Geschichte des Tages: Thomas Dellenbusch – Die Rückführung

typewriter-1007298_192006.10.2016

Geschichte des Tages

Die Rückführung

„Und? Was hat er gesagt?“
Meine Freundin saß auf dem Zweiersofa, hibbelte herum und konnte ihre Neugierde kaum bremsen. Ich ging zum Schrank, öffnete eine der Glastüren, angelte nach der Flasche Sherry und zwei Gläsern und ließ sie noch ein wenig zappeln. Es war schon aufregend, das musste ich zugeben, aber ich wollte es auskosten.
Ich setzte mich in den Sessel gegenüber, genoss ihr quengelndes „Komm schon, lass dir jetzt nicht jedes Wort aus der Nase ziehen“, schraubte die Flasche auf und schenkte uns einen gehörigen Schluck Sherry ein. Dann erhob ich mein Glas, sie das ihre, wir stießen an, und ich kippte meinen gehörigen Schluck auf einmal herunter. Auch ich war aufgeregt, aber ich wollte es mir nicht anmerken lassen.
„Er kommt morgen um drei Uhr vorbei, wenn du bei Dagmar bist. Er möchte, dass wir dabei wirklich ungestört sind“, sagte ich endlich.
Bettina stöhnte genervt auf.
„Ja, mein Gott, das habe ich mir schon gedacht. Ich will wissen, wie es geht, bzw. wie er es macht. Und was du erwarten kannst.“
Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück und antwortete: „Es ist wohl nicht ganz so spektakulär, wie man es sich vorstellt.“
„Bitteeee …“, bohrte sie nach.
„Ist ja gut, ich erzähle dir ja alles.“
Ich beugte mich vor und goss mir einen zweiten Sherry ein. Bettinas Glas war immer noch voll, so gespannt war sie auf meinen Bericht der heutigen Vorbesprechung mit jenem Mann, der meine Arbeitskollegin Monika vor drei Wochen erfolgreich in ihr Leben als Magd in England vor über 100 Jahren hatte rückführen können.
„Er macht es jedenfalls nicht mit Hypnose“, begann ich, von dem Treffen mit ihm zu erzählen.
„Wie denn dann?“
„Er nutzt eine bestimmte Atemtechnik, die er mir morgen zeigen will, in Verbindung mit einer Assoziationstechnik. Sprich: Ich konzentriere mich zum Beispiel auf das Gesicht eines mir sehr nahe stehenden Menschen, während er meinem Atem mit leisen Tönen einen bestimmten Takt vorgibt. So jedenfalls habe ich es verstanden.“
„Und das geht?“
„Bettina, ich lasse mich selbst überraschen. Bei Monika hat es funktioniert.“
Endlich trank auch meine Freundin ihren Sherry, zunächst einmal mit ersten Grundinformationen gefüttert.
„Und dann?“, begann sie erneut, nachdem sie das leere Glas abgestellt und meinen Versuch, nachzuschenken, mit der flachen Hand über dem Glas abgewehrt hatte.
„Dann werden wir sehen, was passiert“, antwortete ich pflichtgemäß.
„Thomas!!“ Bettina wurde lauter.
Ich gab nach, platzte ich doch selber fast vor Mitteilungsdrang.
„Er meint, es gäbe zwei Typen von Menschen, die er bei seinen Rückführungen bisher kennen gelernt habe. Bei den einen, bei Monika zum Beispiel, entstehen richtige Bilder. Monika konnte in dieser Halbtrance an sich herunter gucken und wirklich sehen, welche Kleidung sie trug. Sie konnte sich umsehen in der Scheune, in der sie stand, sie sah das Stroh und den Handwagen, und sie sah ihren heutigen Mann, wie er durch das Tor kam, und erkannte ihn als ihren damaligen Gutsherrn.“
„Wahnsinn“, flüsterte Bettina, die ihr Sherryglas nun doch noch einmal in Richtung Flasche schob. Ich erzählte weiter, während ich es wieder füllte und dabei nicht vergaß, mir selbst auch noch einmal nachzuschenken.
„Aber es gäbe auch jenen Typ, der keine Bilder sieht.“
„Was ist mit denen?“, warf sie ein.
„Er sagt, dieser Typ Mensch kommt nur in ein bestimmtes Gefühl, ein intensives Gefühl. Eins, das ihn zwar an etwas erinnere, an etwas, das wichtig gewesen sei, aber Bilder habe er nicht. Dann ginge es darum, nach der Session darüber zu sprechen und diese Gefühle zu interpretieren.“
„Hmm …“, kam es vom Zweiersofa zurück.
Ich stand auf, ging zur Balkontür, öffnete sie und zündete mir eine Zigarette an. Bettina gesellte sich dazu und tat es mir gleich.
„Weißt du, an was ich gerade denken muss?“, fragte sie mich, während sie den Rauch ihres ersten Zuges in die Dämmerung blies.
„Was?“
„Du hast mir doch einmal erzählt, wenn du einen Wunsch frei hättest, wärst du gerne mal für einen Tag eine Frau, um zu sehen und zu fühlen, wie das ist. Wer weiß? Vielleicht warst du ja in deinem letzten Leben eine Frau. Kann ja sein! Dann wirst du morgen während der Sitzung wissen, wie das ist. Das wäre doch toll, oder?“
Daran hatte ich noch gar nicht gedacht.
Aber noch bevor ich mich in diese Vorstellung vertiefen konnte, reizte es mich spontan, einen gemeinen Scherz daraus zu konstruieren.
„Du hast Recht, Bettina. Stell dir mal vor, ich gehöre zu jenen Typen, die nur ein Gefühl bekommen und keine Bilder. Wenn ich also morgen während der Session das Gefühl habe, dass es mir schwer fällt, einfache logische Zusammenhänge zu begreifen, dann muss ich wohl eine Frau gewesen sein.“
Meine Freundin fand diesen Scherz nicht lustig. Jedenfalls lachte sie nicht. Stattdessen sah sie mich irritiert an und sagte:
„Wie meinst du das? Das habe ich jetzt nicht verstanden …“

© 2016 Thomas Dellenbusch

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.