Geschichte des Tages: Tina Wolff – Der Pakt

typewriter-1007298_1920Geschichte des Tages

Tina Wolff – Der Pakt

„Herr? Ich brauche etwas.“
„Jeder, der hierher kommt, braucht etwas.“
Das kurze Lachen aus der Dunkelheit klang wie eine Mischung aus Müdigkeit und Restamüsement. Dann war nur schwerer Atem aus der Grotte zu hören, die hoch oben in den schiefergrauen Bergen lag.
Das konnte Schreiberling sich wohl denken, dass jeder, der diesen Weg auf sich genommen hatte, es nur deshalb tat, weil er etwas brauchte. Lange hatte er mit sich gerungen, immer wieder war er verzweifelt, hatte sich die Nächte um die Ohren geschlagen und war tagsüber kaum ansprechbar gewesen.
„Herr?“, fragte er vorsichtig nach, weil er nicht wusste, ob der schwere Atem, den er hörte, Schlaf oder lediglich Langeweile bedeutete.
„Sag, was du brauchst. Frauen? Wein? Geld?“
„Ähh… nein… das alles brauche ich nicht. Wozu auch?“
„Wozu auch?“ Russ quoll aus der Grotte und Schreiberling stolperte rückwärts über den Schotterweg. Hustend wedelte er nach frischer Luft und erkannte zwei gelbe Augen im schwarzen Qualm. Die Stimme, nun dicht bei ihm, dann in ihn eindringend, in seinen Kopf, in seinen Bauch, durchstöberte sein Innerstes.
„Soso, du bist der Schreiberling. Ein getriebener seiner Phantasie. Ja, du hast viel davon. Sehr viel.“
Keuchend krachte Schreiberling rücklings an eine Felswand. Er spürte in sich etwas herumwuseln, als würde ein Marder einen Karnickelbau durchstöbern, aber er konnte nichts dagegen tun. Unwillkürlich dachte er an seine Eltern, die ihn immer auf den rechten Weg bringen wollten, die an ihm gescheitert waren, weil er den rechten Weg nicht gehen wollte, weil er schreiben musste. Sie hatten ihm immer und immer wieder gesagt, es sei…
„…brotlose Kunst. Ja. Und sie hatten Recht, nicht wahr?“, vollendete die Stimme aus der Grotte – aus seinem Inneren – seine Gedanken.
„Ja, Herr“, gab Schreiberling kleinbei, denn wer war er denn schon? Ein Nichts, ein Niemand, der es noch nicht einmal schaffte, einen geregelten Tagesablauf hinzubekommen.
Die gelben Augen vor ihm fixierten ihn, kamen dichter und schon stöberte die Stimme wieder in seinem Innersten herum, wie ein Jagdhund. „Lass mich sehen, was du brauchst. Ideen sind es nicht, nein. Davon hast du viele. Zu viele. Soll ich dir welche nehmen? Nein? Gut, dann behalte sie. Was brauchst du? Was?“
„Ich brauche Zeit“, hauchte Schreiberling.
Es tat einen Schlag, dass der graue Schieferberg erzitterte. Als hätte ihn eine unsichtbare Kraft zu Boden geschleudert, fiel und rutschte Schreiberling den felsigen Abhang herunter und konnte sich gerade noch an einer dürren Baumwurzel festhalten. Seine feinen Finger waren es nicht gewohnt zu arbeiten, hatten nie zugepackt, außer den Federkiel und das Pergament. Die Baumwurzel, hart und rau, zog Striemen in seine weiche Haut. Am steinigen Abhang hängend, drehte Schreiberling sich um und betrachtete seltsam seelenruhig die Welt von oben. Unter ihm verzog sich der Nebel, gab den Blick frei auf die Landschaft, die er kannte. Dort war das kleine Städtchen, in dem er geboren und aufgewachsen war, wo seine Eltern lebten, wo seine Arbeit war. Dort, wo ihm niemals so etwas zustoßen würde, wie das, was er gerade eben erlebt hatte.
Der Teufel hatte von ihm Besitz ergriffen, hatte ihn ausspioniert und erkannt. Er hatte sich in ihm eingenistet und sein Leben angenommen. Wer konnte das schon von sich behaupten?
Genau dieser Gedanke war es, der Schreiberling dazu veranlasste die knorrige Baumwurzel loszulassen. Er schaute in den strahlend blauen Himmel, spürte den Nebel, der aus dem Tal hochzog und seine Beine umspielte. Er lächelte und öffnete die Hände.
Krachend landete er auf dem Dielenboden in seiner kleinen Stube. Die Standuhr schlug zur dritten Stunde in der Nacht.
Er war wohl mal wieder an seinem Schreibpult eingeschlafen. Wie so oft, weil er nicht genug Zeit hatte zum Schreiben. Verwirrt stand er auf und guckte im schwachen Licht der Kerze um sich herum. Alles lag voll mit Pergament und jede Seite, jede Rolle war beschrieben, von ihm. In seiner Handschrift. Der Federkiel, abgewetzt und stumpf, lag am Kamin, das Tintenfass leer und ausgetrocknet kullerte über den Boden.
Er erinnerte sich an den Traum, an die Stimme in seinem Inneren und an das Fallen, das so schön gewesen war. Ein Gefühl der Glückseligkeit durchströmte ihn, als er alle Papiere an sich raffte, alle seine Geschichten, seine Phantasien in nur einer Nacht geschrieben.
Es klopfte. Immer noch verwirrt durchschritt Schreiberling seine kleine Stube, öffnete die Tür und sah vor sich im Dunkeln eine Frau, die ihn verängstigt ansah.
„Herr? Ich brauche etwas“, hörte er sie sagen.
Er roch zu ihr hin, in sie hinein und sagte mit einer Stimme, die nicht die seine war: „Jeder, der hierher kommt, braucht etwas.“

(c) Tina Wolff

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