit auch die behinderte Apothekenaushilfe das neue Wunderpräparat findet.
Selbstverständlich darf der origamiartig zusammen gefaltete Waschzettel nicht fehlen, wo man alles nachlesen kann, wenn man Adleraugen hat, oder eine gute Lupe besitzt.
Da steht dann: Hilft bei allen Krankheiten von A wie Alzheimer, bis Z wie Zyanose. Bevorzugte Anwendung: innerlich. Morgens, mittags, abends Null-Komma-Eins Liter, oder auch ein Schnapsglas. Zur Inhalation einen viertel Liter in einem Topf erwärmen. Umschläge und Einreibungen können verdünnt, oder pur genossen werden. Besonders bei Krampfadern sind Wadenwickel sinnvoll. Bei hartnäckigen Analfisteln bereitet man aus dem Inhalt von zwei Flaschen ein Sitzbad.
Auch für Babys und Kleinkinder anzuwenden. Während der Stillzeit trinken Mütter täglich ein Glas. Bei Flaschenkinder gilt: Fünf Tropfen auf eine Pulle. Geschüttelt, nicht gerührt.
Für die Freunde der Homöopathie: Eine Badewanne mit klarem Wasser füllen, einen Tropfen hinzufügen und eine Woche lang, Tag und Nacht umrühren. Das Ganze nur bei abnehmendem Mond, sonst ist mit Algenblüte zu rechnen.
Na also. Für jeden was dabei. Eine absolute Win-Win-Situation. Der Win-Zer macht das Geschäft seines Lebens, weil er den sauren Kram für das Fünffache verkaufen kann, anstatt es wegschütten zu müssen. Der Arzt hat nur noch lustige Kundschaft, die nach zwei Jahren Dauersaufen restlos von allen Leiden geheilt ist, so dass sich der Mediziner nach Bora-Bora absetzen kann. Der Apotheker kann seine Schränke mit den schmalen, aber drei Meter langen Schubladen raus schmeißen, braucht nicht mehr zu beraten, weil es nur noch ein einziges Produkt gibt, und die Krankenkassen schreiben endlich schwarze Zahlen. So billig war Medizin noch nie. Alle Patienten sind von Zuzahlungen befreit, jeder darf sich wenigstens einmal im Quartal sein Verita-Viva in der Verschreibungsgröße N Drei abholen und alle sind happy.
Oh, ich habe die Pharmaindustrie vergessen. Tja, sorry. Aber ihr seid dann endlich mal Pleite. Sollte das zu einer Belastungsstörung, einem Burn-Out, oder sogar zu Depressionen führen, kenne ich ein ganz tolles Mittel: Rotwein auf Rezept!

Copyright 2016 Tina Wolff

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