Geschichte des Tages: Thomas Dellenbusch – Die Neue im Dorf

typewriter-1007298_192014.10.2016

Geschichte des Tages

Thomas Dellenbusch – Die Neue im Dorf

Die Neue avancierte vom ersten Tage an zum heftigen Dorfgespräch unter den Erwachsenen und zur spätabendlichen Fantasie der pubertierenden Jungen wie Berni Kranz.
An ihrem ersten Tag in Seilersfeld stöckelte sie auf hohen Absätzen durch die Ortschaft, die ihre langen, schlanken Beine noch langgestreckter erscheinen ließen. Bedeckt wurden diese nur notdürftig von einem blau-weiß melierten Kleidchen, dessen Saum gerade einmal ihre Knie erreichte und das unverschämt eng ihre schwungvollen Hüften und die runde Apfelform ihres Hinterns betonte. Das Schlimmste (oder Aufregendste, je nach Gusto des Betrachters) war jedoch das, was sich eben jenem Betrachter oberhalb der Gürtellinie darbot.
Eine gertenschlanke Taille erweiterte sich zu einer beträchtlichen und ebenso festen wie ausladenden Oberweite, deren Fähigkeit, die Blicke auf sich zu ziehen, nur noch von der jugendlichen Schönheit eines Gesichtes übertroffen wurde, wie es die Jungen in Seilersfeld noch nie und die Alten nur im Kino jemals gesehen hatten.
Tief dunkelbraune und große Augen bildeten zusammen mit einer zarten Nase, einer reinen und leicht gebräunten Haut, erhabenen Wangenknochen und vollen roten Lippen ein engelsgleiches Antlitz, das umspült wurde von einer offen getragenen Mähne vollen schwarzen Haares, welches sich in natürlichen Wellen über Schultern und Rücken ergoss.
Zunächst hätte an diesem ersten Tag bei den Dorfbewohnern in Seilersfeld der Eindruck entstehen können, eine berühmte Diva des internationalen Films habe sich hierher verlaufen, wäre da nicht der siebenjährige Paul an ihrer Hand gewesen, den diese Fremde an eben diesem Tage an der Grundschule von Seilersfeld anzumelden gedachte. Und obwohl ihr die Tatsache, eine Mutter zu sein, zu einer allseits die Gemüter beruhigenden mehr oder weniger stillschweigenden Duldung hätte verhelfen können, war es ausgerechnet dieser Umstand, Mutter zu sein, der ihr die von Tag zu Tag spürbar werdende Missbilligung der Dorfgemeinschaft eintrug.
Denn sie war ohne Mann.

Und so stöckelte sich Yvonne Schmidt an ihrem allerersten Tag in Seilersfeld direkt und ohne Umwege in die Kopfkinos der Jungen, in die Blutbahnen der Männer und in die Gallen der Frauen. Hätten letztere sich zu jener Zeit nicht nur über Rezepte, Königshäuser oder das unmögliche Kostüm von Frau Soundso beim letzten Gottesdienst ausgetauscht, sondern auch über ihr eigenes Intimleben (was natürlich völlig undenkbar war), so wäre es ihnen untereinander aufgefallen, dass ihre Männer in den ersten Tagen nach Yvonne Schmidts Ankunft häufiger mit ihnen geschlafen hatten als sonst.
Aber darüber redete man nicht.
Für Berni Kranz war diese fremde Frau ein Zauberwesen, eine Göttin. Sie hatte etwas so Unwirkliches, etwas so über allen Dingen der Welt Schwebendes, dass er einmal stocksteif an der Haltestelle stehen blieb, als er mittags dem Schulbus entstiegen und sie auf dem gleichen Gehweg auf ihn hatte zukommen sehen. Mit jedem ihrer sanften, fast tänzelnden Schritte warfen ihre hin und her schwingenden Hüften kleine Wellen in die flirrenden Lichtpartikel der schwülen Juniluft, die sich ausbreiteten und um ihren Körper herum eine Aura schufen, in der sich die Zeit abzubremsen schien.
Selbst die Spatzen, die von Baumkrone zu Baumkrone flogen, schienen in ihrer Nähe wie Bussarde in der Luft verharren zu können, als bemühten auch sie sich, einen ungestörten Blick zu tanken von einem Zauber, wie ihn die Natur nur in ganz besonderen Momenten hervorzubringen vermochte. Als sie näher kam, konnte Berni in ihrem Ausschnitt den Ansatz ihres Busens sehen, in dem ebenfalls bei jedem ihrer Schritte kleine Wellen waberten. So wie bei Götterspeise, wenn man an den Tisch stieß. Und als sie ihn und die Haltestelle erreichte, fiel aus ihren großen warmen Augen ein wohlwollender Blick und von ihren verheißungsvollen Lippen ein sanftes Lächeln auf ihn herab. Dann war sie auch schon an ihm vorbei und ließ, während sie sich entfernte, einen Hauch von Lavendel zurück.
An diesem Abend konnte er erst spät einschlafen.

Am darauf folgenden Sonntag hatte der Pfarrer von seiner Kanzel herab von der Schönheit gepredigt. Nicht von Yvonnes Schönheit im Speziellen. Um Himmels willen, nein! Einfach so ganz allgemein von der Schönheit. Dass sie nämlich selbstverständlich, wie alles andere auf Gottes Erdenrund auch, vom liebenden Schöpfer erschaffen und daher grundsätzlich gut und göttlich sei. Aber dann fand er einen schönen Bogen zu seinem eigentlichen Anliegen. Denn wie andere verführerische Dinge, zum Beispiel Macht oder Besitz, sei auch die Schönheit anfällig, vom Teufel zweckentfremdet, ja missbraucht zu werden, um die Gottesfürchtigen in Versuchung zu führen.
Er ging auf die Frage ein, woran der Gläubige erkennen könne, ob sich ihm eine Schönheit in göttlicher Gestalt darbot, oder ob sich hinter ihr die teuflische Fratze des Satans verbarg. Zu diesem Zweck las er aus Matthäus, Kapitel 7: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.
Gute Bäume trügen keine schlechten Früchte und schlechte Bäume keine guten. Prüft, wenn ihr der Schönheit Antlitz schaut, welche Art Früchte sie hervorgebracht, erschaffen oder geboren hat. Er sagte tatsächlich »geboren«. Sind es gottgefällige Früchte oder solche, die aus Sünde entstanden sind. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, und dann urteilt die Schönheit, in deren Antlitz ihr schaut.
Diese Predigt, fand Berni, präsentierte sich selbst in einer gewissen Schönheit.
Amen.

(c) Thomas Dellenbusch

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte / Gedicht des Tages abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.