Geschichte des Tages: Laird Oliver – In the year 2525…

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4.10.2016

Geschichte des Tages

In the year 2525…

Central City, 15. Juli 2525.
Sheeba hielt die Tasse mit beiden Händen und sog den würzigen Duft frisch aufgebrühten Kaffees ein. Echter Kaffee, mit einem Schuss Milch von einer lebenden Kuh und gesüßt mit Zucker aus Zuckerrohr, das auf einem Feld gewachsen war.
Unfassbarer Luxus!
Und völlig unvorstellbar, dass er diesen Luxus an sie verschwendete.
Sie nahm einen tiefen Schluck und genoss die bittersüße Wärme, die durch ihre Kehle rieselte.
Langsam schob sich die Sonne über den Horizont und tauchte den Himmel in ein Meer aus Rottönen. Sie saßen auf der Terrasse, die Habitatkontrolle schwächte den eisigen Wind, der um das Penthouse tobte zu einem kühlen Hauch ab, aber es fühlte sich immer noch unangenehm kalt an.
Aber vielleicht lag das auch einfach daran, dass sie sich gerade so wohl fühlte wie ein Krebs in einem Kochtopf.
„Schmeckt es?“
„Oh ja, es ist köstlich“, pflichtbewusst griff sie zu der Gabel und stocherte auf ihrem Teller herum.
Rührei mit Krabben und Schwarzbrot, alles genauso echt und unbezahlbar teuer wie der Kaffee.
Sie hätte es schlechter treffen können.
Das leise Summen des Türmelders wehte zu ihnen heraus, ihr Gegenüber runzelte die Stirn. „Ich geh schon.“
Sie sah ihm mit offenem Mund nach, er ging die Tür öffnen und sie durfte weiter frühstücken.
Leise Stimmen erklangen, er hatte jemanden hereingebeten, dann sollte sie nicht hier sitzen und essen, sie huschte ins Wohnzimmer.
„Torley Legrand … Sie sind der Sohn von Senator Legrand, richtig?“
Sheebas Herz schlug einen Purzelbaum und ihr Magen verkrampfte sich.
Torley war hier.
Er kam, um sie zu holen!
Sie wollte auf ihn zu rennen, ihm um den Hals fallen, sich einfach an seiner Schulter ausweinen.
„Ja Mr. Weißenberg, mein Vater ist Senator Legrand.“
„Setzen sie sich doch Mr. Legrand.“
Sheeba schmunzelte, Torley versank förmlich in der Nachbildung eines tannengrünen Biedermeiersofas.
Sie ging zu dem Sessel, in dem Weißenberg Platz genommen hatte, den Blick hielt sie gesenkt, die Arme brav hinter dem Rücken verschränkt. Wenn sie unter sich waren, hatte sie einige Freiheiten, aber sobald sie in der Öffentlichkeit waren, galten für sie die Beschränkungen ihres Standes, das hatte Weißenberg deutlich gemacht.
„Darf ich etwas bringen Herr“, fragte sie leise.
„Zwei Kaffee Mädchen“.
Sie machte einen Knicks als Zeichen, dass sie verstanden hatte, und eilte in die Küche, die Türen ließ sie einen Spalt offen, sodass sie die beiden weiterhin hören konnte.
„Nun Mr. Legrand, was verschafft einem bescheidenen Industriellen die Ehre ihres Besuchs.
Sie schob ein Kaffeepad in die Maschine.
Verdammt, warum musste das Ding so laut sein, sie konnte Torley kaum noch verstehen.
„Sie haben kürzlich eine Sklavin erworben.“
„Gestern, richtig. Das Privileg eines freien Mannes und eine der wenigen Freuden in meinem Alter.“
„Das Mädchen stammt aus dem Besitz meines Vaters, er hat sie versehentlich verkauft.“
Ihr Puls raste und das Blut rauschte in ihren Ohren.
„Mit anderen Worten, ihr Vater hat ihnen ihr Lieblingsspielzeug verkauft Mr. Legrand. Und was soll ich da jetzt tun?“
„Ich würde sie gern zurückkaufen.“
Schweigen.
Ihr Herz hämmerte, als wollte es den Brustkorb sprengen.
Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Was brauchte sie noch auf dem Tablett?
„Und warum sollte ich sie verkaufen?“
„Warum nicht, ein austauschbares Gesicht. Und ich würde ihnen mehr bieten, als sie gekostet hat, sie machen ein gutes Geschäft.“
„Sehe ich so aus als wäre ich auf ein „gutes Geschäft“ angewiesen Mr. Legrand?“
„Nein natürlich nicht. Ich wollte auch nicht zum Ausdruck bringen, dass sie …“
