Geschichte des Tages: Ryek Darkener – Simulation

typewriter-1007298_1920Geschichte des Tages

Ryek Darkener – Simulation

Das Brummen der Generatoren wurde leiser. Die beiden nachtschwarzen Drohnen, die bisher frei im Hangar geschwebt hatten, sanken federleicht herab und fuhren die Fahrwerke aus. Als sie den Boden berührten, erstarb das Betriebsgeräusch der Generatoren. Die Flugzeuge sanken deutlich in die Stoßdämpfer ein. Die Luken an der Unterseite öffneten sich und Notleitern fuhren aus. Aus dem Boden kamen Energieleitungen und verbanden sich mit den zugehörigen Aufnahmepunkten der Drohnen.

Jelena ließ sich den letzten Meter fallen, kam hart auf dem Betonboden auf, knickte ein und blieb auf dem Rücken liegen. Sie zerrte sich den Helm vom Kopf und schnappte nach Luft.
Mandrine lief zu ihr und kniete neben sie. „Jelena! Alles in Ordnung?“
„Ja, verdammt!“ Jelena setzte sich auf und wischte das Blut vom Mund. „Abgesehen von wahnsinnigen Ohrenschmerzen und dem Gefühl, dass mich ein Elefant in den Arsch getreten hat!“
„Bitte?“
„Ich bin gerade gestorben! Ja! Ja! Explosive Dekompression, Ausfall des Schwerkraftausgleichs. Und dann hat sich das Ding“, sie zeigte anklagend auf die Drohne über ihr, „in einen Feuerball verwandelt!“ Sie kam schwankend auf die Beine. „Es hätte nicht sein müssen! Ich war so nahe dran! Verdammt! Verdammt!“ Sie drehte sich weg.
Mandrine stand auf und stellte sich vor Jelena. „Daran, tatsächlich zu sterben, meinst du wohl!“, schimpfte sie. „Die neuronalen Verstärker reißen dich auseinander wie Papier, wenn du in der Simulation auf hohem Realitätsniveau stirbst! Auf welches hast du deinen gestellt?“
„Achtzig Prozent.“
Mandrine starrte Jelena entsetzt an. „Ich gehe nie über vierzig! Mir reicht es, vom Datenkabinett geohrfeigt zu werden, wenn ich einen Fehler mache. Ich will dafür nicht sterben! Hast du den Verstand verloren!“
„Ich war nie klarer als jetzt.“
„Das sehe ich!“
„Mandrine.“ Jelenas Stimme war ruhig und deutlich. „Das da sind Waffen. Richtige Waffen. Nicht die Spielzeuge der Jäger und Rechtsaufseher. Sie wurden vor über 500 Jahren eingesetzt, um andere, gleichwertige Waffen zu bekämpfen. Deine Vorstellung, damit loszufliegen und vielleicht am Ende in Erfüllung deiner Pflicht zu sterben, ist ein feuchter Traum! Weil du es mit dieser Einstellung nicht lebend bis zum Einsatzort schaffen wirst. Der Hauptteil der Anstrengung ist es nicht, am Ziel den Feind zu töten, sondern überhaupt bis dahin zu kommen. Verstehst du?“
Mandrine schüttelte sich.
Jelena nahm ihren Helm auf. „Wollen wir?“
„Was wollen wir?“, fragte Mandrine ungläubig.
Jelena lächelte ein Raubtierlächeln. „Na was wohl? Ich habe mich ablenken lassen und bin deshalb gestorben. Das passiert mir nicht noch einmal.“

***

„Erstaunlich.“
„Ja. In der Tat“, stimmte Marek Imara zu. „Sie hat enormes Potenzial. Allerdings beunruhigt mich ihre Risikobereitschaft.“
„Sie erträgt große Schmerzen, um andere zu kompensieren.“
„Du meinst, sie bestraft sich damit?“, fragte Marek überrascht.
„Ich meine, sie ändert ihre Perspektive zu bestimmten Dingen.“
„Wird sie es überleben?“
„Wenn sie einen Fehler macht: nein.“

(c) 2016 Ryek Darkener

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