Geschichte des Tages: Thomas Dellenbusch – Die Waschmaschine

typewriter-1007298_1920Geschichte des Tages

Die Waschmaschine

Körnchen stöhnte auf. „Aah … meine Schulter.“
Am liebsten hätte er sich dorthin gefasst, wo der Schmerz war, aber das ging jetzt nicht. Er stand auf der zweitobersten Treppenstufe und hielt mit beiden Armen die linke Ecke dieser verdammten Waschmaschine. Sie alle stöhnten, wenn auch nicht alle vor Schmerz, aber vor Anstrengung und Mühe. Dabei waren es nur vier Stufen, die es zu überwinden galt. Die vier Stufen der schmalen Außentreppe hinter dem Haus, die hinunter in die Waschküche führte, in der alle Mieter ihre Waschmaschinen und Trockner anschließen konnten.
Elke und ich hatten endlich die passende Wohnung gefunden, um unsere beiden Haushalte zu einem gemeinsamen zu vereinen. Eine große Maisonette-Wohnung in der vierten Etage dieses Hauses. Der Umzug ging flott von der Hand, denn ich hatte meine Freunde aktiviert, mit denen ich zusammen eine Dienstgruppe der hiesigen Polizeistation bildete.
Lediglich diese vermaledeite Waschmaschine trieb uns den Schweiß aus den Poren und den Ausdruck des Schmerzes ins Gesicht. Sie stammte aus Elkes Haushalt und darüber hinaus aus den Siebzigern. Mit anderen Worten: Sie gehörte noch zu jener Baureihe, die im Fuß von einer tonnenschweren Betonplatte stabilisiert wurde. Und so eine Waschmaschine kannst du ja mal versuchen, ohne Tragegurte anzuheben, geschweige denn vier Stufen herunterzutragen. Erschwerend kam hinzu, dass der Treppenabgang schmal war und neben der Maschine auch noch ihre vier Träger aufnehmen musste.
Manni, der eigentlich Torsten hieß, aber aufgrund der Tatsache, dass er einen Proleten-Manta fuhr, Manni genannt wurde, stützte sie zusammen mit Rudi von unten. Das obere Ende hielten Peter Körner, Körnchen, und Markus Obst, der eine Zeit lang Öbstchen gerufen wurde, aus dem zwischenzeitlich jedoch ein bequemes Ö geworden war.
„Ö, versuch jetzt mal, deinen Fuß auf die nächste Stufe zu kriegen“, rief ich ihm zu, während ich zwar nicht mit an der Maschine trug, dafür aber die Verantwortung.
„Du hast leicht reden“, ächzte Ö zurück, „kannst gerne übernehmen.“
„Achtung, Achtung, Achtung!“, schrie Manni von unten, dem bei Ös Versuch, seinen Fuß auf die nächste Stufe zu bringen, seine Kante der Maschine aus den Händen zu rutschen drohte.
„Können wir mal absetzen?“
Körnchen musste sich tatsächlich weh getan haben, wenn er darum bat, denn er war mit 1,94 und fast 110 Kilogramm Muskelmasse der mit Abstand kräftigste von allen. Seit geschlagenen zehn Minuten mühten sich die Jungs ab und hatten bisher nur die erste Stufe geschafft.
Lange Rede, kurzer Sinn, die winzige Distanz von vier Treppenstufen verlangte geschlagene 30 Minuten Plackerei, Schmerzen, Krämpfe und geschätzte zwei Liter Schweiß. Aber schlussendlich hatten wir es geschafft. Gut, was heißt wir, egal, die verdammte, deutlich übergewichtige Waschmaschine stand im Waschkeller an ihrem vorgesehenen Platz, inmitten all ihrer Schwestern, und war angeschlossen.
Was ich den Jungs nicht verriet, war, dass die ganze Aktion eigentlich Sinn befreit gewesen war. Denn unsere neue Wohnung verfügte im Bad als mitgemieteten Bestandteil des Objektes über eine moderne Waschmaschine, so dass sich das lästige Auf und Ab von der vierten Etage in den Keller und zurück erübrigte. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, wurde Elkes alte Waschmaschine in den kommenden fünf Jahren bis zu unserer Trennung nicht ein einziges Mal genutzt.
