Geschichte des Tages: Zarah Nolan – Das weiße Kleid

typewriter-1007298_192011.10.2016

Geschichte des Tages

Zarah Nolan – Das weiße Kleid

Zufrieden lächelnd, die Hände über den edlen Stoff streichend, stand Teresa vor der Kleiderpuppe und begutachtete ihr Hochzeitskleid. Noch eine Woche, dann würde sie gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem Verlobten Timothy das Schiff besteigen, auf dem ihre Hochzeit stattfinden sollte. Teresa wandte sich vom Anblick des Kleides ab, sah auf das Foto von Timothy, welches ihren Schreibtisch schmückte und lächelte erneut.

TT, das waren ihre Initialen. So waren sie von einem Schreinermeister in das zukünftige Ehebett geschnitzt worden, eng umschlungen, in Ranken aus Efeu und Wein. Noch stand es in der Werkstatt des Meisters, doch schon bald würde es in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer stehen, in dem Haus, welches Timothy von seinen Eltern geerbt hatte. Ein großzügiges Stadthaus in London.

Teresa fühlte sich schon jetzt wie eine Prinzessin, dieses Kleid würde sie vollends in eine verwandeln. Wie lange hatte sie die Schneider zur Höchstform angespornt, sie angeschrien und geweint, weil es ihrer Meinung nach nie perfekt war? Doch jetzt war es das. Das perfekte Hochzeitskleid.

Sie hatte sich für einen elfenbeinfarbenen Batiststoff entschieden, da diese Farbe ihrem hellen Teint mehr schmeichelte, als hartes reinweiß. Das bodenlange Kleid im Empirestil, mit transparenten Ärmeln und Hofschleppe, war bestückt mit unzähligen Perlen und Schmucksteinen, die im diffusen Lichtschein der Lampen in allen Facetten funkelten. Ja, es war Teresas Traumkleid und nichts auf der Welt würde sie davon abbringen, es an ihrem großen Tag zu tragen.

Eine Woche später bestiegen sie das Schiff. Teresa hielt Timothys Hand fest umklammert, als die Anker gelichtet wurden. Nie zuvor war sie aufgeregter gewesen! Diese Reise war der Beginn in eine neue Zukunft. Gemeinsam mit dem Mann, den sie über alles liebte und mit dem sie alt werden wollte.

Als die Welt aus Stahl sich in Bewegung setzte, trat Teresa von einem Bein auf das andere. Sie hätte Timothy überall geheiratet, selbst auf einem Fischkutter. Doch diese Möglichkeit, eines der herrschaftlichsten Schiffe der Welt zu besteigen und darauf über den Ozean zu fahren, durchströmte sie mit einem Glücksgefühl, wie nie zuvor.

Noch immer hielt sie die Hand des Verlobten, als sie sich zu ihrer Kabine aufmachte. Vor der Türe stellte sie sich auf die Zehenspitzen, küsste seine weiche Lippen und hauchte: „Schon in wenigen Tagen, werde ich deine Braut sein, mein Liebster.“

Unter den achtsamen Augen der Eltern betrat sie ihre Kabine. Nie wäre Teresa eingefallen, ihre Unschuld für ein flüchtiges Abenteuer aufs Spiel zu setzen und auch Timothy hatte gewartet. Doch nun begann sie des Wartens leid zu werden. Zu sehr verzehrte die beiden das Verlangen, weswegen Teresa in dieser Nacht kaum schlafen konnte und beschloss, ihrer heimlichen Begierde nachzugeben. Was sollte schon passieren? Sie waren einander versprochen, würden in wenigen Tagen heiraten und ihr gemeinsames Leben beginnen. Doch Teresa ging nicht. Mit der Vorstellung an eine gemeinsame Nacht, zog sie sich die Bettdecke über den Kopf und schlief ein.

Am Tag der Hochzeit konnte sie es kaum erwarten, ihr Kleid anzuziehen. Dieses Symbol der Reinheit, welche sie schweren Herzens aufrecht erhalten hatte, würde ihr Timothy heute Nacht vom Leib reißen. Sie würde sich hingeben, in all ihrer Erwartung, ihrer Lust und dem Versprechen, nur ihrem Ehemann zu gehören. All das, was sich Teresa immer gewünscht hatte.

Ihre Mutter half beim Ankleiden. Teresas blondes Haar war zu einer wundervollen Flechtfrisur gesteckt worden, als Krönung der transparente, zarte Schleier, mit dem Blumenkranz aus Jasmin. Es war der vierzehnte April, der Tag, den sie nie vergessen wollte. Ihr Hochzeitstag!

An Deck hatten sich neben ihren Eltern und den Trauzeugen, auch einige der Passagiere eingefunden, um der Zeremonie beizuwohnen. Teresas Schwester Amalia war ihre Trauzeugin, und für Timothy stand sein bester Freund Sean bereit. Kapitän Smith begann mit seiner Rede und Teresa schaute sich bester Laune um. Sie lächelte in Gesichter, die sie nicht kannte, freute sich auf den Moment, in dem sie „Ja, ich will“ sagte. Sah die Zukunft in rosigen Farben und glaubte an das Glück, das Timothy ihr versprach.

Es war schon später Abend, doch die Feierlichkeiten hielten an. Teresa war seit sechs Stunden verheiratet und wollte jetzt endlich mit ihrem frischgebackenen Ehemann alleine sein. Glücklich wirbelte er sie im Kreis umher, küsste ihre Nasenspitze und führte sie hinaus aufs Deck.

„Ist es so, wie du es dir erträumt hast, Liebste?“, fragte er, und als sie selig nickte, presste er seine Lippen auf ihre und küsste sie stürmisch.

Bis zu diesem Moment hing für Teresa der Himmel voller Geigen. Bis just zu dem Augenblick, als ein heftiger Ruck das Schiff erschütterte und alles außer Kontrolle geriet. Ehe sie begriff was geschehen war, rannten Matrosen und Passagiere gleichermaßen durcheinander. Teresa starrte wie gebannt auf den Eisberg, der wie stummes Mahnmal aus dem Wasser ragte und an dessen eisiger Kruste das Schiff zerbarst.

Hilflos stand sie an der Reling der sinkenden RMS Titanic. Bereuend, dass sie in jener Nacht, in der ihr Begehren so stark gewesen war, nicht nachgegeben hatte. Timothy war in die Fluten gestürzt, ihre Eltern befanden sich weiß Gott wo. Hilflos, alleine und jungfräulich, starr vor Angst, bekleidet mit einem weißen Kleid, welches ihr den schönsten Augenblick ihres jungen Lebens schenken sollte. Nun wurde es ihr Leichengewand. Teresa wartete nicht mehr auf ihr Schicksal. Bevor das Schiff endgültig im eisigen Nass versank, breitete sie die Arme aus und schwebte verzweifelt in die Tiefe. Ihr wunderschönes Hochzeitskleid bildete auf der Wasseroberfläche die Silhouette eines Engels und genau so starb sie auch. Wie ein Engel, der die Hoffnung verloren hatte.

(c) Zarah Nolan

Facebook Autorenseite

 

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.