Sie stellte das Kaffeegedeck auf den Couchtisch.
Das begann schief zu laufen. „Darf ich sprechen, Herr.“
„Nein!“
So barsch hatte sie ihren neuen Besitzer noch nicht erlebt.
„Sie wollen mein Mädchen kaufen, ich will sie nicht verkaufen. Beweisen sie ein wenig Fantasie, machen sie mir ein Angebot, dem ich nicht widerstehen kann. Flehen sie oder drohen sie mir. Überraschen sie mich.“
Sheebas Gedanken überschlugen sich.
Nicht aufgeben Torley.
Fieberhaft ließ sie ihren Blick durch das riesige Wohnzimmer schweifen. Sie musste ihm irgendwie helfen.
Sie ging zu dem offenen Kamin und entfachte die Naturholzscheite. Beim Aufstehen stolperte sie und streifte, wie zufällig, eines der Holobilder auf dem Kaminsims, es zeigte einen deutlich jüngeren Weißenberg und eine Frau mit schlohweißem Haar, auf keinem der Bilder war Weißenbergs Vater zu sehen.
Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Torleys Blick ihr gefolgt war.
Bitte Torley, sei ein einziges Mal brillant und denk mit.
„Wenn sie mir Sheeba verkaufen würden sie mir helfen mich gegen meinen Vater durchzusetzen.“
Sie hörte Weißenberg geräuschvoll einatmen, dann stand er auf und starrte aus einem der raumhohen Fenster auf die erwachende Stadt unter ihm.
„Wie lange kennen sie das Mädchen bereits?“
„Solange ich denken kann, wir sind zusammen aufgewachsen.“
Torley…!
Sie machte eine Handbewegung in seine Richtung.
Nicht aufhören, erzähl ihm mehr, mach weiter, komm schon, sag ihm das, was ich nicht sagen darf.
„Wir sind zusammen aufgewachsen“, er zögerte. Persönliches preiszugeben war noch nie seine Stärke gewesen, „sie hat sich bei mir ausgeweint, als ich mit sechs Jahren in die Schule musste und sie nicht mit durfte, weil sie eine Sklavin ist. Nach der Schule habe ihr alles beigebracht, was ich gelernt habe, Tag für Tag. Mit vierzehn hat sie mich vom Dach der Moonsorrow Mall geholt, als ich wegen meiner ersten großen Liebe Selbstmord begehen wollte. Sie war die erste Frau, mit der ich geschlafen habe …“
Weißenberg nickte.
„Und dann hat ihr Vater sie verkauft, trotzdem oder vielleicht, weil sie beide so miteinander verwoben waren.“
Schweigen.
„Es ist die Last der Söhne die Bürde ihrer Väter zu tragen, „flüsterte Weißenberg kaum hörbar und fuhr dann ein wenig lauter fort, „ich wollte Arzt werden, Krankheiten heilen, den Menschen helfen. Mein Vater nannte das pubertär. Ich habe mich seinen Wünschen gebeugt, und es den Rest meines Lebens bereut.“
Der alte Mann wandte sich um.
„Also gut Mr. Legrand, sie können sie haben, ihr Geld will ich nicht, ihren Dank auch nicht aber sie werden mir etwas schulden.“
Sheebas Knie waren weich wie Butter, ihr Magen war ein einziger schmerzhafter Kloß in der Mitte ihres Körpers, sie wusste, was das bedeutete und Torley wusste es auch.
„Das heißt, wenn ich den Senatssitz meines Vaters übernommen habe, werden sie mich an diese Schuld erinnern?“
„Vermutlich.“
Endlose Sekunden schien die Zeit still zustehen.
Er sah zu Sheeba hinüber, ihre Lippen zitterten, sie spürte eine warme Feuchtigkeit in den Augen, sie konnte nicht mehr.
Lass mich hier nicht zurück Torley, bitte, spring einmal über deinen Schatten, nur dieses eine Mal.
Aber sie wusste, dass er es nicht tun würde …
… nicht tun konnte.
Torley Legrand streckte die Hand aus.
„Ich stehe in ihrer Schuld Mr. Weißenberg.“
Der alte Mann nahm die Hand.
Sheeba machte einen Satz nach vorn und sprang in Torleys Arme, sie presste ihr Gesicht gegen seine Schulter und weinte hemmungslos.
„Wenn sie den Sitz ihres Vaters übernommen haben, wird die „Anti Slavery“ Bewegung im Senat wohl eine Stimme mehr haben, nehme ich an.“
Torley hielt sie fest.
„Mit Sicherheit. Es ist nicht richtig, dass ein Mensch einen Anderen besitzt wie ein Stück Vieh“.

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