Elke und ich trennten uns einvernehmlich und blieben miteinander befreundet, nachdem wir diese Maisonette-Wohnung aufgegeben und getrennt voneinander in eigene, kleinere Wohnungen gezogen waren. Für ihre hatte sie sich, verwöhnt durch den Komfort der modernen Waschmaschine im Bad, ebenfalls eine solche bestellt und entschieden, die alte im Keller auf den Sperrmüll zu geben. Damals nahm der Sperrmüll tatsächlich noch Haushaltsgeräte mit, vorausgesetzt sie wurden nicht am Stück, sondern in Einzelteilen auf dem Gehweg platziert.
Das brachte mich auf die Idee, den Jungs eine Freude zu bereiten. Ich engagierte sie erneut als Umzugshelfer und stellte ihnen dabei in Aussicht, ihre ganze Wut und ihren ganzen Hass auf diese Waschmaschine an eben dieser abreagieren zu dürfen. Niemals zuvor oder danach haben auf diesem Planeten Menschen mit mehr Begeisterung zugesagt, freiwillig bei einem Umzug zu helfen.
Manni brachte eine Axt mit und Körnchen ein Stemmeisen. Rudi hatte seinen großen Werkzeugkasten dabei, und als Ö sich unserem Haus näherte, sah man ihn die Hände reiben und mit einem breiten Grinsen rachsüchtiger Vorfreude im Gesicht.
Es war ein Schauspiel sondergleichen. Fünf gestandene Polizeibeamte schlugen, hämmerten, traten und hebelten in einer Gemeinschaftswaschküche gegen eine ordinäre Waschmaschine, deren Ende gekommen sein sollte und deren einziges Verbrechen es gewesen war, ihren Mördern fünf Jahre zuvor dreißig ebenso unverzeihliche wie unvergessliche Minuten ihres Lebens beschert zu haben.
Manni, der sich selbst gerne als untergroß bezeichnete, weil er seiner Ansicht nach lediglich zu klein für sein Gewicht sei, und dessen Statur sich von Jahr zu Jahr immer mehr der von Dirk Bach annäherte, sprang und hüpfte mit sichtlichem Vergnügen in den Backen minutenlang auf dem herausgefallenen Bullauge auf und ab, bis sich dessen Existenz in einem zerplatzten Haufen von Scherben auflöste.
Zwei volle Stunden Krach, Lärm und Gegröhle, die mich heute noch darüber wundern lassen, dass kein einziger der anderen Mieter in den Waschkeller kam, um Zeuge dieser Schlacht zu werden. Am Ende war die teuflische Kreatur besiegt und bestand nur noch aus Einzelteilen, die ganz bequem zwischen Daumen und Zeigefinger die vier Stufen der Außentreppe nach oben getragen werden konnten, wobei jedem einzelnen dieser Teile jede der vier Stufen noch einmal gezeigt und von ihren Trägern bei jedem Gang mit den Worten „Eins, zwei, drei vier“ hämisch begleitet wurde. Nach getanem Werk spülten wir unseren Triumph mit Bier herunter und fegten die Reste des Gemetzels in einen großen Sack.
Diese brasilianische Redewendung gab es damals noch nicht, aber heute würde man sagen, das sei damals unser 1:7 gewesen, denn als Elke und ich Tage später vor der Schlüsselübergabe noch einmal die ganze Wohnung inspizierten und am Ende im Keller ankamen, deutete meine Freundin auf eine der anderen Waschmaschinen und fragte mich verwundert:
„Was macht denn meine alte Waschmaschine noch hier. Ihr wolltet die doch …“
Den Rest der Frage nahm ich schon nicht mehr auf.

(c) Thomas Dellenbusch

Mein Kopfkino

 

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