Geschichte des Tages: Sandra Karin Foltin – Die letzten Drachen

typewriter-1007298_192010.10.2016

Geschichte des Tages

Sandra Karin Foltin – Die letzten Drachen

Zartan sah seine Gefährtin an, Schmerz tobte in der Brust, wie sein eigenes Drachenfeuer.

Rajana lag im Sterben, das wussten sie beide.

Seit siebenhundert Jahren war sie seine Gefährtin, viele Kinder hatten sie großgezogen. Jetzt waren sie die letzten ihrer Art. Wenn sie gehen würde, ertrank er in einem Meer aus Einsamkeit. Aber Zartan hatte nicht vor, sie lange zu überleben.

Mühsam öffnete Rajana die Augen, die jetzt golden waren, und nicht mehr grün, wie bei einem jungen Drachen. »Sieh mich nicht so an! Es ist alles so, wie es sein soll!«, flüsterte sie.

Zartan schnaubte. Sie war immer schon sanft, gut, geduldig gewesen, das perfekte Gegenstück zu ihm. »So soll es nicht sein! Ich kann nicht ohne dich sein!«

Sie griff nach seiner Klaue. »Du willst es nicht, das ist etwas anderes!«, wies sie ihn zurecht.

»Das stimmt, ich will es nicht!«, donnerte der alte Drache. Dann wurde seine Stimme leise: »Bitte lass mich nicht allein!«

Rajana schüttelte leicht den Kopf. »Das ist nicht meine Entscheidung. Es ist an der Zeit. Und du musst bleiben, bis deine Zeit gekommen ist! Du hast es geschworen!«

Zartans Stimme donnerte laut durch die Höhle, die ihr Zuhause war. »Geschworen? Den Menschen? Warum soll ich mich an unseren Schwur halten, wenn sie es nicht tun?«

»Die Drachen haben geschworen, sie zu lehren und zu beschützen! Wir sind weiser als sie! Jahrhunderte lang haben sie uns geachtet und unsere Lehren angenommen.« Erschöpft schwieg Rajana.

»Ja, bis sie anfingen sich für klüger zu halten. Sie verfolgten und töteten uns! Unsere Kinder! Hast du das etwa vergessen?«

Strafend sah sie ihn an, aber ihren Schmerz zu sehen, tat ihm mehr weh. »Natürlich nicht! Du weißt genau, dass wir bis zum letzten Atemzug gebunden sind. Wir müssen den Menschen helfen, auch, wenn sie es nicht wollen.« Jetzt lächelte sie  wieder. »Und ich weiß, dass du deinen Schwur halten wirst, mir zuliebe!«

Zartan knurrte, aber er nickte. Sein Herz wurde schwer, nicht einmal die Möglichkeit, ihr zu folgen, ließ sie ihm. »Aber die Menschen werden uns vergessen. Weil wir die Letzten sind, haben sie das schon fast. Immer mehr von ihnen behaupten, dass wir nie existiert haben, eine Legende sind!«

Rajana nickte. »Umso mehr brauchen sie uns!«

»Sie werden die Lehren und Weisheit der Drachen vergessen. Wieder ziehen sie in den Krieg, werden sich gegenseitig töten. Sie verschmutzen ihre Welt, so dass sie kaum noch in ihr leben können. Achtlos und ohne Respekt, werden sie Krankheiten schaffen, die die Natur nicht mehr heilen kann. Sie bringen sich selbst um, die ganze Menschheit. Aber das Schlimmste ist, vorher töten sie die Menschlichkeit. Jeder denkt nur an sich selbst! Warum sollte ich versuchen, sie zu retten? Mit dir und mir stirbt die Weisheit der Drachen! Vielleicht ist es gut, wenn die Menschen sich selbst vernichten. Außerdem hat es der Rat der Drachen so bestimmt!«

»Wir sind die Letzten, also sind wir der Rat der Drachen!«

Beim Zuhören hatte Ranjana die Augen geschlossen, jetzt öffnete sie sie langsam wieder. Sie erwiderte den Blick ihres Gefährten.

Zartan kannte sie lange genug. »Was hast du getan?«, flüsterte er. Angst griff nach seinem Herzen, die noch größer war als sein Schmerz.

»Ich habe den Menschen Hoffnung geschenkt!«, flüsterte sie zurück.

»Was hast du getan?«, wiederholte der alte Drache.

»Die Menschheit wird fast ausgestorben sein, bevor sie verstehen, aber dann brauchen sie uns! Unsere Weisheit, unseren Glauben. Sie werden mächtige Drachen brauchen, dafür habe ich gesorgt!« Ein Strahlen huschte über Rajanas Gesicht.

»Was?«, wiederholte Zartan erneut.

»Ich habe zwei Eier hinterlassen, all unser Wissen und unsere Magie hineingegeben. Es wird der Grundstock eines neuen Zeitalters sein, von Drachen und Menschen!«

Zartans gesamte Kraft schien aus ihm zu weichen, er wusste, was seine Gefährtin sagen würde.

»Du muss ihr Wächter sein. Der Wächter der letzten Drachen. Schwör mir, dass Du sie beschützen wirst, bis der richtige Mensch für sie kommt. Einer, der sich würdig erweist, die Lehre und Magie der Drachen zu lernen.« Drängend sah sie ihn an. »Schwöre es!«, Rajanas Stimme wurde ganz leise.

Der alte Drache holte tief Luft, als er ihr in die Augen sah. »Ich schwöre es, bei allem, was mir heilig ist. Ich werde ihr Wächter sein, bis der richtige Mensch für sie kommt, wie lange es auch dauern mag! Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch, und das ist es, was uns mit den Menschen verbindet, die Liebe!« Dann brach das Licht in ihren Augen, sie war fort.

Zartan stürzte aus der Höhle, breitete die mächtigen Schwingen aus. Immer höher flog er, immer schneller. Hilflos schrie er seinen Schmerz und seinen Zorn heraus. In seinem Inneren fragte er sich, ob die Liebe zu Rajana über all die einsamen Jahrhunderte so stark blieb, das sie den brennenden Hass auf die Menschen, die dieses schreckliche Schicksal verschuldet hatte, mildern konnte.

Bis er die Antwort kannte, würde er sein Wort halten, und der Wächter der letzten Drachen sein.

(c) Sandra Karin Foltin

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2 Kommentare zu Geschichte des Tages: Sandra Karin Foltin – Die letzten Drachen

  1. Wiebke Worm sagt:

    Wow, toll geschrieben. Danke 🙂

  2. Vero KAa sagt:

    Eine wunderbare Geschichte und sie passt richtig in unsere Zeit…Ja., die Menschen vernichten sich selbst… sehr, sehr traurig, aber wahr.
    Liebe Sandra danke für die wunderbare Geschichte..
    Vero

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